Omas Häuschen bleibt steuerfrei. Aber wer Omas Villa erbt, der wird Steuern zahlen müssen. Peer Steinbrück

„Zum Glück bin ich von Natur aus ziemlich robust"

Als Chef der Deutschen Bank war er Deutschlands wichtigster Banker – bewundert und angefeindet zugleich. Er führte das Institut besser als die Konkurrenz durch die schwere Finanzkrise. Heute hat Josef Ackermann Distanz gewonnen und spricht über Ehrlichkeit trotz allem, Adrenalinquellen und Lichtschalter in fremden Hotels.

Herr Ackermann, jeder hat eine Meinung zu Fußball. Und jeder hat eine Meinung zu Josef Ackermann. Egal, wohin Sie gehen, ein Bild von Ihnen ist immer schon da. Wie gehen Sie damit um?
Wer über viele Jahre ein Großunternehmen führt, das im Namen auch noch auf das eigene Land verweist, wird zwangsläufig zu einer öffentlichen Person. Als ich seinerzeit Chef der Deutschen Bank wurde, sagte mir Karl Otto Pöhl, der ehemalige Präsident der Deutschen Bundesbank: „Von nun an sind Sie zwei Personen. Sie sind der Mensch, den Ihre Familie und Freunde kennen. Und Sie sind ein Symbol für das Unternehmen.“ Darauf habe ich mich eingestellt – auch wenn die ständige Beobachtung durch die Öffentlichkeit und die Medien nicht immer angenehm war. Aber sie ist Teil des Jobs. Das muss jeder wissen, der eine solche Position anstrebt.

Zum Beispiel im Falle Griechenlands. Sie äußerten im Mai 2010 in der Sendung von Maybrit Illner den Satz: „Ob Griechenland über die Zeit wirklich in der Lage ist, diese Leistungskraft aufzubringen [zur Zurückzahlung der Schulden], das wage ich zu bezweifeln.“ Damit lösten Sie in kürzester Zeit einen Skandal aus.
Einen Skandal würde ich das nicht nennen, denn an der Aussage war nichts Skandalöses. Heute würde wohl jeder sagen, was Kenner der Verhältnisse schon damals wussten: dass meine Aussage zu Griechenlands Schuldentragfähigkeit völlig richtig war. Der private Finanzsektor hat mittlerweile bereits enorme Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen vornehmen müssen. Aber damals fragten sich viele Leute: Wie kann man einerseits dafür plädieren, Griechenland erst einmal mit Steuergeldern zu helfen, und gleichzeitig voraussagen, dass das Land mit der hohen Verschuldung nicht zurechtkommt? Dass das kein Widerspruch sein musste, hat sich vielen erst später erschlossen.

War es ein Versprecher? Oder eine kalkulierte Botschaft?
Weder – noch. Nur die wahrhaftige Antwort auf eine Frage. Ich war mir bewusst, dass Menschen auf der Basis meiner Antwort Entscheidungen treffen würden. Ich durfte sie nicht in die Irre führen.

Aber Sie konnten nicht immer alles sagen, was Sie wollten?
Nein, die innere Zensur, die gibt es.

Sie sind im Laufe Ihrer Karriere sozusagen zu Ihrem liebsten Zensor geworden?
So kann man das sehen. (lacht) Wenn ich Professor gewesen wäre, hätte ich manche Dinge bestimmt klarer beim Namen nennen können. Und ich hätte auch Dinge gesagt, über die ich als Chef eines Unternehmens schweigen musste, weil ich nicht nur mir selbst, sondern immer auch meinem Arbeitgeber verpflichtet war. Da müssen Sie sich auch mal zurücknehmen können. Aber die Unwahrheit zu sagen, war für mich nie eine Option.

Sie sprechen auch in diesem Interview sehr bedacht. Hat der innere Zensor auch schon mal versagt?
Ich habe sehr früh in der Finanzkrise am deutschen Fernsehen einmal selbstkritisch bemerkt, dass auch die Deutsche Bank und ich selbst Fehler gemacht hätten. Daraufhin brach der Aktienkurs um 4 Prozent ein. Viele Leute dachten offenbar: Wenn der Ackermann Fehler eingesteht, dann kommen demnächst wohl auch Verluste auf die Deutsche Bank zu. Der Satz bekam aber vor allem deshalb ein solches Gewicht, weil er aus dem Kontext gerissen war.

Sie wirkten während der Finanzkrise zuversichtlich. Gleichzeitig stand die Weltwirtschaft am Abgrund. Hand aufs Herz: War der öffentlich geäußerte Optimismus nicht auch Mittel zum Zweck der allgemeinen Beruhigung?
Ja, natürlich war da auch Zweckoptimismus im Spiel. Denn hätte ich Unsicherheit oder gar Angst gezeigt, hätte ich damit Öl ins Feuer gegossen. Die Botschaft musste lauten: Alles ist unter Kontrolle. Allerdings war ich auch stets überzeugt, dass die Krise zu bewältigen war.

Nehmen wir den Sommer 2007, als sich die größte Finanzkrise der letzten Jahrzehnte abzuzeichnen begann…
…ein gutes Beispiel! Es gab die Schule, die gesagt hat, dass es sich um eine kleine Delle handle und keine größere Krise folgen werde. Und es gab die anderen, und zu denen gehörte ich, die sagten: Nein, wir haben zu viel Liquidität, die Risikoprämien sind zu gering, die strukturellen Probleme sind zu groß, wir haben Ungleichgewichte in diversen Bereichen, die sich nicht auf die Schnelle abbauen lassen. Aus dieser mehr fundamentalen Analyse folgte ein völlig anderes Verhalten. Wer ökonomische mit politischen und gesellschaftlichen Analysen verbunden hat, ist wesentlich besser gefahren als jene, die sich auf rein mathematische Marktmodelle verlassen haben.

