Kinderkriegen wird zur Privatsache gemacht. Malte Welding

„Wir können die Geschichte der Fotografie umschreiben“

Vivian Maier führte ein Doppelleben: Sie arbeitete als Nanny für wohlhabende Familien und verbrachte ihre Freizeit als Straßenfotografin. Bis zu ihrem Tod ließ sie niemanden ihre ikonischen Werke sehen. Der Film „Finding Vivian Maier“ bringt Licht in ihr Vermächtnis.

Dass John Maloof und Charlie Siskel überhaupt einen Film über das Vermächtnis der unbekannten Fotografin machen konnten, verdanken sie einem Zufall: Bei einer Auktion ersteigerte Maloof den Nachlass einer unbekannten Frau und entdeckte darin eine riesige Anzahl Negative. Die Bilder erzählen die Geschichte von Vivian Maiers Leben, das die bis dato unbekannte Künstlerin auf Tausenden Fotos festhielt. Der Film handelt von diesem Leben – und dem Rätsel der unveröffentlichten Fotos. Das Interview führte Lars Mensel.

The European: Lassen Sie uns über Geheimnisse reden. Warum behalten manche Künstler ihre Werke für sich?
Maloof: Manche Menschen ertragen es nicht, wenn ihre Kunst bewertet wird. Andere glauben, dass niemand ihre Werke verstehen wird – oder sie fürchten, missverstanden zu werden. Und wieder andere haben seltsame Charakterprobleme, wie zum Beispiel Henry Darger …

The European: … der berühmte Outsider Artist, dessen unglaubliche Menge von Arbeiten erst nach seinem Tod entdeckt wurden. Dargers Kunst enthielt viele verstörende Elemente – kein Wunder, dass er sie versteckte.
Siskel: Ja, aber man muss all diese Fälle getrennt betrachten. Es ist verlockend, sich solche Künstler wie einen verrückten Professor vorzustellen, der einem geheimen Projekt nachgeht. Auch Kafka arbeitete tagsüber und produzierte seine Werke nur nachts. Salinger hatte wiederum ein gestörtes Verhältnis zum Publikum und zog sich deswegen zurück. All diese Geschichten sind verschieden. Ich bezweifle, dass Maier ein Leben lang Fotos machte, mit der Absicht, sie niemandem zu zeigen. Das hat sich einfach mit der Zeit ergeben.

The European: Wie kommen Sie darauf?
Siskel: Im Film zeigen wir, dass sie sogar Schritte zur Ausstellung ihrer Werke unternahm. Aber entweder wurde sie abgelehnt oder ihr gefiel die Reaktion nicht. Vivian kontaktierte sogar eine Druckerei in Frankreich, um Abzüge ihrer Bilder anfertigen zu lassen. Vielleicht liegt das Scheitern darin begründet: Sie war überzeugt, dass nur eine Druckerei auf der anderen Seite der Welt ihre Bilder anfertigen könne.

„Der Schritt an die Öffentlichkeit gefährdet das Selbstbild“


©Vivian Maier_Maloof Collection

The European: Sie war sich also im Klaren, dass sie gute Fotos machte?
Siskel: Sie wusste, dass ihre Bilder von Menschen gesehen werden sollten und war bereit, sie auszustellen. Auf gewisse Weise geschieht das ja jetzt. Natürlich könnte man die fehlende Veröffentlichung als Entscheidung einer brillanten, zurückgezogenen Künstlerin interpretieren, die ihre Arbeit für sich behalten wollte …

The European: Aber?
Siskel: … es gibt eine andere Lesart, die weniger sexy klingt. Ausstellungen zu organisieren ist schwierig und vor allem teuer. Dazu gibt es charakterliche Herausforderungen: Jemand mag davon überzeugt sein, gute Werke zu produzieren, und stellt sie trotzdem nicht aus. Der Schritt an die Öffentlichkeit gefährdet das Selbstbild.

The European: Für uns Außenstehende ist es leicht, die Bilder nun zu bewerten: Der Film zeigt viele Fotos von Vivian Maier, er demonstriert ihr unglaubliches Talent. Wie ist sie ohne Hilfe so gut geworden?
Maloof: Normalerweise zeigt man jemandem seine Fotos, bekommt Feedback und wird damit langsam besser. Vivian hatte das nicht. Man würde erwarten, dass sie dadurch einen Tunnelblick bekommen und ihre Arbeit überschätzen würde. Rätselhafterweise war sie aber auch ohne Hilfe sehr gut.
Siskel: Das verleitet einen zu dem romantischen Gedanken, Vivian sei ein Naturtalent gewesen, das eines Tages eine Kamera in die Hand nahm und perfekte Fotos machte. Aber natürlich hatte sie viele Einflüsse: Aus ihrem Nachlass wissen wir, dass sie Fotobücher sammelte. Sie ist eine Schülerin des Mediums, kein Wunderkind.

