Bundesligatrainer ist ein sehr viel sicherer Job als SPD-Vorsitzender. Christian Wulff

Der erfundene Konflikt

Papst Benedikt in Deutschland – eine der selten gewordenen Möglichkeiten für die Protagonisten beider Seiten, ihr Profil zu schärfen. Und eine Minderheitenveranstaltung: Die meisten Deutschen interessiert der Besuch gar nicht.

Im Zusammenhang mit dem Thema Plebiszit hat der Historiker Heinrich August Winkler vor einer „Herrschaft aktivistischer Minderheiten“ gewarnt, die, gut organisiert, die Themensetzung bestimmen.

Wir haben die „Herrschaft der aktivistischen Minderheit“ schon bei Stuttgart 21 erlebt – wahrscheinlich. Das wird ja in einem Volksentscheid, der übrigens eine rechtlich irrelevante Fragestellung zum Inhalt hat und der von dieser hysterisierten Gruppe erzwungen wurde, in Kürze geklärt.

Jetzt erleben wir die aktivistische Minderheit wieder: Laut Forsa halten 86 Prozent der Befragten die Deutschlandreise Joseph Ratzingers vom 22. bis zum 25. September für eher unwichtig oder überhaupt nicht wichtig. Selbst unter den Katholiken hält sich der Anteil derjenigen, die den Besuch aus dem Vatikan für wichtig halten, mit lediglich 36 Prozent in Grenzen.

Es gibt nur Gewinner

Dennoch beherrscht das Thema Papstbesuch die gedruckten und sendenden Medien. Von „Spiegel“ und „Stern“ bis hin zu „Hart aber Fair“.
Die „aktivistische Minderheit“ besteht aus zwei scheinbar antagonistischen Gruppen, die sich ähnlicher sind, als sie glauben und die voneinander profitieren, ja nahezu wie Pech und Schwefel aneinanderkleben: radikalen Papst- und Kirchengegnern mit bekannten Thesen auf der einen Seite und einem neochristlichen Milieu auf der anderen Seite.

Die jetzt medial ausgetragene Schlacht pro und contra Papst entspringt nicht einer von der Mehrheit der Deutschen empfundenen Notwendigkeit, sie entspringt ausschließlich dem Bedürfnis der Protagonisten, sich über den Papstbesuch lautstark zu entzweien, in der medialen Klopperei das narzisstische Ego zu stärken und sich so etwas wie eine klar abgrenzbare lebensweltliche Identität einzureden. Dadurch hat der Glaube gleichzeitig eine mediale Präsenz, die er im realen Leben der überwältigenden Mehrheit der Bundesbürger seit Jahrzehnten nicht mehr hat. Alle gewinnen also.

Das Bedürfnis beider Seiten ist nachvollziehbar: Einer Partei, die sich nicht mal darauf einigen kann, ob der Mauerbau Unrecht war, bietet der Papstbesuch zum Beispiel die seltene Gelegenheit, im Bundestag mit theatralischer Geste des Auszugs im gemeinsamen Feindbild Einigkeit zu demonstrieren und einen „Reaktionär“ zu boykottieren – der Boykott Israels hatte sich sogar in diesem Milieu überraschenderweise nicht als identitätsstiftend herausgestellt.

Die Protagonisten der Neochristen hingegen haben sich einer zumeist harmlosen, sich antimodern und rebellisch gebenden, in Wahrheit aber topmodernen Kritik des „Zeitgeistes“ und des „Relativismus“ verschrieben – ohne zumeist im Traum daran zu denken, wirklich mit einem katholischen Lebensstil ernst zu machen.

Ein anderer Teil dieses Milieus zieht aus der freiwilligen Selbstbeschränkung des harten Katholizismus einen romantischen, schwärmerischen Impuls – es ist kein Wunder, dass viele dieser Protagonisten sich zu einer Gruppe („Generation Benedikt“) zusammengeschlossen haben mit vielen Charakteristika, die schon frühere Jugendbewegungen ausmachten: Star-Anschmachterei, die Idee, einer von der Mehrheit unverstandenen und diskriminierten Minderheit anzugehören, Avantgarde-Bewusstsein. Auch das: topmodern und keineswegs „wider den Zeitgeist“.

