Wenn wir über den Berg sind, geht's bergab. Wolfgang Schäuble

Eure Angst verpestet unseren Planeten

Deutschland betreibt Energiepolitik voller Widersprüche und pfeift auf den Klimaschutz. Die faulen Kompromisse der Bundesregierung entmutigen uns Briten.

Deutschlands Ingenieurskunst bleibt unerreicht. Es entwickelt und produziert auf höherem Niveau als jedes andere Land der EU. Umso enttäuschender ist es, dass die deutsche Politik nicht in der Lage ist, den größten Herausforderungen des Jahrhunderts adäquat zu begegnen. Sie müsste sicherstellen, dass die modernen Ökonomien der Welt von emissionsarmen Energien angetrieben werden und der CO₂-Ausstoß sinkt.

Schlimmer noch, die Bundesregierung steuert mit der Energiewende in die entgegengesetzte Richtung. Deutschland hat pro Kopf gerechnet bereits jetzt einen der größten CO₂-Fußabdrücke der EU, vor allem weil es so viel Kohle verbrennt. Der Atomausstieg erhöht den Kohleverbrauch weiter. Deutschland baut sogar neue Braunkohlekraftwerke und das ohne die Möglichkeit der CO₂-Abscheidung und -Speicherung. Angesichts des Klimawandels ist dies die denkbar schlechteste Politik.

Unterschiedliche Einschätzung der Risiken

Die im Englischen „carbon capture and storage“, kurz CCS genannte Technik kann klimaschädliche Emissionen nachhaltig reduzieren. In Deutschland dominieren allerdings Sicherheitsbedenken, weshalb auf CCS bislang weitestgehend verzichtet wird. Alternativ zur Kohle kann Gas genutzt werden, doch das will die Bundesregierung nicht. Gas ist, wenn auch aus Umweltsicht lediglich zweite Wahl, immer noch deutlich besser als Kohle. Allerdings ist es teurer. Das schreckt ab. Doch um seine hochgesteckten CO₂-Ziele zu erreichen, gibt Deutschland gleichzeitig enorme Summen für Brückentechnologien aus. Eine Politik voller Widersprüche.

Der Grund für diese Widersprüche liegt in der unterschiedlichen Einschätzung der Risiken und Gefahren, die ein atomarer Unfall, die CO₂-Lagerung und der Klimawandel bergen. Menschen fällt es schwer, Risiken rational zu bewerten. Das wird noch verstärkt, wenn Debatten um politische Entscheidungen emotional und ideologisch aufgeladen sind. Eigentlich ist es gerade dann wichtig, dass die Politik rational abwägt und sich nicht einfach vom Strom mitreißen lässt.

Bedenken bezüglich der atomaren Sicherheit sind nicht von der Hand zu weisen. Katastrophen wie Tschernobyl und Fukushima sind warnende Beispiele, die sich im Gedächtnis einprägen. Doch der WHO-Report von 2005 zeigt, dass selbst die Folgen von Tschernobyl im Grunde begrenzt ausfielen. Der britische Umweltaktivist George Monbiot hat nach Fukushima ähnlich argumentiert und sich angesichts der Dramatisierung des Unfalls sogar auf die Seite der Atombefürworter geschlagen. Die Risiken der CO₂-Speicherung sind weniger gut dokumentiert, und die Kontroverse ist jünger. Aber der Verdacht liegt nahe, dass auch hier übertrieben wird, um der Illusion einer risikofreien Zukunft das Wort zu reden.

Beide klimafreundliche Technologien haben ein Problem: Unfälle, die in Atomkraftwerken oder bei der CO₂-Lagerung auftreten, können ganz eindeutig auf einzelne Akteure zurückgeführt werden. Unternehmen und Personen sind direkt verantwortlich zu machen, das Risiko ist zeitlich und örtlich unmittelbar.