The European: Und die vielen Bilder zeigen: Sie hat viel geübt.
Maloof: Richtig, aber ihre Lernkurve war unglaublich. Sie begann mit einer Kodak Brownie Kamera, mit der sich nur wenig machen lässt. Doch dann kaufte sie eine Rolleiflex und ihre Bilder wurden sofort zu Klassikern!
Siskel: Sie hatte einen sagenhaften Blick für Motive und war sicherlich sehr talentiert. Sie muss gewusst haben, dass sie das Medium beherrschte und dass ihre Arbeit sehr gut war. Vermutlich wurde ihr das klar, als sie andere Arbeiten sah.

„Die Fotos entstanden zehn Jahre vor Diane Arbus’ Bildern“


©Vivian Maier_Maloof Collection

The European: In dem Film sprechen Sie mit dem Bürgermeister einer französischen Stadt, die Maier einmal besuchte. Er erklärte, dass Fotografen damals bloß zu speziellen Anlässen wie Hochzeiten und Taufen Bilder machten. Maier fotografierte dagegen alles, was ihr vor die Linse kam. Damit ähnelt sie den Teenagern von heute, denn sie hat sogar die notorischen „Selfies“ angefertigt. War Maier ihrer Zeit voraus?
Maloof: Viele Fotografen haben Selbstportraits gemacht, auch schon zu jener Zeit. Aber Vivian war in der Tat wie besessen vom Fotografieren. Aber denken Sie dran: Heute mache ich 15 Selfies und suche mir den besten davon aus. Aufgrund der Rolleiflex und ihrer sparsamen Art ging Vivian ganz anders vor: Sie suchte sich den perfekten Blickwinkel und machte genau ein Foto.
Siskel: Wenn sie ihrer Zeit voraus war, dann weil sie marginalisierte Menschen oder – um einen negativ besetzten Begriff zu verwenden – Freaks ablichtete. Seltsame Menschen, missgebildete Menschen etc. Das, was andere Fotografen wie Diane Arbus erst später taten.
Maloof: In der Tat wirken manchen von Vivians Bildern, als seien sie von Arbus inspiriert gewesen. Doch sie hat diese Fotos schon zehn Jahre vor Arbus gemacht.
Siskel: Um auf die Frage zurückzukommen: Ich bezweifle, dass Vivian gerne als Vorreiter der Wegwerfkultur in der modernen Digitalfotografie gelten möchte. Sie wollte für behutsam posierte und vorsichtig, anstatt zufällig aufgenommene Fotografie stehen.

The European: So genau können Sie das nicht wissen: Sie haben nie mit Maier sprechen können …
Siskel: Das stimmt natürlich. Vielleicht hat sie jede Szene arrangiert, vielleicht hat sie einfach gewartet und abgedrückt. Beides sind gute Arten, ein Bild zu machen.

The European: Interessanterweise beinhaltet die heutige Fotografie das Teilen als wichtiges Element – manchmal wird es sogar viel zu wichtig genommen. Vivian tat das Gegenteil.
Maloof: Viele der heutigen Fotos sind nicht unbedingt Kunst, sondern eine Dokumentation dessen, was wir gerade sehen.
Siskel: Vivian hat all ihr Geld für Film und Kameras ausgegeben. Es ging ihr nicht darum, jemandem etwas zu zeigen, sondern Kunst zu machen. Es gibt Kontaktbögen, auf denen nur einzelne Bilder mit einzelnen Motiven festgehalten sind. Sie hat keine vierzehn Bilder eines weinenden Kindes gemacht, sondern genau hingesehen und dann ein stimmiges Foto gemacht.

