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Wieder da: der “geistige Brandstifter”

Der furchtbare Schock von Oslo sollte zum Schweigen animieren. Aber Journalisten können berufsbedingt nicht schweigen. Sie schreiben. Und was sie nach „Oslo“ schrieben, holte eine altbekannte Figur wieder aus der Kiste: den „geistigen Brandstifter“.

Der „geistige Brandstifter“ begann seine Karriere in den 70er-Jahren. Damals hieß er noch „Sympathisant“ und war so gefürchtet, dass der „Spiegel“ ihm im Terrorjahr 1977 eine ganze Serie widmete.

Im Visier der deutschen Konservativen war damals der gesamte sozialdemokratisch-kulturelle Komplex, die Vorwürfe, Böll und Grass hätten quasi mitgeschossen (Stellvertretend für Viele: Die „Bölls und Brückners als intellektuelle Helfershelfer des Terrors“, CDU-Abgeordneter Friedrich Vogel), war eine späte Abrechnung mit der als historischer Irrtum empfundenen Willy-Brandt-Epoche. Auch hier war von einem „geistigen Klima“ die Rede, das die RAF-Morde erst möglich gemacht hätte – eine abwegige These angesichts der Tatsache, dass die Killer der RAF kaum etwas mehr verachteten als die Sozialdemokratie.

Fahrlässige Geisteshaltung?

Der „geistige Brandstifter“ tauchte auch später immer wieder auf: als solche angegriffen wurden in den frühen Neunzigerjahren alle Parteien außer die Grünen, als eine Reihe von ausländerfeindlichen Brandanschlägen die Bundesrepublik erschütterte und die Bundestagsparteien die Asylgesetzgebung änderten. Komischerweise war nach dem 11. September 2001 selten kaum davon die Rede, obwohl die Attentäter sich in Deutschland in einem Milieu bewegten, für das keine Begriffe passender gewesen wären, als eben diese: „Sympathisant“ und „geistige Brandstifter“.

Und heute?

In der „Frankfurter Rundschau“ lesen wir: „Es wäre demagogisch, Broder und andere deutsche Islamophobe zu geistigen Brandstiftern zu erklären und für Breiviks Verbrechen in Mithaftung zu nehmen. Aber richtig ist eben auch, dass Schriften, wie sie Broder verbreitet, das Entree-Billett für den aggressiven Antiislamismus bilden, der nicht nur die deutsche, sondern fast alle europäischen Gesellschaften befallen hat.“

Und an anderer Stelle: „Man könnte die Klagen des Mörders über die Zersetzung europäischer Nationalkulturen ohne weiteres mit „Europa schafft sich ab“ betiteln. Anders als Breivik steht Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“) natürlich nicht im Verdacht, gewaltsame „Lösungen“ zu propagieren oder zu betreiben. Aber die Argumentation – kurz gefasst: Die „Kopftuchmädchen“ überrennen uns, und die politisch korrekten Multikultis schauen zu – unterscheidet sich von den Radikalen, auf die sich Breivik beruft, nur im Ton.“

Ähnlich war das in der Süddeutschen und in ARD-Kommentaren zu lesen und zu hören, wo zum Teil zwischen „Islamkritikern“ wie Henryk M. Broder und Ultrarechten kaum noch unterschieden wurde. Hatte also, um im CDU-Sound der Siebziger zu bleiben „Broder mitgeschossen“? Die Kommentare sind nicht sehr weit weg von der These einer intellektuellen Mitverantwortung.

Die „Gegenseite“, wenn man das so nennen will, geriet in die Defensive und versuchte es mit Transzendenz. Die „Lust am Bösen“, abgelöst von jeder gesellschaftlichen und geistigen Beeinflussung sollte in Oslo am Werk gewesen sein.

Wo bitte liegt die Wahrheit?

Wo aber ist die Wahrheit? Es ist absurd, Henryk M. Broder in irgendeiner Weise mit einem Schlächter und Massenmörder in Zusammenhang bringen zu wollen. Auch wäre es das Ende der Meinungsfreiheit, wenn bei der Formulierung eines – vom Grundgesetz – gedeckten Gedankens immer mitgedacht werden müsste, wie dieser Gedanke noch im letzten Paranoiker-Hirn zur Handlungsanweisung umgedeutet werden könnte.

Auf der anderen Seite sind Teile der Anti-„Gutmenschen“-Polemiker keineswegs aus dem Schneider: wohl keine Idee war in den letzten Jahrzehnten fataler als die These einer angeblichen „Political Correctness“, die als Alibi diente noch jedes – auch berechtigte – Tabu als Angriff auf die Meinungsfreiheit zu interpretieren. Auch die im Anti-„PC“-Milieu behaupteten „Meinungskartelle“ sind – von der jeweiligen Ausführung unabhängige – fatale Denkfiguren.

Was den einen ihr „linksliberales Meinungskartell“ ist den anderen das „internationale Judentum“ und wieder anderen die Unterdrückung durch die „Ungläubigen“. Es ist dasselbe fatale Denken, eine angebliche dominante Macht, durch die sich die jeweiligen Attentäter in eine angebliche Notwehrsituation hineinfantasieren.

Sind deshalb die Fans der PC-These mitschuldig? Nein. Aber „Oslo“ könnte dennoch Anlass sein, zu einer wesentlichen bürgerlichen Tugend zurückzukehren: zur Mäßigung und dem offensichtlich in manchen Kreisen als Verrat empfundenen Gedanken, andere könnten auch Recht haben.

Noch etwas: Ist die Behauptung der „geistigen Brandstiftung“ nicht eigentlich selbst schon geistige Brandstiftung?

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