Deutschland ist nicht Stalingrad, die CSU ist nicht die Wehrmacht, und die Einwanderer sind nicht die Rote Armee. Dieter Janecek

Saustall Berlin

Aus der Hauptstadt wird nicht viel, aber immerhin das, was aus Provinzsicht lustvoll und schaudernd zu rezipieren ist: ein Moloch, mit Einwohnern, die Schweinekram machen oder gar nichts oder Fieberfantasien anhängen.

Die Großstadt, der Moloch, der Sündenpfuhl ist die ewige Provinzfantasie. Und in Berlin ist es so, dass die Provinzfantasie von den Provinzlern selbst gestaltet wird. Denn Berlin, das sind bekanntlich die Göttinger, die Stuttgarter, die Hamburger und die Hannoveraner, die vor ihren Eltern geflohen sind und ein bisschen Faxen und im Berghain Schweinkram machen, bis das Schicksal sie unausweichlich dazu verurteilt, genauso schlimm zu werden wie ihre Altvorderen.

Berlin hat so seine Rolle als Fluchtstadt in immer neuen Variationen längst gefunden, nur, dass sich etwas noch verstärkt hat: Es ist genau das passiert, was in der sogenannten Hauptstadtdebatte in den frühen Neunzigern befürchtet wurde – das großstädtische Deutschland ist Berlin. Und nur Berlin. Der Rest ist Provinz. Da kann die sogenannte Schwabenmetropole ein bisschen Aufstand spielen: In Berlin, wo täglich mindestens ein Auto brennt, ist immer Stuttgart 21.

Berlin liefert die Show für den Rest der Republik

Berlin liefert die Show, die den Rest der Republik so erschaudert, dass auch die Provinz als Idee einer Welt, die noch in Ordnung ist, auf einmal wieder ihr Gutes hat. So funktioniert der neue Föderalismus. Denn die Hauptstadt beliefert den Rest mit einer negativen Identität. Was die da in Berlin wieder machen, also, das ist ja, nein, also so wollen wir wirklich nicht sein.

Während also seit Jahren täglich mindestens ein Auto brennt, und einmal im Jahr, am 1. Mai, das Gewaltmonopol des Staates aufgehoben ist, um die Geländespiele für Erwachsene zu ermöglichen, ist dieses Jahr Folgendes noch zusätzlich passiert: eine Partei ohne Programm aber mit dem Namen Piraten wurde in das Berliner Parlament gewählt, weil ein ganzes Milieu irgendwie der Grünen überdrüssig geworden war. Und weil Berufsjugendlicher in Berlin einer der wenigen aussichtsreichen Jobs ist.

Seit Neuestem macht eine neue Hobbygruppe auf sich aufmerksam: die Bahnzerstörer. Gegen die RAF kann man sagen, was man will, aber am Ende der ermüdenden Schreiben, nachdem sie wieder einen umgelegt hatte, war wenigstens werksimmanent klar, warum es ihn erwischt hatte: er war Kapitalist, bei der SS, er war böse.

Warum, wenn einer gegen den Afghanistan-Krieg ist, allerdings anfängt, die Regionalbahn nach Rathenow lahmzulegen, und das im ARD-Ratgeber-Gesundheit-Sprech als „Entschleunigung“ bezeichnet, die er anstrebt, indem er die Signalkabel anzündet – das bleibt ein großes Rätsel.

Warum das alles, warum gerade heute, fragt man sich außerhalb Berlins schon lange nicht mehr, denn man weiß: In Berlin wird schon jemand einen Grund finden. Bei den Lebensabschnittsradikalinskis, die das Feuer legen, wird dennoch erklärt, was keinen interessiert.
„Warum das alles? Warum ausgerechnet heute?

Und täglich ruft die Revolution

Jeder Tag wäre der richtige Tag für eine Sabotage, denn jeder Tag bietet so viele Anlässe für radikales Eingreifen in den üblichen, tagtäglichen Ablauf, dass es keinen falschen gibt. Zum Beispiel jährt sich gerade der Angriff auf Afghanistan zum zehnten Mal. Das nehmen wir zum Anlass zu bekräftigen, dass sich an den Verhältnissen gründlich etwas ändern muss. Die Gewohnheit, mit der hier jede Scheiße hingenommen oder durchgesetzt wird, muss durchbrochen werden.“

Was ist da wieder los in Berlin? Die Bahn lahmlegen „zum Beispiel“ weil sich der „Afghanistan-Angriff“ zum zehnten Mal jährt?

So denken sich das also die Entschleunigungs-Radikalinskis: Da steht also der durchgefrorene Bahnfahrer auf dem Bahnsteig und schreitet, weil die Bahn nicht fährt, gegen den Afghanistan-Einsatz ein, denn aufgrund des Zugausfalls ist ihm klar geworden, dass „die Gewohnheit, hier jede Scheiße hinzunehmen“ durchbrochen werden muss, wo er doch bisher der Meinung sein musste, „die Scheiße“ bestünde vor allem darin, dass die Bahn noch nicht mal fährt, wenn keiner die Signalanlagen anzündet. Nein, auf so was kommt man nur in Berlin. Irre.

