Journalisten: Wegelagerer und Indiskretins. Helmut Schmidt

Unter langen Haaren, der Muff von tausend Jahren

Die deutsche Geschichte strotzt vor Kontinuitäten. Sprachlich liegen die israelkritische Linke und die NPD heute nicht mehr auseinander. Das Verdienst von Götz Aly ist es, diese unangenehmen Wahrheiten aufzuzeigen.

Götz Aly ist der Dokumentarist deutscher Kontinuitäten. Im Furor der Achtundsechziger erkannte er (ähnlich wie Richard Löwenthal schon 35 Jahre vorher) – auch – eine Wiederauflage des Nazi-Terrors. Darüber konnte auch das ganze Gekiffe, Rockmusikgehöre und von den Nazis leicht abweichende Haartrachten nicht hinwegtäuschen: unter den langen Haaren, der Muff von tausend Jahren. Den viel gelobten Sozialstaat, den größten deutschen Fetisch (von Bismarck und den Nazis erfunden), würdigte er als Ruhigstellungsinstrument eines totalitären Regimes, ja als Mittel, einen Vernichtungskrieg durchzusetzen.

Das Besondere an Aly war immer, dass man seine Bücher nicht beruhigt in den Schrank stellte und ein „Nie Wieder“ murmelte in der sicheren Erkenntnis, der neue Mensch zu sein, der alles weiß, alles durchdrungen hat und in einer gänzlich neuen Welt lebte.

Warum die Deutschen? Warum die Juden?

Und so geht es einem auch mit Alys neuestem Buch: „Warum die Deutschen, warum die Juden?“ Es ist die Fragen aller Fragen und die Beantwortung wurde von Anfang an ins Transzendente entsorgt. Erst sollten die Deutschen angeblich von Hitler verführt worden sein – was einfach eine negative Umdeutung des kurz zuvor noch positiven Führermythos und der angeblichen Zauberkräfte Hitlers war.

Dann kamen die Großerklärungen: viel war vom „deutschen Sonderweg“ die Rede, der „verspäteten Nation“, der Dysfunktion eines deutschen Bürgertums, das von Anfang an staatsgläubig war und dem es an Selbstbewusstsein und erst recht an einer erfolgreichen Revolutionserfahrung mangele – angeblich ist dieser Makel ja 1989 mit der sogenannten „friedlichen Revolution“ (obwohl Revolutionen per definitionem „gewaltsame Umstürze“ sind) geheilt worden. Auch so ein deutscher Sonderweg. Irgendwann in den achtziger Jahren wurde der Holocaust ganz entsorgt und positiv umgedeutet zur deutschen Staatsräson ins Reich der Sonntagsreden. Mit ihm wurden Kriegseinsätze begründet – und die Kritik an ihnen.

Aly hält von diesen Großerklärungen wenig (obwohl er dann zum Teil auf sie zurückgreift). Er erklärt den Judenmord mit Neid. Eine zurückgebliebene deutsche Gesellschaft, überrollt von den Modernisierungsschüben des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, sieht in den Juden die Gewinner des neuen individualisierten, industrialisierten Zeitalters.

Damit wurden sie zur idealen Zielscheibe in einer Nation, die von Anfang an die individuelle Freiheit gering schätzt und das Kollektiv idealisiert. Ein historischer Defekt, der sie vom „Westen“ unterscheidet. Um diesen Hang zu erklären, greift Aly dann allerdings wieder auf Großtheorien zurück: es geht eben dann doch um die „verspätete Nation“, um den Einfluss der französischen Besatzung unter Napoleon, um die Defekte des Bürgertums.

Unangenehm ist diese Analyse auch für die deutsche Linke, inklusive der Sozialdemokratie. Aly stellt fest: „Die historische Verbindungslinie zwischen sozialdemokratischer Massenmobilisierung in der Kaiserzeit und späteren Erfolgen der NSDAP“ läge darin, dass in „historisch tragischer Verkettung“ die Linken „indirekt die innere Bereitschaft von Millionen deutschen Arbeitern, die Partei Hitlers zu wählen“ gefördert hätten und zwar durch die „Zwischentöne ihrer antikapitalistischen Programmatik“. Diese verstärkten ein Gefühl, „dass die Juden, als besonders agiler Teil der bürgerlichen Klasse, stark genug seien, sich selber gegen Angriffe zu wehren“ und einen „Dämpfer seitens der ‚kleinbürgerlichen‘ Antisemiten durchaus vertragen könnten“.

Dazu kam die Janusköpfigkeit des linken Gerechtigkeitsgedankens: „Ich kann mich nicht freuen, wenn andere nichts haben – ich kann mich nicht freuen, wenn andere mehr haben.“ Dieser Gedanke, so schreibt Aly, „stachelte zum Neid auf“ und förderte einen Faktor, der das „Entstehen der modernen Judenfeindschaft in Deutschland immer wieder aufs Neue beförderte“.

