Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen. Kurt Tucholsky

Partei mit angeschlossenem Esoterikbetrieb

Wozu brauchen wir die evangelische Kirche, wenn es schon die Linkspartei gibt?

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Sie werden den Kapitalismus geißeln, den Aberglauben frönen, dass der Frieden einfach so kommt, wenn man ihn nur stark genug herbeisehnt und sich baden in der Gewissheit, dass das moderne Leben mit seinem Individualismus, seinem Konsum und seiner Liberalität die Wurzel vieler Übel ist: Der Parteitag der Linkspartei findet diese Woche in Dresden statt. Nur dass sich dort nicht die Linkspartei selbst, sondern eine Art Unterorganisation derselben namens EKD, Evangelische Kirche in Deutschland versammelt.

Ein angenehm verlottertes Leben wird nicht möglich sein

Wenn also dieser Tage die angesichts der vom amerikanischen Satan (der hat ja den Individualismus miterfunden) regierten Welt übel gelaunte Christen, samt „Kirche von unten“, „Markt der Möglichkeiten“ und Margot Käßmann (acht Veranstaltungen hat die Mutti der Nation in der Sachsenhauptstadt) in Dresden einfallen, dann kann man mit den Ureinwohnern nur Mitleid haben. Denn ein normales, angenehm sinnfreies verlottertes Leben ohne erhobenen Zeigefinger und schlechtes Gewissen wird für ein paar Tage in Sachsen nicht mehr möglich sein.

Wer sich das Programm des Kirchentages ansieht (es gibt 2200 Veranstaltungen), der muss einsehen, dass die evangelische Kirche sich selbst offenbar hauptsächlich als politische Partei mit angeschlossenem esoterischem Vergnügungspark sieht: man kann „Schlauchboottouren auf der Elbe machen“ und gleichzeitig etwas erfahren über „Globalisierung und Umwelt“. In der Veranstaltung „Pflicht zum Krieg – Recht im Krieg“ darf sich der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr Klaus Naumann vom versammelten deutschen Vulgärpazifismus (u.a. dem bigotten Kriegsgegner Norman Paech) zur Sau machen lassen. Und selbstverständlich hat man auch zum Essen („Ausweitung der Massentierhaltung in Deutschland als globales Problem“) und Atom („Fukushima – das Ende der Atomenergie!?“) Redebedarf. Die Antworten werden so überraschend sein, wie die der Linkspartei zu denselben Themen.

Hat Gott zur Globalisierung eine Meinung und zum Atom und zu Libyen? Was hält Gott von Gaddhafi? Was sagt Gott zur Brennelementesteuer? Will Gott Steuersenkungen oder will er zugunsten der Kommunen lieber mehr Steuern, damit die ihre Strassen reparieren können? Gott schweigt.

Der Politzirkus der EKD

Aber Margot Käßmann, die Ehrenvorsitzende der EKD-PDS wird alle diese Fragen sicherlich beantworten können. Und verrät damit alles, was eine Kirche von politischen Parteien unterscheiden sollte: metaphysische Sprache, eine Welterklärung durch nicht-weltliche Antworten, eine Theologie, die sich nicht darin aufzehrt, alles mies zu machen, was ein bisschen Spaß macht im Leben, sondern Menschen Lebenshilfe gibt und nicht zivilisationsskeptische Parteiprogramme.
In der EKD wird man diesen Politzirkus sicher als Folge der Nähe der Kirche „zu den Menschen“ hinstellen. In Wahrheit wird auf den hunderten politischen Veranstaltungen exakt das gesagt werden, zum Teil vom selben Personal, das schon bei Maischberger, Plasberg und Maybrit das Wort erhob.

Wenn aber die evangelische Kirche sich als politische Partei positioniert, dann sollte sie sich nicht wundern, wenn sie im Pro und Contra des politischen Betriebes als normaler Akteur behandelt wird: Das hat Margot Käßmann bis heute nicht verstanden und ist allzeit „verletzt“, wenn man ihr widerspricht. Dabei hat sie sich selbst von der Pastorin zur Politikerin gemacht. Und Politikern wird in Deutschland nun mal allzeit widersprochen.

Warum aber ist die evangelische Kirche zur grießgrämigen, antiliberalen Politpartei geworden?
Der Philosoph Alexander Grau macht in einem lesenswerten Plädoyer für einen „neoliberalen Protestantismus“ den Ursprung für diese bis heute bestehende Grundhaltung die Stimmung nach dem Ersten Weltkrieg verantwortlich: Man hatte in bestimmten Kreisen damals dem Liberalismus Schuld am Gemetzel gegeben. Auch der Einfluss des calvinistischen Theologen Karl Barth, der alles Menschengemachte, also auch die Kirche und erst Recht die Gesellschaft und ihre modernen Tendenzen für Teufelszeug hielt, sorgte für die anti-individualistische Grundstimmung in der evangelischen Kirche, die bis in die Jetztzeit anhält. Grau: „Statt den Menschen kulturelle Geborgenheit, intellektuelle Inspiration und theologische Orientierungshilfe zu vermitteln, präsentiert sich eine hochgerüstete Politkirche, die gefühlte soziale Schieflagen oder globale Missstände anklagt, dafür aber das Individuum aus den Augen verloren hat.“

Margot Käßmann weiß sicher die Antwort

Schwer vorstellbar, dass sich die evangelische Kirche von ihrem schlechtgelaunten Misstrauen gegen die pluralistische, individualistische Gesellschaft lösen wird.