Die Republik hat was zu quatschen mit diesem Berlin. Mindestens dafür schon hat sich der Hauptstadtbeschluss gelohnt.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Uli-E – 14.10.2011 - 13:48

    Hab mich mal vorsorglich vom “The European” Newsletter abgemeldet. Mit so einem “Saustall” möcht ich nix tun haben. Beim ersten mal lesen dieses Beitrag dachte ich er wäre von Udo Pastörs verfasst.

  • Theeuropean-placeholder
    Daniel – 14.10.2011 - 13:50

    Sehr geehrter Herr Kaiser,
    ihre Unzufriedenheit mit den Berliner Zuständen in allen Ehren, aber den Fehler, “Entschleunigung” im “ARD-Ratgeber-Gesundheit-Sprech” zu verorten, sollten sie sich als Ideologiekritiker nicht erlauben. Lesen Sie bitte Hartmut Rosas “Beschleunigung” und gerne auch andere Zeitsoziologische Schriften der letzten Jahre. Diese linke Spielart der Kritik an der Moderne sollten Sie keinesfalls als zu seicht abtun.
    Beste Grüße
    Daniel

  • Theeuropean-placeholder
    gerlad – 14.10.2011 - 14:14

    Hallo Sie Autor,
    Warum versuchen Sie denn, Menschen lächerlich zu machen, die dagegen protestieren, dass Deutschland am Hindukusch verteidigt wird? (mit zu vielen zivilen Toten, wie Ihnen sicher ebenso bekannt ist, wie mir.) Ich fände es deshalb viel gescheiter, Sie würden ihre spitze Feder gebrauchen, um diejenigen lächerlich zu machen, die nicht gegen diesen Krieg protestieren. Das wäre “zum Beispiel” klug, und machte Sinn.

  • Theeuropean-placeholder
    Miss Dàilo – 14.10.2011 - 14:56

    Ich kenne den Schreiberling nicht, aber genau so funktioniert Brot und Spiele! Rethorisches Bla Bla das zur Verwirrung beiträgt und nur zeigt, dass man für egal welche großen Magazine schreiben kann und dennoch Sklave der 4. Gewalt ist! Schade, das die Schreibkraft und ihre tiefgehende Wirkung nicht harmonischer und nachhaltiger eingesetzt wird, aber das ist immer das Elend des Schreibers, der letztlich nur einer Reflektion seines Inneren unterlegen ist! Der Verstand ist wahrlich sehr begrenzt! Sieht düster in ihm aus, sehr düster! You are free, you live free, you die free!

  • Theeuropean-placeholder
    Raketenprinz – 14.10.2011 - 14:59

    Sehr geehrter Herr Kaiser,
    vielen Dank. Genau so ist es. Nur die Rubrizierung (“Mehr zum Thema” unten) stimmt zu 50% nicht: das ist zwar das bräsig-selbstgefällige Berlin, aber so hirnlos ist noch nicht einmal der Limksextremismus. Linksextremismus, der etwas auf sich hält, würde pupertäre Knallkörper nicht für Gesellschaftskritik halten. Sondern für das, was es ist: moralische Verwahrlosung, gepaart mit intellektueller Unzulänglichkeit.

Mehr zum Thema

Kolumne

Linke Paranoia

Chris_j_ccby 24

Die Antifa schafft sich ab. Während sie früher noch gegen rechts auf die Straße ging, sitzt sie heute mit dem Mac in der warmen Stube und profiliert sich als digitale Gesinnungspolizei.

Jennifer_pyka
von Jennifer Nathalie Pyka
04.02.2012

Mehr zum Thema: Linksextremismus, Berlin

Debatte

Die linke Zukunft ist die Vergangenheit der DDR

137057609

Die linke Zukunft ist die Vergangenheit der DDR

Mehrmals umbenannt, noch immer ist dasselbe drin: Die Linke von heute ist die SED von damals, in puncto Personal wie in ihrer Haltung zur Demokratie. Der Verfassungsschutz beobachtet die Partei zu ... weiterlesen

Lengsfeld_vera
von Vera Lengsfeld
08.02.2012

Kolumne

  • 24

    Die Antifa schafft sich ab. Während sie früher noch gegen rechts auf die Straße ging, sitzt sie heute mit dem Mac in der warmen Stube und profiliert sich als digitale Gesinnungspolizei. weiterlesen

Jennifer_pyka
von Jennifer Nathalie Pyka
04.02.2012

Debatte

Der Kampf gegen Extremismus

Photocaseoig6mn6k53204301

Der Kampf gegen Extremismus

Der Kampf von Familienministerin Kristina Schröder gegen Linksextremismus bedeutet die Kriminalisierung von Gesellschaftsengagement, meint Juso-Chefin Franziska Drohsel. Ein konservatives Weltbild ... weiterlesen

Franziska-drohsel-fotograf-hans-christian-plambeck
von Franziska Drohsel
09.03.2010
meistgelesen / meistkommentiert