Das Netz führt nicht zu mehr Demokratie, sondern zu mehr Partizipation. Zeynep Tufekci

Eine Kurzgeschichte des deutschen Extremismus

Rechte wie Linke – alle fanden mal den Oberst gut.

Erst war Gaddafi Prophet des Panarabismus und wollte in dieser Funktion Erbe Nassers werden. Doch für die Araber war die viel beschworene Einheit immer nur Lippenbekenntnis gewesen, eine Sprechblase. Sie waren vielmehr der Meinung Ronald Reagans, der den Oberst einmal als „verrückten Hund“ bezeichnet hatte. Als Gaddafi das herausfand, hängte er sich, wenn er seine Hermann-Göring-Uniform nicht trug, afrikanische Gewänder um. Oder das, was er dafür hielt. Er wollte nunmehr als Anführer des schwarzen Kontinents in die Geschichte eingehen. Ebenfalls ohne Erfolg.

Erfolg hatte er dafür vorhersehbar in einem notorisch verwirrten Milieu, das bis dato noch jeden Diktator gefeiert hatte, wenn er nur zwei Kriterien erfüllte: Er sollte möglichst aus der „Dritten Welt“, mindestens aber aus der „Zweiten“ stammen und „Anti-Imperialist“ sein. 1982, Mao war schon längst out, Luise Rinsers legendäre Nordkorea-Reise, nach der sie das totalitäre Land als Mustersozialismus gefeiert hatte, war auch ein paar Jahre her und Albaniens Enver Hoxha war ebenfalls besungen – da fuhr eine grüne Delegation nach Tripolis. Der neue Held: Gaddafi. Mit dabei: Otto Schily und der „Friedensforscher“ Alfred Mechtersheimer, der später ins braune Milieu abdriftete und angeblich eine Zeit lang, wie viele andere, sogar finanziell von Gaddafi profitierte.

Mäandernder deutscher Extremismus

Wenn man heute über diese Reise liest, wird einem der Irrsinn des mäandernden, immer und überall Halt suchenden deutschen Extremismus vor Augen geführt. Die Grünen, damals noch mit der Frage befasst, ob es nicht doch etwas Besseres gäbe als die schnöde bürgerliche parlamentarische Demokratie, waren angefixt von Gaddafis Mao-Bibel, dem „Grünen Buch“. Darin hatte der „Wüstendenker“ („Der Spiegel“) geschrieben:

„Ein Parlament ist eine Missrepräsentation des Volkes“ und „parlamentarische Regierungen sind eine irreführende Lösung des Demokratieproblems“. Das fand auch die Grüne Gertrud Schilling: „Die Grünen haben sich zum Ziel gesetzt, die Parlamente abzuschaffen, das heißt, direkte Demokratie zu praktizieren.“

Während Schily Gaddafi reserviert gegenübertrat, insbesondere dessen Angebot ablehnte, die deutsche Friedensbewegung zu finanzieren, fühlte sich Mechtersheimer in seiner selbst zugeschriebenen Rolle bestätigt „Sensibilitäten zu wecken. Wir müssen mit den arabischen Kräften zusammenarbeiten.“

Die Gaddafi-Connection deutscher Extremisten könnte ein Lehrstück über die Wahrhaftigkeit der „Totalitarismus“-These sein. Denn nicht nur Linke wurden von Gaddafi angezogen, sondern auch Rechte – durch die gleichen Gaddafi-Thesen und Aktivitäten. Gemeinsamer Nenner: offene (rechts) oder verkappte (grün-links) Faszination für totalitäre Herrschaftsformen, antiwestliche und antiamerikanische Ressentiments.

Dass Gaddafi grundsätzlich wurscht war, ob der, den er unterstützte „links“ oder „rechts“ war, ein Phänomen, das auch beim „Carlos“-Terror deutlich wurde, zeigte sich schon daran, dass er 1982 frankistische Putschisten in Spanien unterstützt hatte. Und in den Achtzigern unterstützte Gaddafi das nationalrevolutionäre braune Blatt „wir selbst“, in dem der rechtsgewendete (oder sich treu gebliebene?) Mechtersheimer schrieb.

Das ist lange her. Oder doch nicht? Unter den Gaddafi-Fans gab es immer welche, die unter dem Motto „Antiimperialismus“ und Antiamerikanismus für die unheimliche Kompatibilität und die Anfälligkeit ganz Linker für ganz Rechts mit braunen Einsprengseln standen. Und einer – mindestens – ist übrig geblieben.

Man weiß nicht, was Jürgen Elsässer, prominentester Vertreter des rotbraunen Anti-Westlertums, angesichts des Todes des großen Anführers des Antiimperialismus heute macht – trägt er Schwarz? Am 21. April schrieb Elsässer in seinem Blog: „Libyen verteidigen heißt JETZT Gaddafi unterstützen!“

Gaddafi – das war eben wie Mao, Kim Jong-Il oder vorher Ho Chi Minh die Geschichte einer wirren, romantisierenden, sehr deutschen Geisteshaltung.

Leserbriefe

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