Wenn der Mensch nur noch Multitasking macht, dann kommt er nicht mehr zum Nachdenken. Frank Schirrmacher

„Solange wir Gott zum Lachen bringen“

Sie stellen sich vor wütende Stiere und katapultieren Toilettenhäuschen samt Insassen durch die Luft. Schmerz- und Ekelgrenzen zu überwinden gehört für die Macher von “Jackass” zum Geschäft. Die Serie und die Filme sind trotz oder gerade wegen ihrer hanebüchenen Stunts und ihres jugendlichen Humors seit zehn Jahren international erfolgreich.

The European: Haben Sie in Berlin bereits Ideen für neue Stunts gefunden?
Tremaine: Ich denke schon. Wir haben heute eine Zeitung besucht, und dort gab es einen offenen Aufzug (Paternoster, d. Red.), ein seltsamer Lift ohne Türen. Da drin ist man ziemlich verwundbar.
Knoxville: In diesen Dingern können einem viele böse Sachen widerfahren.

The European: Sie haben bereits, wenn auch mit einer Schutzweste, auf sich schießen lassen. Wie ist Ihr Verhältnis zum Tod?
Knoxville: Wir sprechen von Zeit zu Zeit über solche Konsequenzen. Es gibt sie, aber wir hatten bisher viel Glück. (Klopft auf Holz.)
Tremaine: Solange wir Gott zum Lachen bringen.

The European: Sind Sie wirklich furchtlos?
Knoxville: Nein, ich bekomme Angst. Ich glaube, dass sich meine Furcht in meinem Lachen zeigt. In diesen Momenten hast du Angst, aber du zählst auf wirklich gutes Material aus dieser Situation.
Tremaine: Viele der Jungs kriegen wirklich Schiss. Man kann sehen, dass sie die Hosen voll haben.
Knoxville: Als Stuntmen sind wir die größten Weicheier der Welt. Wir haben noch nicht einmal Angst zu weinen.

The European: Haben Sie sich den Fluchtreflex irgendwann abgewöhnt?
Knoxville: Ja, etwas in dir will wegrennen. Der Schauspieler in mir will wegrennen, der Produzent in mir will stehenbleiben. Und der Produzent gewinnt. Das kann man aber nicht trainieren. Wenn du gutes Material haben willst, bleib stehen. Wenn nicht, renn.

The European: Drücken Sie sich auch in manchen Situationen?
Knoxville: Wir sind neun Jungs. Wenn einer es nicht macht, findet sich jemand anderes. Aber grundsätzlich bin ich für alles offen.

The European: Nicht am Set, aber vor welcher alltäglichen Situation würden Sie sich drücken?
Knoxville: Ich weiß nicht. Normalerweise mache ich keine Rückzieher.
Tremaine: Ich kann mich nicht erinnern, dass du dich je gedrückt hättest.

“Wir machen uns selbst zum Affen und wollen nicht andere lächerlich machen”

The European: Was würden Sie nicht tun?
Knoxville: Es gibt jede Menge Zeug, das ich nie tun würde. Ich würde sagen, dass wir unsere Hinterhältigkeit gegen uns selbst richten. Wir machen uns selbst zum Affen und wollen nicht andere lächerlich machen.
Tremaine: Die Absicht ist wichtig. Egal, wie lächerlich es ist, ist es immer wirklich positiv.
Knoxville: Wirklich blöd.
Tremaine: Der Erfolg von Jackass ergibt sich aus der Beziehung, die Menschen zu dieser Positivität aufbauen.

The European: Gibt es etwas, das Sie immer machen wollten, aber noch nicht gewagt haben?
Knoxville: Nein. Wenn wir etwas drehen wollen, drehen wir es. Und das ist eine Menge. Wir haben so viel für diesen Film geschrieben, dass uns die Zeit ausging. Aber wenn wir es wirklich wollen, wird es gedreht.
Tremaine: Es gab keine Idee, die zu verrückt war, um verwirklicht zu werden. Die verrücktesten Ideen werden immer zu den besten Szenen.
Knoxville: Wirklich den besten.
Tremaine: Was uns nicht zum Lachen bringt, wird nicht gedreht.

The European: Sind Sie je in Schwierigkeiten aus religiösen oder moralischen Gründen geraten?
Knoxville: Chris Pontius hatte einmal Probleme mit einem “wiedergeborenen” Christen. In einer TV-Folge lief er durch Los Angeles. In einem Teufelskostüm und mit einem Schild: “Gott raus aus Kalifornien” (Keep God out of California.). Da kam so ein wiedergeborener Christ an, zerbrach das Schild und prügelte auf ihn ein.

The European: Das Amerika der Fernsehprediger ist auch das Amerika von Howard Stern, Marilyn Manson und – eben – “Jackass”. Wie kann es sein, dass man in “Jackass” fliegende Dildos, schwingende Penisse und vollkommene Nacktheit sieht, während Europäer häufig noch glauben, die Amerikaner seien hoch moralische, strenggläubige Bibelleser?
Knoxville: Ich weiß nicht, was für Nachrichten Sie hier bekommen.
Tremaine: Amerika ist ein großes Land mit allem Möglichen. Es gibt definitiv beides, eine große Bandbreite. Aber da gibt es eben auch Durchgeknallte wie uns.
Knoxville: Ich weiß wirklich nicht, was für ein Zeug Ihre Presse über Amerika schreibt.