Die meisten interessiert der Trubel nicht

Auch das Ankämpfen gegen eine angeblich verkommene, sinnentleerte Moderne, die „keine Moral mehr hat“ („Benedikt“-Aktivistin Reinhild Rössler im Deutschlandfunk) gehörte zur Grundausstattung früherer Jugendbewegungen. Die Demoskopie widerlegt Woche um Woche zwar die These vom Werteverfall – aber leider vergeblich. Die Behauptung vom Werteverfall begleitet die Moderne, seit es sie gibt.

Für Papstfans wie -gegner gibt es eine schlechte Nachricht: aufgerundete 100 Prozent der Deutschen interessiert der Trubel nicht. Die Parodie eines Kulturkampfes, die wir gerade erleben, letztlich auch die Harmlosigkeit der verbalen Klopperei, macht uns klar, dass wir in Wahrheit in einem befriedeten, weil säkularisierten Land leben: Kein Katholik setzt in den Talkshows seine körperliche Unversehrtheit aufs Spiel, weil er den Papst verehrt.

Und gerade deshalb muss man auch daran denken, dass in anderen Ländern das eine Tatsache ist, was hier nur theatralisch aufgeführt wird: Religion als todernste Angelegenheit. Dass uns das vor Augen geführt wurde, allein dafür gebührt dem Papst schon Dank.

Leserbriefe

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    Rolf Kohl – 23.09.2011 - 10:59

    Mir als Atheisten ist es ehrlich gesagt egal wenn der Papst mal Deutschland besucht.Ich freue mich sogar für seine Anhänger, haben sie doch die Möglichkeit ihn live zu sehen und zu hören. Wenn ich mir überlege wer schon alles im Bundestag reden durfte, ist es ein Segen für die Abgeordneten auch mal einem Papst lauschen zu dürfen.
    Bei diesem Thema haben sich die Medien gerne vor einen Karren der Minderheiten spannen lassen, kam man doch auf diese Weise mal wieder ins Gespräch. Nur ich finde es gibt andere Arten der Werbung für die Medien aber diese schein wohl die einfachste zu sein, wenn auch die intellektuell billigste.

  • Theeuropean-placeholder
    Benjamin Ka – 23.09.2011 - 19:37

    Danke für diesen lohnenden Perspektivwechsel. Gerade weil ich eher zum Lager der Papst-Anhänger gehöre, kenne ich die Gefahr des medialen Tunnelblicks nur zu gut. Auch die Gefahr der Mythenbildung (über eine Moderne ohne Moral) ist ganz real, wobei sie an dieser Stelle auf einer Verkürzung beruht (wohlgemerkt nicht von Seiten des Autors): Die Moral hat nicht keine Moral, sondern nur eine radikal subjektivierte Moral, welche an ethischen Grenzfragen scheitert. Darüber hat Benedikt in seiner Bundestagsrede gesprochen: Das allein ist gut, aber zu wenig.
    Sie haben Recht: Zeitgeistkritik darf kein Selbstzweck sein. Aber es gibt auch viele ernsthafte Gründe, sich als junger Mensch auf die Seite des Papstes zu schlagen. Leider kehren Sie die unter den Tisch.

  • Theeuropean-placeholder
    Benjamin Ka – 23.09.2011 - 19:39

    Da hat sich der Fehlerteufel eingeschlichen: es heißt natürlich “Die MODERNE hat nicht keine Moral”… bitte um Nachsicht.

  • Theeuropean-placeholder
    RCB – 24.09.2011 - 15:09

    Vorab bitte um Entschuldigung an alle Leser für meinen langen nachtehenden Beitrag, aber ich fand, es musste einfach sein:

    Wir erleben, verehrter Jost Kaiser, die “Herrschaft der aktivistischen Minderheit” tagtäglich in unserer Leistungsgesellschaft, denn es ist nur eine verschwindende Minderheit, die vorgibt, Firmen leiten und Mitarbeiter führen zu können (und davon wieder nur eine Minderheit kann das auch tatsächlich!) und in unserer Politik, in der wir von Parteien und Koalitionen “geführt” werden, die bei Abzug der Nichtwähler ebenfalls nur eine sogar ziemlich verschwindende Minderheit (gemessen an allen Wahlberechtigten) darstellen, den Führungsanspruch dennoch im Brustton der Überzeugung breit vor sich her tragen! Worauf also wollen Sie hinaus?

