Danke, gute Nacht zusammen! Joseph Ratzinger

Terror-Tourismus

Wir streiten uns, ob Pauschaltouristen oder „Slow Traveler" schlimmer sind, dabei werden Flüchtlinge die Reisenden der Zukunft sein.

Der Unterschied zwischen einem „Touristen“ und einem „Reisenden“ – so notierte einst der amerikanische Schriftsteller Paul Bowles – ergibt sich aus Reiselänge und Mentalität. Ein Tourist reist eilig, und er „akzeptiert seine eigene Zivilisation ohne Rückfragen“. Ein Reisender bewegt sich dagegen langsam und reflektiert seine eigene Zivilisation, er vergleicht sie „mit den anderen und verweigert sich der Elemente, die ihm nicht gefallen“.

Bowles’ Kategorien sind ein guter Ausgangspunkt zur Differenzierung von ethischem Tourismus in einem Zeitalter anwachsender Touristenströme und im Internet verfügbarer Informationen über entfernteste Orte. Vor allem aber zeigen seine Kategorien, dass wir in Zukunft neue Begriffe brauchen werden.

Beginnen wir mit dem viel geschmähten Touristen: Er steigt aus seiner Fähre und folgt einem Regenschirm auf meine griechische Lieblingsinsel, von der ich immer gehofft hatte, ihr bliebe die Tourismus-Gentrifizierung erspart. Nun sitzt er in meiner Stammtaverne und sorgt sich, weil die Speisekarte nicht in seiner Sprache verfügbar ist. Wenn das Personal ihn nicht versteht, spricht er einfach lauter. Er beklagt sich, Olivenöl bereite ihm Verdauungsprobleme, er bekomme zu schnell einen Sonnenbrand und übernachtet in einer Hotelkette, weil lokale Gästehäuser nicht all-inclusive sind. Ich sehe ihn erneut an Bord eines Ryanair-Flugs zu einer historischen europäischen Stadt, die längst ein Museum geworden ist und wo Touristen Karnevalsmasken kaufen und jedes Vorurteil bestätigen.

Durch vermüllte Landschaften brausen

Ist er nicht auch der Strandbesucher im Fußballtrikot, der gerade einen Streit anfängt und mit einer Bierflasche herumfuchtelt? Oder der Typ auf einem Junggesellenabschied in Siem Reap, der eine 15-Jährige für Sex bezahlt? Ich sehe ihn auf einem Moped, wie er in Ko Samui und Mykonos durch die vermüllte Landschaft braust. Wie er in Kreuzberg Drogen von einem verarmten Asylbewerber kauft. Er ist einer der jährlich zehn Millionen Besucher, die die Wasserreserven der Kanaren aufbrauchen, einer der Verursacher illegaler Müllhalden. Er gehört zur Kamera-behängten Horde, zur Zielgruppe der Kreuzfahrtschiffe, mit denen er eines Tages in eine Küstenregion einläuft – so verheerend wie die Costa Concordia. Doch vor allem ist er die Zukunft unseres Planeten, welchen er mit CO2-Ausstößen Tausender Billigflieger verpestet. Er ist ein globaler Terrorist, er verdient ein Reiseverbot … oder doch nicht?

Denn was unterscheidet ihn wirklich von uns „Reisenden?“ Wer sind die wenigen Menschen, denen wir erlauben, die Welt zu durchkreuzen? Ist es die junge Backpackerin, die von ihren gleichermaßen aufgeregten und besorgten Eltern zum Flughafen gebracht wurde und sich gerade an einem Strand verliebt? Die erkennt, wie die Welt wirklich ist und mit geöffneten Augen zurückkehrt? Deren Reise ihr Leben verändern wird?

Oder sind es jene Menschen, die Gutes vollbringen, zwar ein bisschen zu viel fliegen, ihren ökologischen Fußabdruck aber mit dem Besuch von Klimakonferenzen ausgleichen oder zumindest Medikamente nach Liberia bringen? Sind es die „Slow Traveler“, welche die gereisten Kilometer kompensieren, Sprachen ebenso erlernen wie die Lebensweise der Bevölkerung? Deren Neugierde, Abenteuerlust und kulturelle Einfühlsamkeit ihnen einen Blankoscheck für globale Unternehmungen ausstellen?

