Einen Vorsprung im Leben hat, wer da anpackt, wo die anderen erstmal reden. John F. Kennedy

Das gefährliche Zögern des John N.

Ein einzelner Autofahrer schafft es, die amerikanische Hauptstadt lahmzulegen. John Nestors Geschichte illustriert, was passiert, wenn wir aus übertriebener Vorsicht Chancen verpassen.

Bevor der Verkehr auf den Autobahnen um Washington, D.C. unerträglich wurde, gab es einmal eine Zeit, in der man sich nicht nur im Schneckentempo bewegen konnte. Lediglich an einer bestimmten Stelle des Autobahnnetzes stauten sich jeden Morgen zur gleichen Uhrzeit die Autos. Die Verkehrsplaner waren ratlos, denn es gab in der Gegend keine offensichtlichen Hindernisse oder Fahrbahnverengungen. Irgendwann fanden sie heraus, dass ein einzelner Autofahrer für die Staus verantwortlich war. Jeden Morgen fuhr er auf der linken Spur zur Arbeit, immer exakt mit der erlaubten Geschwindigkeit und damit langsamer als die meisten anderen Verkehrsteilnehmer.

Als die Geschichte an die Öffentlichkeit kam, häufte sich der Protest. Verärgerte Leserbriefe gingen bei den Washingtoner Zeitungen ein, bis sich der Verursacher John Nestor irgendwann selbst zu Wort meldete. Es gäbe nun einmal ein Tempolimit, schrieb er, und er halte sich lediglich an die Regeln. Wenn andere Fahrer lieber rasen wollten, dann sei das ihr Problem. Nestor fuhr weiter wie vorher, und die Staus hielten an. In Washington ist dieses Verhalten als „Nestoring“ bekannt geworden: Nur weil sich ein Einzelner etwas zu pingelig an die Gesetze hält, werden alle anderen ausgebremst.

Die Kosten des Zögerns

Das wäre eine lustige Geschichte, wenn es nicht Herrn Nestors Job gewesen wäre, bei der US-Gesundheitsbehörde über die Zulassung neuer Medikamente zu entscheiden. Über Jahrzehnte hinweg verteidigte er das öffentliche Interesse, indem er sich so eng wie möglich an den Wortlaut des Gesetzes hielt. Vorschläge für neue Medikamente und experimentelle Studien stapelten sich. Zulassungen wurden verschoben, neue Technologien sollten in immer neuen Studien erprobt werden. Irgendwann merkten sogar die zögerlichsten Bürokraten, dass sie es mit einem Problem zu tun hatten. Nestor wurde gefeuert – und wieder eingestellt, nachdem ein Richter zum Ergebnis gekommen war, er habe lediglich nach dem Gesetz gehandelt.

Nestors Verhalten änderte sich auch nach der gerichtlichen Auseinandersetzung nicht. Er pochte darauf, jedes Medikament müsse absolut sicher sein, bevor er sein Einverständnis geben könne. Das Problem: Es gibt kaum Medikamente, die keine Nebenwirkungen haben. Als er letztendlich in den Ruhestand ging, wurde er von Verbraucherschützern für seine harte Haltung gepriesen. Der Legende nach hat er im Laufe seine Karriere kein einziges neues Medikament zugelassen.

Ein zentraler Punkt kam allerdings in der ganzen Diskussion nicht vor: die Kosten des Zögerns. Wenn eine neue Technologie helfen kann, tausende Leben pro Jahr zu retten, sollten wir dann nicht die Sterbefälle gegen die Kosten aufrechnen, die durch eine permanente Verzögerung verursacht werden? Kann es sein, dass Risikobewusstsein und Vorsicht selbst eine Gefahr darstellen? Kann es sein, dass moralische Bedenken ihrerseits zu moralischen Dilemmata führen? Wir wissen es nicht genau, denn die Kosten des Nicht-Handelns sind immer spekulativ. Wir haben keine Statistiken zu den unerwünschten Konsequenzen des Zauderns und den Kosten von übermäßiger Vorsicht.

Wenn es um technologische Fortschritte geht, ist schnell die Rede von negativen Konsequenzen mächtiger Technologien und von ethischen Bedenken. Was aber, wenn wir durch unsere Vorsicht mehr Leben aufs Spiel setzen als durch entschlossenes Handeln?