“Wir hocken auf einem Regenbogen.”

The European: Würden Sie “Jackass” als homoerotisch bezeichnen?
Knoxville: Absolut homoerotisch! Wir hocken auf einem Regenbogen.

The European: Wie viele Knochen haben Sie sich gebrochen?
Knoxville: Viele. Ich kann nicht mehr riechen, weil meine Nase so oft gebrochen ist. Aber wenn ich den ganzen Tag neben ihm hier sitzen muss, ist das eigentlich gut.

The European: Was war die schlimmste Verletzung im Team?
Knoxville: Loomis Fall hat es wohl am schlimmsten getroffen, als er vom Trampolin mit einem aufgespannten Regenschirm in den Abgasstrahl der Flugzeugturbine sprang. Es rammte ihn in den Boden, brach seine Schulter dreimal, und er musste an der Hand operiert werden. Jetzt kann er gar nicht mehr genug davon bekommen.

The European: Warum gibt es keine Frauen im Team?
Knoxville: Bam Margeras Mutter ist eine Frau. Und sie spielt im Team eine gewichtige Rolle.
Tremaine: Wir haben die Jungs nicht bewusst zusammengestellt. Es ist einfach so passiert. Und bei diesem Mist war dann einfach kein Mädchen dabei. Einmal verletzte sich eine Frau wegen uns, und das war einfach nicht gut. Wir prügeln uns gerne, das ist nichts für Frauen. Aber wir haben grundsätzlich nie die Teammitglieder gecastet. Wir passen einfach gut zusammen, sind echte Freunde. Dass wir keine Frau im Team haben, ist einfach so gekommen. Dahinter steckte keine Absicht in der einen oder anderen Richtung.
Knoxville: Chris Pontius zum Beispiel ist dabei, weil er der Einzige war, der einen Lieferwagen hatte und die Rampen zu einem Drehort in Los Angeles fahren konnte. Ich sollte mit Rollschuhen über den L.A. River springen – eher ein Rinnsal, so breit (breitet die Arme aus) …
Tremaine: Wir wussten sofort, dass Pontius dazugehören würde.
Knoxville: Ja. Er ist einfach großartig.

The European: Wird irgendwann ein Moment der Offenbarung kommen, wenn Sie sich zu alt für dieses Geschäft fühlen?
Knoxville: Ich kann sowieso nur an einem Ort stehen. Ich bin so unkoordiniert, das kann man in jedem Alter machen. Dastehen und sich von einem Stier umrennen lassen.
Tremaine: Unsere Stunts erfordern keine großartigen Fähigkeiten. Es braucht bloß Dummheit, um sich hinzustellen.
Knoxville: Jeff, ich sitze gleich hier.

The European: Aber die Heilung dauert mit dem Alter immer länger.
Tremaine: Natürlich. Wir haben neun Jungs. Wir rotieren einfach.
Knoxville: Hat er sich verletzt? Der Nächste, bitte!

The European: Eine Frage, die sich sicher vielen Zuschauern stellt, dürfte sein: Wie viel ist echt bei “Jackass”, wie viel gestellt?
Knoxville: Alles ist 100-prozentig echt. Es gibt nichts, das mich mehr aufregt, als Sachen zu sehen, die mich begeistern und sich dann als gestellt entpuppen.
Tremaine: Die einzige Ausnahme bei uns sind die Eröffnungs- und Endsequenzen.
Knoxville: Natürlich. Aber sonst ist alles im Film echt. Ich bin da ein Pedant, wir alle sind da so. Alles muss echt sein, sonst bescheißen wir die Leute.

The European: Welche Fähigkeiten muss ein Stuntman haben? Psychologisch, nicht physisch.
Knoxville: Fast keine physischen Eigenschaften. Man muss nur die Eier haben, sich da hinzustellen.

The European: Ist das Mut?
Knoxville: Mut oder aber magisches Denken, Dummheit. Wie auch immer Sie es nennen wollen.
Tremaine: Was die Sache wirklich funktionieren lässt, ist die großartige Gruppe. Diese neun Jungs haben neun wirklich verschiedene Persönlichkeiten. Über die Jahre haben wir gelernt, unsere Persönlichkeiten für die Show einzusetzen.
Knoxville: Oder die Angst.
Tremaine: Genau das meine ich. Ich weiß, wer für was gut einsetzbar ist. Bam ist ein toller Skateboarder, also versuchen wir, ihn das machen zu lassen. Johnny hier ist der Einzige, der blöd genug ist, sich vor Stieren hinzustellen. Wir geben ihm reichlich Gelegenheit.

The European: Haben Ihre Kinder “Jackass” gesehen?
Knoxville: Meine Tochter hat mit mir “Jackass 3D” gesehen. Aber sie saß neben mir, und ich hielt ihr immer im richtigen Moment Augen und Ohren zu.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Robert Spaemann: Der Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen

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