Journalisten: Wegelagerer und Indiskretins. Helmut Schmidt

Très Bonn

In Berlin ist die Republik oberflächlicher geworden. Zeit, sich an die alte Bundeshauptstadt Bonn zu erinnern.

Die Talkshow ersetzt den Bundestag, die Medienschlagzeile den politischen Diskurs – Politik findet vor den Kameras und Mikrofonen statt. Statt Nachdenken, Gedankenaustausch und Ringen um die besten Lösungen sind Lautsprechertugend und hektische Betriebsamkeit angesagt. Zeit also, sich das in Erinnerung zu rufen, worum es im Kern geht: um unsere Demokratie, um das Kostbarste, was unser Staat uns zu bieten hat. Weil Demokratie Freiheit bedeutet und Menschenwürde.

Um diese Begriffe ging es, als sich am 1. September 1948 der Parlamentarische Rat in Bonn zu einer konstituierenden Sitzung zusammenfand. Sie galt es mit Inhalt zu füllen, indem sie in einem Grundgesetz festgeschrieben wurden, auf dem Deutschland seine Zukunft gründen konnte. Die 65 Frauen und Männer des Parlamentarischen Rates berieten in einer Stadt, die ebenso vom Krieg zerstört war wie so viele andere deutsche Städte, deren überlebende Bewohnerinnen und Bewohner versuchten, aus den Trümmern etwas aufzubauen, das tragfähig war, das über den Tag hinausweist. Genau das war auch die Aufgabe des Grundgesetzes.

Demokratie muss immer wieder beatmet werden, sonst erstickt sie

Bonn ist deshalb untrennbar verbunden mit der Entwicklung der Demokratie und Freiheit in der Bundesrepublik. Der Name Bonn steht für die friedlichste und stabilste Demokratie auf deutschem Boden. Bonn ist die Stadt unseres Grundgesetzes, das bis heute Vorbild für zahlreiche Staaten in aller Welt ist. Von Bonn aus wurde der Ruf nach Freiheit und Demokratie in unserem Land zum Manifest.

Das ist für Bonn eine Verpflichtung. Wir wollen auch heute Begeisterung für Demokratie ausstrahlen. Während Bonn heute für die Bundesrepublik eine neue Rolle als zweites politisches Zentrum und deutsche UNO-Stadt mit 18 Einrichtungen der Vereinten Nationen übernommen hat, ist die Stadt zugleich der Ort, an dem das Wachsen und Werden unserer Demokratie sichtbar und erlebbar ist. Hier sollten alle Kinder und Jugendliche unseres Landes mindestens einmal gewesen sein, um anschaulich zu erfassen, wie Demokratie entstanden ist, und zu begreifen, dass man sie schützen muss – jeden Tag. Hier kann man begreifen, dass Demokratie nicht selbstverständlich vom Himmel fällt, sondern immer wieder neu belebt und beatmet werden muss, weil sie sonst erstickt und stirbt.

Anschauungsobjekte für das Gelingen einer Demokratie gibt es in Bonn reichlich. Wer die Stätten der „Bonner Republik“ besuchen möchte, braucht sich nur auf den „Weg der Demokratie“ zu begeben, einen Rundgang zu den Orten und Gebäuden, von denen aus 50 Jahre lang unser Land gestaltet wurde, ehe die Öffnung der Mauer und der Einigungsvertrag die politisch-geografische Landkarte unseres Landes veränderte und Berlin Regierungssitz wurde – nach einer Entscheidung, die erst nach einem Ausgleich der Interessen zustande kam, also in bester demokratischer Manier.

Herzstück der „Bonner Republik“ war der Bundestag. Von der einstigen Pädagogischen Akademie, in dem er bis Ende der 80er-Jahre untergebracht war, ist kaum noch etwas zu sehen. Der 1992 fertiggestellte neue Plenarsaal ist dagegen dank seiner lichtdurchfluteten Transparenz gebautes Symbol der demokratischen Verfasstheit unseres Landes.

Nachhaltigkeit, Frieden und Menschenrechte sind die Botschaften

Wer auf den Stühlen des alten Plenarsaales Platz nehmen will, kann dies im „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ tun, nur wenige Hundert Meter vom Parlamentsgebäude entfernt. Hier wird deutlich, wie aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs das Land seinen erfolgreichen Weg ging – ermöglicht durch eine demokratische Verfassung, um die uns Menschen in aller Welt beneiden. Hier wird Historie zur erlebten Zeit.

Im Museum Koenig ist Adenauers erstes Arbeitszimmer zu besichtigen, im Palais Schaumburg sein Kanzlerbüro. In der nahegelegenen Villa Hammerschmidt residiert der Bundespräsident, wenn er Termine von seinem Bonner Amtssitz aus wahrnimmt. In das einstige Kanzleramt ist ein Ministerium eingezogen, der Kanzlerbungalow steht für Besichtigungen und Konzerte bereit.

Eine Brücke von der „Bonner Republik“ zur neuen Rolle Bonns als deutsche UNO-Stadt schlägt der „Lange Eugen“, das ehemalige Abgeordneten-Hochhaus am Rhein. Heute arbeiten hier die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von 18 UNO-Einrichtungen. Nachhaltigkeit, Frieden und Menschenrechte sind die Botschaften, die von hier in die Welt hinausgehen.

Demokratie in Bewegung muss den Menschen folgen

Bonn erinnert auch mit dem Internationalen Demokratiepreis an die historische Bedeutung der Stadt als Wiege der deutschen Demokratie. Der Preis soll Menschen in aller Welt darin bestärken, sich für Demokratie, Frieden, nachhaltige Entwicklung und Gerechtigkeit einzusetzen. Václav Havel war 2008 der erste Preisträger.

Demokratie ist nicht etwas, das man einmal errungen hat und das dann bleibt. Demokratie muss immer wieder neu erobert und bekräftigt werden. Demokratie in Bewegung muss daher den Menschen folgen. Das geht mit intensiver Bürgerbeteiligung; Bürgerinnen und Bürger müssen in wichtigen Fragen – und das geht auf kommunaler Ebene besonders gut – auch zwischen den Wahltagen befragt werden. Nur wer mitbestimmen kann, wird auch mitgestalten wollen, und darauf sind wir angewiesen: auf die vielen Ehrenamtlichen, die gestalten und die den Herzschlag der Stadt ausmachen, weil sie sich engagieren. Die Menschen wollen mitreden und handeln, nicht nur behandelt werden. Sie wollen mehr Dialog, als Talkshows ihnen bieten. Sie wollen selbst Teil der großen „Show“ sein, und auf diesem Weg bringen sie ihre Tatkraft ein, um Demokratie zu erneuern.

Und das ist vielleicht die wichtigste Botschaft, die von der „Bonner Republik“ an die „Berliner Republik“ ausgeht: Sie muss ein bisschen „direkter“ werden. Wagen wir wieder mehr Demokratie.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hans Schaidinger, Eberhard Diepgen, Ole von Beust.

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