Ganz im Gegensatz zum Risiko, das mit CO₂-Emissionen verbunden ist. Abgesehen von einigen Sektierern ist sich die Wissenschaft einig: Die potenziellen menschlichen und ökonomischen Kosten des Klimawandels sind immens, im schlimmsten Fall katastrophal. Doch die Auswirkungen sind langfristig und wirken nicht nur in der unmittelbaren Gegenwart. Mehr noch, sie unterschieden sich von Region zu Region und können nie genau auf das Handeln eines oder mehrerer Akteure zurückgeführt werden. Das Risiko verteilt sich global, wird global verursacht und verlangt globale Lösungen. Bei Politikern rufen derartige Risikostrukturen leider kurzsichtiges und engstirniges Verhalten hervor, weil sie sich eher am Greifbaren orientieren als an etwas Abstraktem wie dem Klimawandel.

Aus Studien wissen wir, dass CO₂ grundsätzlich kumulativ wirkt. Je früher Kohlendioxid in die Atomsphäre gelangt, desto größer der Schaden. Solche Emissionen lassen den Klimawandel früher einsetzen und geben uns weniger Zeit für Anpassungen. Der plötzliche Atomausstieg und Deutschlands Unwille, Gas als hauptsächlichen Ersatz zu nutzen, sind deshalb kontraproduktiv.

Die Höhe des CO₂-Ausstoßes – insbesondere ausgelöst durch Kohlekraftwerke – korreliert mit anderen ökonomischen Ungleichgleichgewichten in der Welt und der Eurozone. China hat weltweit betrachtet einen vergleichbaren Handelsüberschuss wie Deutschland in Europa. Beide Länder sind vermutlich die wichtigsten produzierenden Nationen der Welt, und beide sind überaus abhängig vom umweltschädlichsten Energieträger. Das ist erst mal purer Zufall. Rational ist dagegen das Argument, dass ausgeglichene Handelsbilanzen auch eine Verringerung des Energieverbrauchs und damit auch eine Absenkung der Kohle-Emissionen zur Folge hätten. Anders als Deutschland investiert China entsprechend in ein Atomprogramm.

Kapitulation vor den Anti-Atom-Vorurteilen

Großbritannien erlebt eine ganz ähnliche Debatte wie Deutschland. Emotionen prägen den Streit über effektive Klimapolitik, Atomenergie und ökonomische Konsequenzen. Aktuell steht ein fragiler Konsens, der die Klimapolitik bevorzugt und dafür Atomkraft in Kauf nimmt. Doch Deutschlands Kapitulation vor den Anti-Atom-Vorurteilen und seine Bereitschaft, billige und schädliche Kohle als Kompromiss zu akzeptieren, entmutigen jene Briten, die mit Hilfe der EU eine weltweite Vorreiterrolle beim Kampf gegen den Klimawandel einnehmen wollen.

Ironischerweise bedeutet Deutschlands hoch entwickelte Ingenieurskunst außerdem, dass Atomkraftwerke in Deutschland so sicher wären wie nirgends sonst auf der Welt. Das Moratorium führt deshalb im Zweifel dazu, dass anderswo weniger sichere Kraftwerke gebaut werden.

Aus dieser Perspektive betrachtet, ist Deutschlands Politik kurzsichtig und engstirnig. Die Bundesregierung unterminiert die EU-Position zum Klimawandel, die ohnehin schon von den Mängeln im System des Emissionshandels geschwächt ist. Und sie setzt die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie aufs Spiel (sobald die wahren Kosten der Kohle-Nutzung getragen werden müssen). Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit, im Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern, und riskiert damit schlussendlich eine weniger sichere Welt.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Catriona McLaughlin, Justin McCurry, Sylvestre Huet.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 2/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Vollendung, warum uns der Kampf um das Menschenbild alle angeht. Lesen Sie, wie der Mensch von Morgen aussehen könnte und warum es Gründe gibt, sich vor ihm zu fürchten. Außerdem: Wie eine Welt ohne Fußball aussehen könnte, was die Welt über die deutsche Energiewende denkt und ob der Atheismus das Zeug hat, die neue Weltreligion zu werden.

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