Wir haben uns daran gewöhnt, mit dem Ende des Ost-West-Konflikts und seinen Folgen im Wesentlichen durch zu sein. In Berlin wird zwar – auch das eine Folge des Einschnitts von 1989 – zuweilen noch eine innerstädtische Fläche frei, so groß wie der Central Park (Tempelhof). Und in Deutschland insgesamt ist man immer noch manisch dabei, eine „innere Einheit“ aufzubauen und eine „Mauer in den Köpfen“ abzureißen.
Aber das sind Esoterik-Hobbys von Leuten, die nichts Besseres zu tun haben, während andere Länder das Fundament einreißen, auf dem sie Jahrzehnte standen: Die Türkei ist gerade mit atemberaubender Schnelligkeit dabei, alles umzuwerfen, was einst zur Grundausstattung des Landes gehörte – auch das ist eine Spätfolge der Umwälzungen von 1989.
Bollwerk gen Osten
Im Kalten Krieg hatte die Türkei als Südostflanke der NATO eine überragende strategische Bedeutung. Daher kam es 1952 zum von den USA vorangetriebenen und gegen Großbritannien durchgesetzten Beitritt. „Der Spiegel“ nannte 1952 die Gründe für den NATO-Beitritt der Türkei: „Die Position der Türkei am Bosporus verriegelt der roten Schwarzmeerflotte den Zutritt zur Ägäis und zum Mittelmeer; sie schützt – zusammen mit Iran – die von den USA und Großbritannien im Mittleren Osten ausgebeuteten Ölquellen. Sie würde einen russischen Angriff via Iran-Irak in Richtung auf den Suez gefährlich flankieren. Feldmarschall Slim, Chef des Empire-Generalstabes: ‚Die Russen werden im Falle eines Krieges in wenigen Wochen mit zehn bis fünfzehn Divisionen am Suez stehen. Sie können einige Zeit verzögert werden, wenn die Türkei standhält.‘“ Von der Türkei aus waren auch Ziele in der Sowjetunion in Reichweite – das spielte bekanntlich bei der Kuba-Krise 1962 eine Rolle. So einfach war das mal mit der Türkei.
Seit die Türkei aus dem strategischen Korsett entlassen ist und frei herumvagabundiert, insbesondere seit der Machtübernahme durch Erdogan, wird es kompliziert: Die kemalistischen Eliten, die das Land jahrzehntelang im Griff hatten, sind kaltgestellt. Ihre prowestliche und proisraelische Orientierung löste im Westen die Illusion aus, die laizistische Türkei könne eine „Brückenfunktion“ in die muslimische Welt ausfüllen (Joschka Fischer).
Die demokratischen Reformen in der Türkei sind janusköpfig: Die Aufhebung des Kopftuchverbotes in Universitäten, um nur ein prominentes Beispiel zu nennen, ist einerseits eine Liberalisierung, denn gerade das Verbot war ja undemokratisch. In der Praxis aber scheint damit der Druck zu steigen, Kopftuch tragen zu müssen.
Die aggressive antiisraelische Rhetorik Erdogans lässt die jahrzehntelang guten Beziehungen zum jüdischen Staat als der Geostrategie geschuldete Phase erscheinen, die nun endgültig vorüber ist. Dass es in der Türkei keine gefürchtete „arabische Straße“ gibt, wie in anderen Ländern, liegt offensichtlich nur daran, dass – anders als eben in Ägypten und anderen Ländern – die antiisraelische Polemik in der Türkei ein relativ neues Phänomen ist.
„Welt“-Autor Richard Herzinger persifliert in seinem Blog eine mögliche positive europäische Einstellung zur neuen Türkei.
Er vermutet, dass Europa, des ewigen „Nahostkonflikts“ überdrüssig und unfähig zu eigenen Initiativen, der immerhin noch laizistischen Türkei nicht ungern das Feld als Ordnungsmacht in der Region überlassen würde, da sie jeder anderen Alternative – insbesondere Iran – vorzuziehen sei.
