Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernstgenommen. Konrad Adenauer

Masse-Panik

Masse ist eklig – besonders, wenn sie die eigene Meinung nicht teilt. Herzlichen Glückwunsch zum 60. an die „Bild“-Zeitung, aber ich lese weiter die FAZ.

Die „Bild“-Zeitung war immer für die Masse zuständig. Und wenn es um Masse geht, stellen sich feinsinnigen Intellektuellen nun mal die Nackenhaare auf – es sei denn, die Massen sollen in ihrem Sinne zum Guten erzogen werden (je nach Mode der letzten sechs Jahrzehnte im Sinne Marx, Mao, Osho oder wenigstens Oskar, der die Masse anhand vom Sozialismus mit menschlichem Antlitz zum Besseren erziehen wollte).

Letzteren hat die „Bild“-Zeitung übrigens erst wieder groß gemacht. Insofern hat sich die „Bild“ um die Linke in Deutschland verdient gemacht. Nur Wallraff glaubt immer noch, die „Bild“ sei ein rechtes Kampfblatt.

Aus allen andren linken Blütenträumen wurde allerdings naturgemäß nichts, da stand nicht zuletzt immer das Springer-Boulevardblatt vor, vor allem aber einfach die Gesellschaft: Die „Bild“ wollte keinen Sozialismus, kein Öko, keinen Oskar und irgendwann wollte die Bild allerdings auch keinen Kohl mehr, der dann auch verschwand. Dies alles ausschließlich der „Bild“ zuzuschreiben, wäre allerdings eine groteske Übertreibung – auch zu der neigen Intellektuelle ja und es gibt ja nicht wenige, die das Scheitern ihrer Träume fast ausschließlich der Existenz der „Bild“-Zeitung und des Papstes zuschreiben. Das ist so eine Art negative Sinngebung, für die „Bild“ eben auch gesorgt hat.

Es gilt: Masse ist eklig

Es gibt sogar Leute, die ihren Ruhm fast ausschließlich dem Abarbeiten an der „Bild“ verdanken (Wallraff, Niggemeier).

Grundsätzlich also gilt in Deutschland: Masse ist eklig („Masse und Macht“ – Canetti) und Masse ist ganz besonders eklig, wenn sie nicht so will, wie sich die da oben im moralischen Hochsitz das so vorstellen und bei Günter Grass nachfragt, was sie denken soll – der allerdings, was fieseste Massentauglichkeit betrifft, zuletzt ja einen Scoop gelandet hat, der „Bild“-Zeitungs-Ausmaße erreicht und dabei keinerlei Skrupel empfand (dazu später mehr).

Vielleicht ist es deshalb eine ganz besondere Kränkung, dass die „Bild“-Zeitung kann, was andere nicht können: anlässlich des 60-jährigen Jubiläums verteilt die „Bild“ an alle deutschen Haushalte ein Exemplar für lau, macht 40 Millionen „Bild“-Ausgaben in deutschen Briefkästen, eine Massenwurfsendung sozusagen.

Wer kann das außer „Bild“? Niemand. Hier wird noch einmal, wie ein Zitat ihrer selbst, von der „Bild“-Zeitung ein Kollektiv zusammengeschweißt, das es in unserer heterogenen Gesellschaft so gar nicht mehr geben kann: das Kollektiv der „Bild“-Leser, einer „Bild“, die – neudeutsch – die „Agenda“ bestimmt (auf gut Intellektuellen-Deutsch hieß das mal nach Gramsci „kulturelle Hegemonie“).

Tut sie das noch? Nein und ja. Der letzte große Erfolg, den man der „Bild“-Zeitung zuschreibt, ist das Ende von Christian Wulff. Das Ende des Niedersachsen-Mannes mag wohl tatsächlich im Büro von Kai Diekmann beschlossen worden sein. Das Irre war aber, dass alle anderen, die sogenannten seriösen Medien, das gemacht haben, was sie der „Bild“ immer zugeschrieben haben: die Drecksarbeit.

Noch irrer, dass sich etwa der „SZ“-Redakteur Leyendecker nicht zu schade war, einen Preis zu verweigern, weil er ihn mit der „Bild“ teilen sollte – eine wahnsinnige, lebensgefährliche Tat der Medien-Resistance und die Rolle des Widerstandskämpfers ist nun mal die begehrteste im ganzen Land. „Bild“ hatte die Geschichte – und die Eitelkeit der anderen, dieser ewige Wahn, ein deutsches Watergate nachzuspielen und sich als Sturmgeschütze der Demokratie zu präsentieren, hat diejenigen, die vorzugsweise über „Bild“ die Nase rümpfen, zu „Bilds“ Vollstreckern gemacht. Den Rest besorgte Wulffs Naivität.

Herzlichen Glückwunsch – ich lese weiter die „FAZ“

Man muss die „Bild“, wie den Springer-Konzern insgesamt, unbedingt loben. Mindestens in einem Punkt. Es mag intern anders aussehen, aber die „Bild“ präsentiert sich nach außen als letztes pro-israelisches und pro-amerikanisches Bollwerk, als letzter wahrer Widerstandskämpfer gegen den Zeitgeist. Die „Bild“ hat nie, wie zuletzt der „Spiegel“ in den letzten zwei Titeln (interessanterweise mal als „Bild-Zeitung für Intellektuelle“ verspottet) in dieser Hinsicht mit Ressentiments gespielt. Man will sich gar nicht ausdenken, was passierte, würde die „Bild“ diesen Kurs ändern.

Die Skandalisierung der U-Boot-Lieferungen an Israel konterte „Bild“ mit einem Interview und einer Home-Story über den israelischen Ministerpräsidenten und seine Frau. Die Lage ist – bezüglich der wahnsinnigen Israel-Neurose (man darf angeblich nichts gegen Israel sagen und tut es aber gleichzeitig nahezu ununterbrochen) – inzwischen ja wüst: Den meisten Menschen dürfte angesichts der fast ausschließlich negativen Israel-Berichterstattung neu gewesen sein, dass Netanjahu und seine Frau Menschen aus Fleisch und Blut sind, die auch etwas anderes machen als Siedlungen bauen, Deutschland erpressen und Atomkriege planen.

Dank „Bild“ weiß es jetzt auch die Masse. Danke „Bild“. Und herzlichen Glückwunsch. Bleib so, wie Du bist. Oder lass es. Ich lese weiter „FAZ“.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ursula Ernst, Wolfgang Donsbach, Bernd Blöbaum.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Israel, Journalismus, Frankfurter-allgemeine-zeitung

Kolumne

Medium_179a55b1d5
von Wolfgang Michal
22.05.2015

Debatte

Nach der Pleite der „Frankfurter Rundschau“

Medium_57c4cb764a

Die Rache der Geschichte

Der Verkauf der „Frankfurter Rundschau” ist ein tragikomisches Stück. Nicht nur müssen es die verbleibenden Redakteure nun bei der „FAZ" schaffen. Nein, auch das Gelände, auf dem sie dies tun werde... weiterlesen

Medium_9664aaddf6
von Hugo Müller-Vogg
07.03.2013

Kolumne

Medium_624bfb3b98
von Lars Mensel
20.10.2011
meistgelesen / meistkommentiert