Der Sprachsound der Linken

Wer sich mittels der Lektüre von Alys Buch mit den verheerenden Wirkungen von Neid und dem deutschen Kollektivwahn beschäftigt, dem klingen zeitgenössische Formulierungen von einer angeblich anzustrebenden „inneren Einheit“ in Deutschland, der omnipräsenten „sozialen Gerechtigkeit“, der ewigen Polemik gegen „Reiche“ und der „Anpassung der Lebensverhältnisse“ zumindest unangenehm in den Ohren. Denn dieses Sonntagsreden-Gerede ist die aktuelle Variante der Gemeinschaftssehnsucht der Deutschen.

Und: Ist es Zufall, dass in dem Teil der deutschen Linken, die sich die Linke nennt, der Kollektivwahn nicht selten gepaart ist mit einer obsessiven „Israelkritik“? Ist es Zufall, dass der Sprachsound dieser „Linken“ dem der NPD in nichts nachsteht?

Wer Aly liest, stellt sich ein paar Fragen. Und sieht Kontinuitäten, die er lieber verdrängt hätte. Das ist Alys Verdienst.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 09.09.2011 - 12:12

    Ein interessanter Artikel, dem ich in einigen Analysen (vermutl.nur referrierte Analysen Alys) überhaupt nicht zustimmen würde. Aber im Ganzen tut es wohl, jemanden die Mythen so querbürsten zu sehen.

  • Theeuropean-placeholder
    Der Renegat – 09.09.2011 - 17:02

    Der Sprachsound der Linken hat mit dem der NPD nichts, aber auch gar nichts zu tun. Die Suche und die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, Gleichheit usw. ist kein deutsches Spezifikum, sie ist vielmehr gesamteuropäisch und hat diverse geistes-, religions- und kulturgeschichtliche Wurzeln, zu denen der Antisemitismus aber nicht zählen dürfte.
    Eine besondere deutsche Gemeinscahftssehnsucht kommt darin deshalb auch nicht zum Ausdruck.
    Aly ist ein echter Fanatiker, der klassische Renegat, der seine eheamligen Weggefährten nun mit unnachgiebigem Hass verfolgt. Ähnlich wie Aly, nur weniger differenziert, argumentierte vor einiger Zeit der Historiker Wolfsohn: Die Linke sei strukturell antisemitisch, weil sie antikapitalistisch sei – und die Juden mehrheitlich Kapitalisten gewesen seien. Und das war doch eine zentrale Behauptung der Nazis.
    Wer außerdem Analysen über die Gründe für die ungleiche Verteilung von Vermögen und die Funktionsweise des Kapitals auf bloßen Neid reduziert, hat einfach nicht mal das Problem verstanden.

  • Theeuropean-placeholder
    Robert – 09.09.2011 - 17:30

    selten noch habe ich so viel Unsinn auf einem Haufen gelesen. In Israel beruht der nationale Gründungsmythos zu einem großen Teil auf einem linken, kollektivistischen Ideal, das es ebenso wie in Deutschland in fast allen anderen der Welt gibt. Was hat dies oder die Kapitalismuskritik mit Antisemitismus zu tun? Auch in Israel haben viele genug von den Auswüchsen der auf Kapitalismus pur umgestellten Wirtschaft (siehe Zeltstadt-Proteste).

  • Theeuropean-placeholder
    Will Tanner – 09.09.2011 - 18:17

    “Wer außerdem Analysen über die Gründe für die ungleiche Verteilung von Vermögen und die Funktionsweise des Kapitals auf bloßen Neid reduziert, hat einfach nicht mal das Problem verstanden.”

    Gibt’s da überhaupt eins?

  • Theeuropean-placeholder
    Ferdinand K. – 14.09.2011 - 18:13

    Mich überzeugt Alys These überhaupt nicht. Neid mag für das Erstarken des Antisemitismus eine Rolle gespielt haben. Aber doch in Deutschland keine größere als in Frankreich oder in Russland. Die nichtjüdischen Deutschen der Jahrzehnte vor 1914 waren doch keine Verlierer der Modernisierung, sondern die großen Gewinner.
    Alys These ist im Grunde nur eine Variation des angeblichen “Sonderwegs”. Ihre entscheidende Schwäche ist, dass ein sogenannter “Westen” als Benchmark gesetzt wird, im Grunde nur Frankreich und die angesächsischen Länder. Aly und die “Sonderweg”-Theoretiker haben eine Obsession, nämlich die Besonderheit Deutschlands. Als ob die deutsche Geschichte ein absoluter Betriebsunfall wäre, während im “Westen” alles planmäßig Richtung Moderne gegangen sei. Ein weltgeschichtlicher Blick, der Gleichheiten und Verschiedenheiten der Nationalgeschichten gleichermaßen betrachtet, tut not.

Mehr zum Thema: Goetz-aly, Judentum, Nationalsozialismus

meistgelesen / meistkommentiert