    Dass Sie die Stuttgart21-Gegner in derart arroganter Art und Weise als “hysterisierte Gruppe” abtun, ist eigentlich eine Unverschämtheit. Der Volksentscheid, verehrter Herr Kaiser, spiegelt natürlich nicht wider, was die Stgt21-Gegner ausmacht und was und warum sie gegen Stgt21 sind, denn der Entscheid wird von wesentlich mehr Bürgern aus dem ganzen Land BW entschieden, als von den tatsächlich “Betroffenen” aus den vom Bauwerk betroffenen Regionen und näheren Umgebung; was ungerecht und ergebnisverzerrend sein wird. Das wissen Sie sehr genau und dennoch tun Sie, als wäre die Sachlage eine ganz Andere. Auch hier die Frage, warum und was Sie damit bezwecken möchten?

    Was die Forsa-Umfrage zum Papstbesuch mit dem von Ihnen erwähnten Ergebnis von 86 Prozent betrifft, so glaube ich nicht, dass die Gesellschaft in unserem Land so denkt. Es kommt, wie wir Alle wissen, auf die Form der Fragestellung an, mit der man jedes Ergebnis manipulieren kann. Und so wie seinerzeit die BILD mit ihrem Slogan “Wir sind Papst” die Massen hysterisiert hat, könnte man das von Ihnen genannte Ergebnis gut auch völlig umgekehrt (und dennoch richtig) darstellen.

    Also bitte nicht so großkotzig Alles infrage stellen und besserwissen, es wäre ja schön, wenn man immer Alles so eindeutig darstellen und klarstellen könnte, aber so ist das Leben und Alles was dazu gehört eben nicht.

    Ich musste mich ernsthaft überwinden, nach Ihrem ersten Absatz weiter zu lesen, denn der Mist wurde immer erdrückender. Pseudointellektueller Schrott und Behauptungen, die mit den Realitäten nicht überein stimmen, führen bei diesen irreführenden Vorgaben zu einem völlig falschen Bild, das so nie und nimmer in der Bevölkerung anzufinden ist; bei Minderheiten vielleicht, aber nicht in der Masse der Gesellschaft.

    Ich bin selbst vor Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten, deshalb aber noch lange nicht unchristlich und von den Werten entbunden, die ich zuerst anerzogen, später zumindest teilweise auch gelebt habe.

    Es gibt nicht nur entweder Erzkatholische oder Atheisten, sondern die überwiegende Mehrheit findet sich irgendwo dazwischen wieder, nimmt das Eine an und lehnt das Andere ab.

    Man muss nicht bei jedem Thema meinen, mitreden zu können. Wenn man etwas nicht versteht, sollte man sich einfach zurück nehmen, "schweigen und aus den für Sie neuen Situationen für die Zukunft lernen.

  • Theeuropean-placeholder
    Schnorchel – 05.11.2011 - 00:05

    Sehr geehrter Herr RCB,

    einfach nur genial zusammengefasster Beitrag.

    Als einfacher gebürtiger Berliner denke ich zwar sicher das die Schließung des Flughafens Berlins Tempelhof mir ziemlich wurscht ist, aber die Äußerungen von derart Berlinfremden wie Herrn Wowereit sicherlich nicht, der dazu sagte was interessiert mich der Bürgerwillen oder die Abstimmung zur Schließung des Flughafens Temprlhofs.

    Sicher es sind egal wie viele zur Abstimmung gegangen es war auch ziemlich egal wie diese Wahl ausgeht.

    Aber der Spruch eines wiederholten Bürger- und Volksignorierenden Despoten wie Herrn Wowereit hatte vielen Menschen in Deutschland gezeigt was Demokratie in dieser desolaten sogenannten Demokratie und Zeit bedeutet.

    Mit freundlichen Grüßen

    Schnorchel

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