Zusammenkommen ist ein Beginn, zusammenbleiben ist ein Fortschritt, zusammenarbeiten ist ein Erfolg. Henry Ford

Hannelores Tag ist grau

Das Leben der Kanzlergattin ist ein einziger Beweis für die Notwendigkeit der Frauenbewegung.

Wer in den Achtzigerjahren aufgewachsen ist, erinnert sich noch an die Häme, die nicht nur über Helmut Kohl, sondern auch über seine Gattin Hannelore ausgeschüttet wurde: Man musste damals nur die Schlagwörter „Birne“, „Saumagen“ oder „Oggersheim“ in die Runde werfen und jeder wusste in stiller Übereinkunft, über den muss man nicht diskutieren, über den lacht man einfach.

Auch Hannelore, die „Barbie aus der Pfalz“, war bestenfalls ein Witz, wenn nicht eine Provokation in einer Zeit, in der die Errungenschaften der Frauenbewegung als gesichert galten.

Schäfchenstreicheln am Wolfgangsee

Zu krass war der Bruch in der politischen Bildsprache (heute neudeutsch: Ikonografie), die Kohl eingeleitet hatte: Während Brandt noch mit seiner emanzipierten norwegischen Frau Rut im Bauhaus-Kanzlerbungalow Literaten empfing und Helmut Schmidt ganz großbürgerlich im englischen Tweed-Sakko am Bernstein-Flügel Bach zur Aufführung brachte, ließ sich Kohl mit Hannelore an der Heimorgel fotografieren oder beim Schäfchenstreicheln am Wolfgangsee.

Irgendwann – das ist ein Naturgesetz jeder medial begleiteten Gesellschaft – gab es eine Gegenbewegung: seit den frühen Neunzigern kam auf einmal der sozialdemokratisch-kabarettistisch-literarische Komplex von Hildebrandt bis Grass und dem „Spiegel“ unter Feuer, das ganze angeblich diktatorische linke Aufklärungswesen („PC“), das seine Hegemonie längst verloren hatte (wenn es die je gegeben hat), war out und konservativ sein in.

Die Endmoräne dieser Bewegung stellt wahrscheinlich Eva Hermann dar.

Leben in der Kleinfamilienhölle

Kohl war sowieso rehabilitiert. Und Hannelore: die hatte sich – ganz im Geist der aufkommenden neuen antilinken Grundströmung – als bescheidene, ganz im Dienste der Familie stehende, anti-emanzipatorische aber trotzdem glückliche Frau verkaufen lassen. Zumindest hatte sie sich nie dagegen gewehrt: obwohl sie allen Grund gehabt hätte, wie man damals schon wissen konnte.

Heute, nachdem Heribert Schwan seine Hannelore-Kohl-Biografie veröffentlicht hat, ist es an der Zeit zuzugeben: fast alles, was der in der Tat nervige und meist selbstgefällige sozialdemokratisch-kabarettistische Komplex damals über die vermeintliche Kohl-Idylle vermutet hat, war richtig. Es war genau jene Kleinfamilienhölle, die die „68er“ immer bekämpft hatten. Zu Recht.

Fast alle „68er“-Familienthemen kommen hier vor: Aufrechterhaltung einer Fassade, die nur dem Mann dient, Fremdgehen des Mannes als Naturrecht, Frau sitzt zu Hause und erzieht die Kinder, während Mann draußen Karriere macht.

Das Leben der Hannelore Kohl ist ein einziger Beweis, dass die Ideen der Frauenbewegung dringend notwendig waren.

Nur kamen sie für Hannelore Kohl zu spät (1968 war sie 35) und aufgrund persönlicher Traumatisierung lieferte sie sich offensichtlich ganz bewusst dem „Riesen aus der Pfalz“ als vermeintlichem Beschützer aus: ein klassischer, ja der archaische Deal schlechthin zwischen Frauen und Männern.

Aus der Pflicht eine Tugend

Die Generation, zu der Hannelore Kohl gehörte, ist ja in letzter Zeit in den Fokus der Psychologie geraten: Es ist die vergessene, die traumatisierte Kriegsgeneration, die noch ganz allein mit ihren seelischen Desastern umgehen musste – und daraus unter dem Schlagwort „Disziplin“ und „Pflicht“ eine Tugend machte – während wir Verweichlichten heute einfach zum Psychologen rennen. In der einen oder anderen Form wird unserer Generation das ja auch vorgeworfen.

