Der Schriftsteller Eckhard Henscheid hat in einem verdienstvollen kleinen Büchlein die 756 Komposita mit „Kultur“, die ihm bis dato, das Werk erschien im Mai 2001, bei der Zeitungslektüre und bei sonstigem höheren Medienkonsum begegnet waren, archiviert. Es ist die Reise in eine Welt des semantischen Gedröhnes, dessen Ursprünge wohl im universitären Sprechen liegen und in dem „Anliegen“ (auch so ein Wort, welches das schnöde aber klare Wort „Interesse“ verdrängt hat), den Begriff der „Kultur“ den höheren sozialen Sphären zu entreißen.
Wahrscheinlich liegt der Beginn des „Kultur“-Gequatsches in den Siebzigerjahren, als man die unterdrückte „Arbeiterkultur“ entdeckte und der „Hochkultur“ gleichstellen wollte, um der „herrschenden Klasse“ eins auszuwischen. Seitdem geht man in Jeans in die Oper, aber leider im Gegenzug nicht im Smoking in die Stadtteil-„Kulturwerkstatt“, was ja irgendwie ausgleichende Gerechtigkeit wäre.
Heute ist alles Kultur
Es gibt jedenfalls kein Halten mehr. Jetzt ist alles Kultur. Da entdeckte Gunda Röstel (Grüne) die „Kultur des Sich-Vermittelns“, Wolfgang Thierse (SPD) stand mehr auf die „Entfeindungskultur“ während Edmund Stoiber (CSU) die „Hinschaukultur“ ein Herzensanliegen war. Im Breitensport und im Motorjournalismus reüssierte die „Laufkultur“, während Alkoholiker auf einer ordentlichen „Zapfkultur“ bestanden. Die Werbung propagierte die „Rauchkultur“ und im Militär gab es die „Befehlskultur“. Am Ende dann steht das Bestattungsgewerbe, das sich der finalen „Aufbahrkultur“ verschrieben hat (alle Beispiele aus „Alle 756 Kulturen. Eine Bilanz.“ Frankfurt am Main, 2001).
Wie gesagt, das war der Stand 2001. Jetzt gibt es etwas Neues. Guido Westerwelle spricht ja seit einiger Zeit von einer „Kultur der Zurückhaltung“, an der man sich im Falle Libyens orientiert hätte und sich weiter orientieren wolle. Froh wäre man gewesen, wenn der Begriff wie die oben genannten Komposita einfach nichts bedeutet hätte. Aber Guido machte bekanntlich ernst.
Und da hört der Spaß dann auf. Denn die beliebte „Joghurtkultur“ kann vielleicht zu Darmproblemen führen, eine um sich greifende „Zurückhaltungskultur“ hätte jedoch, wenn sich Amerikaner, Franzosen und Engländer an ihr orientiert hätten, zu einem Massaker geführt.
Doch, was so harmlos klingt, bedeutet sowieso etwas ganz anderes: Wenn Deutsche sich angeblich zurückhalten, kann man davon ausgehen, dass das Gegenteil der Fall ist. Denn die „Kultur der Zurückhaltung“ hieß früher „Friedensmacht Deutschland“ und suggerierte mit kirchentagsgestähltem Größenwahn: Würden sich nur alle so friedliebend verhalten wie die deutschen Obermoralisten, würde man den Frieden nur intensiv genug herbeisehnen, dann würde er schon kommen.
Diese Art von Pazifismus, der über Leichen geht, ist die neue deutsche Überheblichkeit, die man in Ermangelung anderer Möglichkeiten erschaffen hat, die aber ganz in alter deutscher Kontinuität steht: den anderen kulturlosen Nationen Nachhilfeunterricht in einwandfreiem Verhalten auf der Weltbühne geben. Dieses unangenehme Deutschland mit seinem Moralimperialismus leuchtet umso heller, weil es „die Anderen“, vor allem aber die USA, als unzivilisierte, barbarische Nationen, als Überbleibsel eines überkommenen Zeitalters hinzustellen versucht. Es ist ein unsouveränes Deutschland, ein pubertäres, das sich unablässig am immer noch großen Bruder USA abarbeitet.
Im reinen Gewissen gesuhlt
Aber so ist es halt, das „Kulturvolk“ Deutschland. Während sich hierzulande alle in ihrer biologischen Joghurt-, Stadtteil- und Zurückhaltungskultur suhlen, bringen die kulturlosen Amis in Libyen im Verbund mit ihren Handlangern, den Engländern und Franzosen, Leute um.
Es ist in diesem Zusammenhang äußerst beunruhigend, bestätigt aber alle Befürchtungen, dass Günter Grass, einer der größten Fans der „Zurückhaltungskultur“ sich gerade zur Galionsfigur rechter Geschichtsrelativierung aufschwingt: Grass rechnete die Anzahl der toten deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion gegen die jüdischen Holocaustopfer auf.
Es ist der notwendige biografische Endpunkt von jemandem, der sich einfach zu lange in der cordbehosten „Zurückhaltungskultur“ und im absolut reinen Gewissen gesuhlt hat. Irgendwann muss so jemand die Sau rauslassen. Das ist ein Naturgesetz.



















Sprachglossen schön und gut. Aber was spricht gegen die inflationäre Verwendung von “-kultur”? “Kultur ist, wie der ganze Mensch lebt und arbeitet”, hieß eine alte SPD-Weisheit, die H.P.Piwitt fortgesetzt hat mit “Kultur hat, wer Herr seiner Sinne, seiner Interessen, seiner Werkzeuge ist.” Demnach muss der Begriff einfach für alles herhalten dürfen, für Arbeiterkultur, Trinkkultur, Unternehmenskultur, Sprachkultur. Es klingt gleich ein bisschen gewählter, wenn man alles meint, aber nichts so bestimmt.
Ob ich “Anliegen” durch “Interesse” ersetzen würde, weiß ich auch nicht. Das Attribut “interessant”, das sich ewig aufdrängt, wird doch Volontären schon am ersten Tag ausgetrieben. Also sind wir froh um jedes treffendere Adjektiv, das uns einfällt.
Durch den Kultur-Einstieg wird die Argumentation des obigen Beitrags irgendwie schief. Von Joghurt-Kultur über Zapfkultur sich zu Libyen und Grass durchzubuchstabieren ist zwar im Kabarett gang und gäbe, aber kein Gewinn für den politischen Disput.
Immer feste druff….Interessant welchen Einstieg man nimmt um Westerwelle eins auszuwischen.Es ist längst beschlossene Sache (aus neiner bestimmten Ecke)diesen Herrn abzuschießen. Nur wie, das war die Frage. Jetzt passt es ja gerade.
Ich mag ihn eigentlich auch nicht, z.B. wenn ein schwuler Außenminister in den Emiraten vorspricht.tz tz tz.Aber Libyen, da war er KLASSE!Ägypten und Tunesien, da war es das Volk, in Libyen waren es die Amis (mal wieder)die wollen ans Öl und die Chinesen dort verdrängen. Da lag Westerwelle schon richtig…