Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen. Kurt Tucholsky

Der Politakrobatiker macht weiter

Von einem “Stahlgewitter”, durch das Guttenberg gehe, sprach CSU-Parteifreund-Norbert Geis. Am Ende wird dem Freiherrn die Plagiatsaffäre sogar nützen: Hier holt er sich die angeblich notwendige Härte für den Politikbetrieb

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Beinahe wäre es so weit gewesen: Da hätte man sich wohl zu der Erkenntnis durchringen müssen, man selbst sei der Geisterfahrer und nicht die anderen. Am 4.3.2011 sollte Margot Käßmann den „europäischen Kulturpreis für Zivilcourage“ erhalten. Begründung: Die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende habe „ohne Rücksicht auf falsche Konventionen oder gesellschaftliche Zwänge, couragiert ihre Meinung vertreten“.

Doch die Preisverleihung an die Frau, die noch nie eine bessere Investition tätigte als voriges Jahr in ein paar Whiskys, wurde abgesagt. Käßmann fällt also aus. Dann kam allerdings gleich Nachschub an Anschauungsmaterial dafür, wie Popularität heute geht: Guttenberg. Der Minister hat, da wäre er auch Kandidat für den „europäischen Kulturpreis“ sozusagen „ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Zwänge“ seine Doktorarbeit zu großen Teilen abgeschrieben.

Es funktioniert ohne Rücktritt

Die Gemeinsamkeit der beiden: Wie Käßmann, die ihre ungeheure Popularität durch den Rücktritt, der ja Folge eines eindeutigen Fehlverhaltens war, begründete, schadet Guttenberg die Affäre bisher in den Umfragen keineswegs. Nur: Bei Guttenberg funktioniert das Ganze sogar ohne Rücktritt.

Beim Auftritt im hessischen Kelkheim, in Anwesenheit von einem, der sich mit so was auskennt, Roland Koch, zeigte sich Guttenberg voll auf der Höhe einer Disziplin, die ihm, der neuen Art des homo politicus angeblich so fremd ist: Spin-Doctoring, die Umdeutung der Ereignisse.

Die Tricks des Spin-Doctorings sind uralt, aber sie funktionieren. Schon 1968 sprach Nixon von der „schweigenden Mehrheit“, und schaffte es, das „System Washington“ und den medial-politischen Komplex dort als abgehoben, elitär, weltfremd und verbissen hinzustellen, sich selbst hingegen als Mann des Volkes. Guttenberg hat es in Kelkheim genauso gemacht und da ist er wiederum ein Schüler Helmut Kohls, der jahrzehntelang gut davon lebte, dass „die Hamburger Kampfpresse“ und die „selbst ernannten Eliten“ ihn kurz vor dem Untergang wähnten – eine maßlose Selbstüberschätzung – während ihn das Wahlvolk, wie er mehrheitlich mit Vorbehalten gegen alles Städtische ausgerüstet, stützte.

Guttenberg ist noch da, weil man ihn braucht

Man kann gegen Guttenberg alles Mögliche vorbringen, zum Beispiel aktuell das für jeden Offensichtliche. Man kann es aber auch lassen. Denn was soll man sagen gegen ein Argument, das letztlich so funktioniert wie der Werbeslogan eines bekannten Versandhauses: Guttenberg? Find’ ich gut.

Man könnte darüber spekulieren, ob die ungeheure Zustimmung zu Guttenberg reziprok ist zum gleichzeitigen Phänomen des Politikerhasses, wie er bei Stuttgart 21 zum Ausdruck kam. Die Idee, Politiker grundsätzlich für das Allerletzte zu halten und dem einen Auserwählten andererseits nahezu alles zu verzeihen, ihm also grundsätzlich alles zuzuschreiben, was man allen anderen abspricht – das liegt sehr nah beieinander.

Aber das ist alles Spekulation. Als Resümee der Ereignisse, die einmal als nahezu prototypisches Drama des politischen Skandals in die Geschichte eingehen werden, bleibt: Guttenberg ist noch da, weil man ihn braucht. Wäre es anders, wäre er längst weg. Eine Kabinettsumbildung war nicht in Merkels Interesse.

Die Affäre wird ihm eventuell sogar noch nützen: Jetzt hat Guttenberg sich das angeeignet, was die harte Währung der Politik ist: Standfestigkeit. Und er hat ein Bündnis geschlossen gegen „die in Berlin“ und gibt seinen Anhängern ein Machtgefühl: sie trotzten – mit ihm zusammen – dem sonst als übermächtig empfundenen medial-journalistischen Komplex.

Es gibt nur ein Resümee: Der Mann ist auf gutem Weg zum Kanzler.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Mark Kayser, Kai Wegrich, Ernst Elitz.

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