Ein frustrierter Leiter der US-Gesundheitsbehörde hat dazu folgendes gesagt: „In der gesamten Geschichte dieser Institution kann ich mich an keinen Fall erinnern, in dem die Nicht-Bewilligung neuer Medikamente Gegenstand einer Untersuchung war. Dagegen gibt es zahllose Untersuchungen, in denen die Einführung neuer Technologien kritisiert wird.“ Deutlicher könnte man es kaum machen.

„Nestoring“ mag auf den ersten Blick nach vorsichtigem Handeln und Schutz vor ungewollten Konsequenzen aussehen. Doch gleichzeitig wird dadurch der wissenschaftliche Fortschritt entscheidend behindert. Jede regulatorische Entscheidung lässt sich mit praktischen oder moralischen Bedenken rechtfertigen. Doch die Konsequenz ist letztendlich, dass die Einführung neuer medizinischer Technologien und Wirkstoffe heute hundert Mal so teuer ist wie vor sechzig Jahren. Neuzulassungen sind seltener geworden, und vor allem die Armen leiden darunter. Wann ist der Punkt erreicht, an dem mehr Menschen durch übertriebene Kosten und Vorsicht getötet oder verletzt werden, als Menschen durch sorgfältige Prüfung und Diskussionen gerettet werden? Wir merken: Der Debatte um neue Technologien und ihre Konsequenzen fehlt ein entscheidender Maßstab.

Debatten um Potenzial und Risiken sind unabdingbar

Wir lassen unsere Entscheidungen von Furcht diktieren. Furcht vor dem Versagen, vor der Veränderung, vor Gentechnik, vor Atomkraft, vor Robotern, vor Nanotechnologie und vor einer ganzen Reihe anderer Phänomene, die durch den technologischen Fortschritt immer aktueller werden. Wir fragen, mit welchen Konsequenzen denn zu rechnen sei, wenn derzeitige Trends sich bestätigen und Probleme ungelöst bleiben. Wir sorgen uns um die Zukunft unserer Spezies. Natürlich gibt es immer die Möglichkeit für Missbrauch und Nebenwirkungen. Natürlich werden wir Fehler machen. Aber die schlimmsten Fehler werden vielleicht von denen begangen, die sich immer auf das Prinzip der Vorsicht berufen: „Zeige mir, dass niemand dadurch geschädigt wird, sonst gebe ich mein Einverständnis nicht.“ Wenn diese Leute in der Vergangenheit die Zügel in der Hand gehalten hätten, dann gäbe es heute keine Autos, keine Rolltreppen, keine Elektrizität und keine scharfen Werkzeuge.

Vor allem in einer Zeit rapider Veränderungen sind solche Debatten um Potenzial und Risiken neuer Technologien unabdingbar. In den nächsten fünf Jahren wird sich die Menge aller durch Menschen generierten Daten verdoppeln. In tausenden von Experimenten und in verschiedensten Bereichen der Wissenschaft wird neu definiert, was den Homo sapiens auszeichnet. Wir übernehmen die Kontrolle – teilweise sehr bewusst – über die Evolution des Menschen und anderer Arten.

Die heutige Generation und die Generation unserer Kinder werden sich auseinandersetzen müssen mit den Konsequenzen eines längeren Lebens, des Klonens, der Konservierung menschlichen Gewebes und der künstlichen Fortpflanzung. Wir erfinden unseren Körper neu – irgendwann werden wir in der Lage sein, unsere Gedanken per Computer zu erfassen. Die daraus erwachsenden ethischen, wirtschaftlichen und politischen Debatten sind unheimlich komplex. Einfache Ja/Nein-Antworten tragen daher höchstens dazu bei, den Fortschritt der Gesellschaft zu behindern.

In Zeiten des Umbruchs können vorsichtige Mahner und Zauderer uns vor der eigenen Courage schützen – oder enormen Schaden anrichten. Umso wichtiger ist es, neben den Konsequenzen des Handelns auch die Kosten des Zögerns zu verstehen.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Lorenz Sorgner, Dave Asprey, Chris Stringer.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 2/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Vollendung, warum uns der Kampf um das Menschenbild alle angeht. Lesen Sie, wie der Mensch von Morgen aussehen könnte und warum es Gründe gibt, sich vor ihm zu fürchten. Außerdem: Wie eine Welt ohne Fußball aussehen könnte, was die Welt über die deutsche Energiewende denkt und ob der Atheismus das Zeug hat, die neue Weltreligion zu werden.

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