„Das Hässliche und Tragische ist dramatisch interessanter“

The European: Maier war selbst eine Außenseiterin. Sie trug seltsame Kleidung, führte sich seltsam auf – glauben Sie, dass sie deswegen leichter auf diese Menschen zugehen konnte?
Maloof: Sie trug Kleidung, mit der sie in der Masse unterging. Aber ich bezweifle, dass sie auf viele Menschen zugegangen ist. Vielleicht hat sie hier und da mal gesagt: „Hey, bleiben Sie so stehen“, aber das ist etwas anderes, als Leute zu posieren. Ich glaube, dass sie die Bilder aufgenommen hat, ohne mit den Menschen zu sprechen. Sie hat sich im Straßenleben versteckt – und ihre Kleidung spielte darin eine Rolle.
Siskel: Leute, die sie kannten, haben berichtet, dass sie sich mit den Armen identifiziert hat. Soziale Klasse spielte eine große Rolle in ihrem Leben und sie sprach oft drüber. Am Ende ihres Lebens hat sie selbst aus einer Dose gegessen und schon während ihrer Arbeit als Nanny für wohlhabende Familien hat sie nur sehr spartanische Mahlzeiten zu sich genommen. Sie war sehr sparsam, fast schon asketisch.
Maloof: Vielleicht dachte sie: Ich bin wie die Menschen auf meinen Fotos, warum sollte ich mehr als sie haben?


©Vivian Maier_Maloof Collection

The European: Maier sammelte Berichte über tragische Ereignisse, Zeitungsartikel über Vergewaltigungen, Misshandlungen und häusliche Gewalt. Sie schien sich sehr für Tragödien zu interessieren …
Maloof: Es ist deutlich, dass sie sich von Menschen angezogen fühlte, die Mitleid in ihr auslösten. Sie machte Bilder von Betrunkenen, die beinahe umfielen. Manchmal ist es, als würde sie mit den Fotos mentale Notizen anfertigen: Schau her, ein Mann betritt ein Sexkino. Schau her, ein totes Pferd am Straßenrand.
Siskel: Warum sie sich dafür interessierte? Vielleicht fand sie die positiven Seiten des Lebens langweilig. Das Hässliche und Tragische ist dramatisch interessanter. Das fand schon Shakespeare. Vivian hatte einen ausgeprägten Sinn für die schwierigen Seiten des Lebens.

The European: Ist das der Grund, warum sie mit den Kindern unter ihrer Obhut auch mal einen Ausflug ins Schlachthaus gemacht hat?
Siskel: Sie wollte den sehr behüteten Kindern zeigen, dass es schon eine kurze Zugfahrt entfernt eine ganz andere Welt gibt, die sie kennen sollten. Sie wollten damit niemanden schockieren, sondern zeigen, wie die Welt wirklich ist. In ihrer Arbeit machte sie Ähnliches, indem sie die Schattenseiten unserer Gesellschaft zeigte.

„Ein Unfall der Geschichte“

The European: Weil sie ihr Leben und die Welt um sie herum so akribisch dokumentierte, konnten Sie enorm viel über diesen Menschen herausfinden. Man könnte sagen: Sie haben Vivian Maier gefunden. Gibt es auch Fragen, die sie nicht beantworten konnten?
Maloof: Ich möchte gerne wissen, was ihr in jungen Jahren zugestoßen ist. Irgendetwas muss geschehen sein, das sie zu der Person machte, die sie war. Ihre Familie ist ein Mysterium: Komplett zerstreut und zerstritten, alle Familienmitglieder liegen auf unterschiedlichen Friedhöfen begraben.
Siskel: Mich interessiert etwas, das ich leider nie herausfinden werde: Wie dächte sie darüber, dass ihre Arbeit nun veröffentlicht wird? Wenn sie noch einmal leben würde, würde sie ihre Fotos erneut verstecken? Und hat sie sie absichtlich für sich behalten, oder gab es doch Pläne zur Veröffentlichung?

The European: Nun kommt ihr Werk ans Licht – zunächst übers Internet, nun über den Film. Doch Sie beschweren sich oft, wie schwer es ist, die Anerkennung der Kunstwelt zu erlangen.
Maloof: In der Kunstwelt gibt es eine althergebrachte Hierarchie. Danach gehört nichts in die Geschichtsbücher, das nicht von einer gewissen Gruppe von Entscheiden für gut befunden wurde.
Siskel: Alles dauert länger, als wir erwartet hatten. Unterstützung von Kunstmuseen oder Institutionen würde beim Aufarbeiten der vielen Fotos enorm helfen. Es war ein Unfall, dass Vivian in der Geschichte der Fotografie bislang keine Rolle spielte – aber das bedeutet nicht, dass wir diese Geschichte nun nicht umschreiben können.

Der Film „Finding Vivian Maier“ ist ab dem 26.06.2014 in deutschen Kinos zu sehen.

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