Wenn man das Leben der Hannelore Kohl studiert, weiß man endgültig: zum Glück ist dies heute alles so. Zum Glück sind wir „verweichlicht“. Zum Glück trennen sich Frauen von ihren Männern oder umgekehrt, zum Glück ist die Schwelle, zum Therapeuten zu gehen, niedriger, zum Glück herrscht heute ein anderes Familienbild – neukonservative Anwandlungen sind ja eher Teil der Popkultur als irgendetwas Ernstzunehmendes.

Das noch einmal bestätigt zu bekommen, das ist der Ertrag der Beschäftigung mit dem traurigen Leben von Hannelore Kohl.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    xconroy – 24.06.2011 - 18:23

    Wäre ja schön, wenn Eva Hermann tatsächlich eine Endmoräne ist, dann wäre nämlich in absehbarer Zeit Schluß mit dem Quatsch.

    Danach kommt vielleicht eine Zeit, in der weder “linke” (Grass und co.) noch “rechte” (Hermann, Sarrazin,…) Klugscheißer mit ihren dröhnenden Profilierungsversuchen den Ton angeben, sondern Menschen, die keine Angst davor haben, auch mal ein paar Schritte in den Schuhen ihres Gegenübers zu laufen, um erstaunt festzustellen, daß die gar nicht mal so schlecht sitzen…

  • Theeuropean-placeholder
    Thomas Maier – 24.06.2011 - 22:35

    Interessanter Artikel. Und das meine ich auch wirklich positiv.
    Nur dieser abstruse Seitenhieb auf Eva Brau.. äh.. Herman (ja, ein “n”, aber bei der ist das egal) hätte echte nicht sein müssen. Das hat selbst Birne nicht verdient. Eine Frau die sich in neorechten Kreisen aufhält und für den zwielichtigen Kopp Verlag arbeitet, der sich mit nazistischer Esoterik beschäftigt und ein Frauenbild besitzt, das selbst die Konservativen längst abgelegt haben … nein, ihren Namen allein schon lesen zu müssen lässt bei mir schon größere Würgereize aufkommen als es Sarrazin oder Udo Voigt schaffen. Und so etwas hat mal für die Tagesschau Nachrichten gelesen. Entwürdigend.
    So viel zu diesem Nebenthema (selber Schuld ;)

  • Theeuropean-placeholder
    Will Tanner – 25.06.2011 - 07:21

    Ich fand es damals schon mies, das tragische Schicksal Hannelore Kohls ideologisch auszuschlachten und finde das noch heute. Helmut Kohl ist nicht fremd gegangen – heute Dank der 68er gilt es fast schon als sozialer Zwang.

    Die “Hölle Kleinfamilie” mag in dem einen oder anderen Fall existieren – die Hölle Scheidungswaisendasein mit irgendwelchen Schlampen, die nicht mal wissen, wer der Kindesvater ist und sich an den Nächstbesten ranschmeißen und wegsehen, wenn er die Kinder missbraucht oder misshandelt, ist tägliche Realität.

    Ich würde gerne eine repräsentative Statistik darüber sehen, wie viele von denen, die Weisheiten wie die von der ach so schlimmen Kleinfamilie von sich geben, von Papi bis zum 35. Lebensjahr ihr Studium finanziert und von Mutti noch mit 25 den Frühstückstisch gedeckt bekamen.

Mehr zum Thema

Kolumne

Kollateralschäden der Wulff-Affäre

Photocase45se55dg53085031 7

Die bürgerlichen Parteien entdecken in Zeiten höchster Bedrängnis die Nibelungentreue. Mit echter Bürgerlichkeit hat diese aber nichts zu tun.

Kissler-alexander-kopf
von Alexander Kissler
10.01.2012

Mehr zum Thema: Buergertum, Hannelore-kohl, Helmut-kohl

Kolumne

Kissler-alexander-kopf
von Alexander Kissler
10.01.2012

Debatte

Die Angst vor der Bourgeoisie

1608161

Die Angst vor der Bourgeoisie

Dem Begriff des Bürgerlichen haftet immer noch viel negativer Ballast an. Ob der Begriff daher als Identifikation von Parteien taugt, ist fraglich. Doch gleichzeitig bezeichnen sich 80 Prozent der ... weiterlesen

Johannes-vogel-kopf
von Johannes Vogel
17.06.2011

Debatte

Progressives Bürgertum

Jes_mugley_suburb_buergertum

Progressives Bürgertum

Die oft schwärmerisch verbrämte Rede von der neuen Bürgerlichkeit bejubelt eine Entwicklung, die mehr Abgrenzung nach unten denn emanzipatorische Kraft bedeutet. Progressive Bürger braucht das Land... weiterlesen

Jan_korte
von Jan Korte
14.06.2011
meistgelesen / meistkommentiert