Auf zum Islamismus
In dieser seltsamen europäischen Sichtweise würde die Türkei mit Duldung oder gar Sympathie der EU die „Drecksarbeit“ gegenüber Israel machen und den angeblichen Quertreiber in die Schranken weisen. Viele Europäer haben wohl in der Tat klammheimliche Sympathie mit Erdogans Attacken gegen das „ungezogene Kind“ Israel.
In diesem Modell des kleineren Übels sind allerdings so viele Unbekannte, dass man sich lieber nicht auf so eine geheime Arbeitsteilung verlassen will. Denn Erdogans antiisraelische Propaganda wird sich, sollte er sich die Sache aufgrund veränderter strategischer Lage anders überlegen, nicht so einfach wieder einfangen lassen. So wenig wie jener berühmte Geist, der aus der Flasche ist. Jetzt schon hat sie im türkischen Volk erschreckende Wirkungen, wie man gestern beim Europaliga-Spiel Besiktas Istanbul gegen Maccabi Tel Aviv beobachten konnte. Türkisch-israelische Sport-Begegnungen waren jahrzehntelang absolut unproblematisch.
Wenn ich in Berlin-Neukölln in meinen libanesischen Falafel-Laden ging, wusste ich immer, wie die Leute dort tickten: Es waren Hisbollah-Sympathisanten, die islamistische Parolen an der Wand hängen hatten. „Beim Türken“ um die Ecke hängt bis heute Atatürk, der Gründer der laizistischen Türkei. Habe ich mich jahrzehntlang im netten Türken an der Ecke getäuscht und er war den libanesischen Hisbollah-Jungs näher, als ich dachte?
Update, 16:25 Uhr: In Absprache mit Herrn Kaiser wurde der Text aktualisiert, um die Position von Richard Herzinger präziser wiederzugeben.














Herr Kaiser, Sie haben doch einen an der Klatsche. Falafel-Laden gleich Terrorcamp? Was billigeres war in der Vorurteilskiste heute nicht zu finden?
Herr Kaiser,
was wollen Sie uns denn eigentlich damit sagen?
Jahrzehnte lang hat die Türkei quasi Europas Straßensperre und Grenzen dichtgehalten (was den Orient angeht), jetzt wo diese nicht mehr verlässlich auf Europa hört, ist man ein Islamist, wird mit einem Terroristen verglichen? Was ist nur los mit dieser Gesellschaft..
Die CDU als christlich-demokratische Partei tritt doch auch für die Werte der Christen im Einklang mit der Demokratie in Deutschland und Europa ein, wieso sollte der Türke in der Türkei, der islamisch geprägt ist, nicht ein islamisch-demokratische Partei wählen der für seine Wertevorstellung eintritt?
Wieso ist das auf einmal gefährlich? Weil wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen und uns nicht von den Europäern diktieren lassen?
Ich glaube das die politische Landschaft seit einigen Jahrzehnten hier in Deutschland schläft, seit Kohl, habe ich keine tiefgreifende Veränderung hier in Deutschland gesehen, ich glaube das dieses Land auf der Stelle tritt. Weeeeeilll, keiner die nächste Wahl verlieren will.. so trotten sie gemächlich von Wahlperiode zu Wahlperiode und klatschen sich in die Hände mal CDU/FDP mal SPD/Grünen Kombo..
Wacht doch endlich mal auf.. ihr lügt euch selbst nur in die eigene Tasche rein..
Sehr geehrter Herr Jost Kaiser,
es gibt viele hier in Deutschland (mich eingeschlossen) die das Glück und die Ehre haben mit einer ausländischen Frau zusammenleben zu dürfen. Dies beinhaltet nicht nur zusammenleben oder lieben dürfen sondern auch lernen dürfen dies aber von beiden Seiten. Sicherlich bin ich dafür bekannt das ich jede Sekte also auch den Koran, den Talmud genauso wie das Christentum ablehne. Insofern genieße ich es einfach wenn ich in das nette Kinder lächeln schauen darf und ebenfalls sehe das meine hübsche kurdische Frau ebenfalls recht oft ein glückliches lächeln zeigt (auch wenn Sie natürlich auch gerne mal herum zickt), aber das mache ich ja auch.