Wenn man aber seit Jahrzehnten nahezu alles ablehnt, was der liberale, pluralistische Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland im Innern und Äußeren für richtig hält, von der Steuer- über die Arbeitsmarktpolitik bis hin zum Afghanistaneinsatz der Bundeswehr  – warum gibt man dann nicht endlich alle Privilegien auf, die dieser Staat der Kirche gewährt?

Margot Käßmann weiß sicher die Antwort.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Alex – 04.06.2011 - 15:09

    Danke! Sie treffen den Nagel auf den Kopf. Leider ist die katholische Kirche dabei sich genauso entbehrlich zu machen. Globalisierungskritik für ökonomische Analphabeten gibt’s bei uns auch in jeder zweiten Sonntagspredigt.

  • Theeuropean-placeholder
    Hilmar Reusch – 04.06.2011 - 15:38

    Hui, dann gebe ich mal ein Feedback: Obwohl ich bestimmt kein Fan der Linkspartei bin und mich der EKD nicht verpflichtet fühle, halte ich die hier vorgebrachte Kritik für gegenstandslos. Der Artikel wirkt, als sei der Autor einfach nicht ausreichend informiert. Jedenfalls ist das Umhergewirbel mit “Anti-” Präfixen irgendwie einfallslos und verdächtig.

    Wo und wann sprechen sich die EKD und die Linkspartei denn gegen das Individuum aus oder stehen dafür ein, “Spaß” zu vereiteln? Mir ist von all dem nichts bekannt, und wenn Neoliberalismus kritisiert wird, dann geht dies in aller Regel mit dem Einfordern von Verantwortung einher, nicht mit der Ambition des Vereitelns von Spaß o.ä.. Hier werden Gespenster gemalt. Niemand vertritt allen Ernstes so platte Thesen.

    Wenn man die beiden o.g. Lager schon kritisieren will – und das kann man ja machen – sollte man sich erstmal mit dem auseinandersetzen, was sie tatsächlich hervorbringen. Ansonsten wirkt es einfach nur realitätsfremd und unsinnig. Wie ist denn beispielsweise diese Passage mit den Schlauchboten zu verstehen? Soll das eine Kritik o.ä. sein? Wäre es eher im Sinnes des Autoren, wenn die Linke und die EKD ein Autorennen oder eine Flugschau aufziehen? Geht es ihm um mehr Eventcharakter und weniger Gespräch? Ich verstehe das gar nicht. Und überhaupt, was ist dagegen einzuwenden, wenn Käßmann irgendwo irgendwas erzählen will? Wenn es einen nicht interessiert, geht man halt nicht hin, oder? Ich verstehe den ganzen Aufriss nicht. Klingt nur nach Genörgel.

    Tja, und das mit dem Anti-Amerikanismus scheint obendrein nichts mit den USA im Allgemeinen zu tun zu haben, sondern mit unterschwelliger Reagan-Melancholie. Das ist allerdings schon echt lange her, erwies sich als ziemlich kostspielig und klammert ohnehin weite Teile anderer politischer Lager in Übersee aus.

    Fazit: ziemlich dick aufgetragen, dafür keinen klarer Punkt.

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 04.06.2011 - 23:38

    Ich denke der zentrale Satz bzw. die Kernaussage kommt in folgendem Zitat sehr deutlich zu Sprache: “Wenn aber die evangelische Kirche sich als politische Partei positioniert, dann sollte sie sich nicht wundern,…”
    Der Artikel von Jost Kaiser reißt das Problem gar nicht schlecht an.
    Und DAS ist ein Befund, der der evangelischen Kirche in Deutschland von vielen Seiten bescheinigt wird.

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    – 04.06.2011 - 16:22

    Ich bin Katholik und alles andere als ein Freund der Linken, dieser Artikel ist trotzdem ziemlicher Quark. Eine Kirche wegen des politischen Engagements ihrer Mitglieder mit einer vom Verfassungsschutz überwachten Partei zu vergleichen, ist schlicht sinnfrei.

  • Theeuropean-placeholder
    huba – 04.06.2011 - 17:02

    WOW Herr Kaiser, und was kompensieren sie so? Anders kann ich mir diesen Hass, gepaart mit kompletter Unwissenheit nicht erklären. Wie dem auch sei; Hut ab für die größte Realsatire im Schluß: “der liberale, pluralistische Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland” xD

  • Theeuropean-placeholder
    Noctuus – 04.06.2011 - 17:52

    Als ich mein Studium antrat, bewarb ich mich um ein Kirchenstipendium. Warum ich denn Theologie studieren wolle? Antwort: Tradition weitergeben. Ärgerliche Rückfrage: Wissen Sie eigentlich gar nicht, dass man heute nur mit Jesus Christus keine Kirche führen kann?" Nö. Als ich dann später erfuhr, dass mein Bekenntnis zur heterosexuellen Einehe eine “widerliche Blut und Boden-Theologie” sei, trat ich aus.

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Kolumne

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von Harry Tisch
04.06.2011
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