Überall Skelette ehemaliger Hotels

Ich glaube, dass diese Definitionen zwar praktisch sind, der Tourist des einen aber schlussendlich der Reisende des anderen ist. Sicher, „nachhaltige Touristen“ unterstützen die lokale Wirtschaft und sind kulturell respektvoller. Aber sind wir Slow-Travel-Hipster mit unseren Blog-Artikeln, Foren-Einträgen und Reiseberichten nicht die eigentlichen Gentrifizierer des Reisens, weil wir den Pfad für die Touristenhorden ebnen? Wir sind ein Teil des Ganzen, was gibt uns also das Recht, uns von den „Touristen“ zu unterscheiden?

Tatsächlich blicken wir auf sie herab: Wir glauben, besser ausgebildet, weniger krass und deutlich anpassungsfähiger zu sein – nur aufgrund unserer Reisegewohnheiten. Ganz abgesehen davon, wie elitär es ist, sich eine weite Reise überhaupt leisten zu können. Am Ende des Tages sitzen wir doch alle in Flugzeugen, geben alle Geld aus und spülen alle unsere Scheiße direkt ins Mittelmeer. Wenn die heutigen „Touristen“ und „Reisenden“ also zusammenfallen, wie sollen wir sie in Zukunft also benennen? Ich glaube, es braucht eine radikalere Kategorisierung als die von Bowles. Eine, die keine bewusste Entscheidung voraussetzt.

Moralinsaure Slow-Travel-Reise-Hipste aufgepasst!

Über kurz oder lang werden wir wohl zu „Voyagern“. Die epische Reise wird die einzig realistische sein, außer wir finden Alternativen, außer Solarflugzeuge werden massentauglich. Denn sicher ist, dass Flugreisen teurer werden, wenn wir die Kosten unserer Abhängigkeit vom Kohlenstoff zu spüren beginnen.

Ein Bekannter von mir sagt gerne: „Flieg … so lange das noch geht!“ Aber ihm fehlt der Weitblick. In einer Welt ohne massenhafte Flugreisen verschwindet der Tourismus, wie wir ihn heute kennen, und auf dem ganzen Planeten bleiben die Skelette der ehemaligen Hotelresorts wie Mausoleen stehen. Wir werden sehr langsam reisen, jahrelang im gleichen Boot – oder so wie Patrick Leigh Fermor, der einmal (freiwillig) vom Küstenort Hoek van Holland nach Konstantinopel wanderte. Wie Odysseus werden wir zwischen den Inseln pendeln oder wie Flüchtlinge durch die Wüste kriechen. Die Zwischenhalte werden wichtiger sein als die Ziele. Wir werden keine Souvenirs transportieren, weil sie unser Gepäck zu schwer machen.

Vielleicht werden nur die ganz Reichen unterwegs sein, um die übriggebliebenen Attraktionen zu bewundern. Wahrscheinlicher ist aber, dass nur die ganz Armen reisen, aus Notwendigkeit anstatt aus Freude, und in weitaus größerer Anzahl als heute. Uns stehen unsichere Zeiten bevor, gerade weil sowohl Touristen als auch Reisende den Himmel erobert haben. „Voyager“ können die Art ihrer Reise nicht mehr bewusst auswählen. Also aufgepasst, ihr moralinsauren Slow-Travel-Reise-Hipster: Der Slow Travel der Zukunft – die massenhafte Migration aufgrund von Klimawandel – wird uns aufgezwungen werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Markert, Alissia Passia, Marianna Hillmer.

Fleisch

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2015.

Darin geht es u.a. um die Zukunft des Fleisches. Wir führen eine Debatte darüber, was morgen auf den Teller kommt. Dazu: Eine Bilanz nach sechs Monaten Mindestlohn, die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland, das zweifelhafte Phänomen des Massentourismus und die Digitalisierung des Museums.

Sie können es hier direkt bestellen.

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von Alexander Görlach
31.07.2015

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