Das ist ein Plädoyer für den Menschen als Entscheider! Je unübersichtlicher die Lage, desto wichtiger wird wieder der erfahrungsgesättigte Mensch, der in Ruhe über die Dinge nachdenkt.
Absolut. Aber nicht nur nachdenkt, sondern sich mit anderen in einen Dialog begibt. Denn jeder läuft Gefahr, betriebsblind zu werden und Informationen nur selektiv auszuwerten.

Was bedeutet Ihnen Freiheit?
Solange Sie an der Spitze eines Unternehmens stehen, sind Sie eingebunden in tausend Sachzwänge, Erwartungshaltungen und eine Aufgabe, die Sie so gut wie möglich erfüllen müssen. Es wäre naiv zu sagen, dass man in dieser Rolle persönliche Freiheit ausleben kann. Aber die Gestaltungskraft, die Sie als Chef eines Unternehmens haben, ist auch ein Stück Freiheit. Und das habe ich am meisten geschätzt. Wenn ich nur Befehlsempfänger gewesen wäre, der jeden Tag seine Aufgaben abarbeiten muss, dann wäre ich abends wohl ebenfalls erschöpft ins Bett gefallen, nur wäre zur Müdigkeit noch die Unzufriedenheit hinzugekommen.

Nach Joseph Schumpeter zeichnen den Unternehmer unter anderem zwei Eigenschaften aus: die Freude am Gestalten und ein Energieüberschuss. Die Möglichkeit, etwas zu bewirken – ist es dies, was Sie letztlich angetrieben hat?
Zweifellos. Die Freude am Gestalten war und ist meine Motivation und zugleich mein Kraftquell. Daher kommt auch die überschüssige Energie, und die braucht man, um seine Ambitionen zu nähren. Man darf nie mit dem zufrieden sein, was man erreicht hat. Selbstzufriedenheit ist tödlich. Man wird defensiv, passiv, bequem. Hier braucht es immer wieder neue Impulse. Idealerweise kommen sie von innen und drücken sich darin aus, dass man das Erreichte immer wieder in Frage stellt: nein, das reicht nicht, das kann ich noch besser machen! Oder die Impulse kommen von außen. Die Finanzkrise hat mich gezwungen, vieles zu überdenken: Geschäftsmodelle, Risiken, Positionen. Das hat mir damals einen Extra-Energieschub gegeben.

Die meisten von uns sind keine Masochisten. Der Mensch ist im Grunde seines Herzens ein bequemes Wesen. Wie halten Sie es mit der Bequemlichkeit?
Die kenne ich natürlich auch. Aber die Ambition, der innere Antrieb, Besonderes zu leisten, war immer stärker.

Ganz irrelevant sind vermutlich auch äußere Antriebsfaktoren nicht: Wie wichtig ist die finanzielle Entschädigung für die Motivation?
Die Vergütung ist ein wichtiger Teil der Anerkennung für geleistete Arbeit. Aber für mich war es nie übergeordnetes Ziel, meine Vergütung zu maximieren.

Haben Sie sich ständig mit anderen verglichen?
Nicht ständig. Aber jeder vergleicht sich mit anderen. Auch in puncto Anerkennung, die er erfährt, also auch in puncto Vergütung. Und die größere Transparenz heute hat sicher dazu geführt, dass sich Manager untereinander mehr vergleichen als früher.

Fanden Sie dieses Vergleichen manchmal nicht auch nervig?
Der Vergleich mit anderen spielt eine wichtige Rolle, nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Sport und in der Gesellschaft generell. Wer im Wettbewerb antritt, will zu den Besten zählen. Das ist ganz normal.

Welche Pläne haben Sie für Ihren nächsten Lebensabschnitt?
Ich bin nun 67 Jahre alt. Mir ist es wichtig, meine Erfahrungen an Jüngere weiterzugeben. Dazu habe ich verschiedene Beratungsaufgaben übernommen. Daneben will ich nachholen, was in meinen Berufsjahren zu kurz kam: mehr Zeit für Freunde und
Familie, Lesen, Musik und die einfachen Freuden des Lebens.

Sie fahren mit dem Tempo zurück?
Eindeutig.

Zeit zu haben: ist das der größte Luxus? Oder ist dies bloß das größte Klischee?
Die Möglichkeit zu haben, frei über die eigene Zeit zu verfügen, ist eine faszinierende Erfahrung. Sagen zu können: ich weiß noch nicht, was ich morgen mache. Vielleicht mache ich gar nichts. Oder ich mache meine Entscheidung vom Wetter abhängig. Oder davon, wie ich mich gerade fühle. Das ist ein hoher Genuss, wenn man mit sich und seinem Leben im Reinen ist.

„Der Preis einer falschen Entscheidung dürfte im Schnitt höher liegen als eine Reduktion des Arbeitspensums durch einige zusätzliche Stunden ruhigen Schlafs.“

Dieser Text erschien im Schweizer Monat

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Manager, Börse

Debatte

Habsucht, Gier und Neid

Medium_62c5f82628

Begrenzung der Managergehälter?

Ausgerechnet die SPD und ihr neuer Frontmann Martin Schulz überrumpeln nun die Unionsparteien mit ihrem Gesetzentwurf zur Einschränkung hoher Managergehälter. Inklusive Boni soll die Gesamtvergütun... weiterlesen

Medium_056fc3650d
von Richard Schütze
18.04.2017

Kolumne

Medium_45c47f9584
von Gunnar Sohn
02.02.2016

Kolumne

Medium_45c47f9584
von Gunnar Sohn
02.12.2015
meistgelesen / meistkommentiert