Suche nicht nach Fehlern, suche nach Lösungen. Henry Ford

„Ich will den Schleier der Geheimhaltung lüften“

Er berät die CIA und verklagt sie gleichzeitig. Der Freiheitsaktivist John Perry Barlow glaubt, dass der Kampf um das Geheimnis längst verloren ist. Lars Mensel und Alexander Görlach verrät er, warum das unproblematischer ist, als wir glauben.

The European: Herr Barlow, wir erleben gerade das Ende des Geheimnisses. Ist das Internet in dieser Hinsicht Segen oder Fluch?
Barlow: Wie die meisten Erfindungen ist es beides. Etwas, das jedes Element unserer Gesellschaft so tiefgreifend verändert wie das Internet, hat jede Menge Vor- und Nachteile. Ich beobachte das Netz mittlerweile lange genug, um alle meine Träume und Albträume realisiert zu sehen.

The European: Wie kam es dazu?
Barlow: Das Internet kann die Macht einzelner Menschen unglaublich aufblasen. In den frühen 1980er-Jahren liebte ich die Idee, dass sich ein einzelner Mensch bald mit einer ganzen Nation anlegen könnte. In meiner eingebildeten Art dachte ich dabei aber an mich selbst und nicht an Osama bin Laden. Das Internet mag den Nationalstaat insgesamt schwächen, es stärkt aber manche speziellen Funktionen des Staates – wie etwa die Überwachung.

The European: In Ihrer berühmten „Unabhängigkeitserklärung für den Cyberspace“ von 1996 rieten Sie Regierungen, sich ganz aus dem Netz herauszuhalten.
Barlow: Als ich die Erklärung verfasste, hatte ich eine einfachere Sicht auf die Dinge. Ich war wirklich davon überzeugt, dass das Netz völlig neue Formen menschlicher Organisation hervorbringen und die traditionellen Funktionen des Staates ersetzen würde. Ich war davon überzeugt, dass das Gewaltmonopol des Staates aufgeweicht werden würde. Es gäbe keine klaren Herrschaftsbereiche mehr, unser Verständnis vom Eigentum würde sich wandeln, Macht über Menschen – wie es sie bis dato gegeben hatte – würde verschwinden. Viel davon ist eingetreten. Doch an Stelle des Staates traten große Institutionen, die viel Macht auf sich vereinen.

„Das Internet ist das größte Überwachungswerkzeug überhaupt“

The European: Welche Institutionen meinen Sie?
Barlow: Google, Amazon, Apple. Cloud- und Computerdienstleister, die Zugriff der Nutzer auf Informationen einschränken, die Rechenleistung kontrollieren, alle Daten löschen können und, wenn sie das möchten, alle Aktivitäten überwachen und damit ein gewisses Maß an Kontrolle über die Menschen erlangen. Selbst Regierungen gewinnen so einige verlorene Fähigkeiten zurück. Das Internet ist das größte Überwachungswerkzeug, das je gebaut wurde.

The European: Das sind starke Worte.
Barlow: Schon 1985 habe ich gesagt, dass das Internet zwar enorm befreiend ist, allerdings auch die einfache Möglichkeit bietet, ins Leben anderer zu schauen. Aus gutem Grund betonte ich damals allerdings bewusst den befreienden Aspekt. Alan Kay sagte einmal: „Die beste Art, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu erfinden.“ Das stimmt. Es stimmt aber auch, dass die beste Art, die Zukunft zu erfinden, sie vorherzusagen ist. Das kann man auf eine Weise tun, dass die Zukunft nach Utopie klingt – aber vermutlich ist das falsch. Aber die Zukunft wird sicherlich besser, wenn wir das Internet nicht verteufeln.

The European: Dennoch erlebt das Geheimnis gerade seinen Niedergang – besonders im Netz.
Barlow: Das Internet macht dem Geheimnis das Überleben sehr, sehr schwer. Vor Jahren habe ich beschlossen, dass ich niemals einen Job haben möchte. Dass ich von Natur aus uneinstellbar wäre. Also konnte ich ausprobieren, wie es ist, ohne Privatsphäre zu leben. Heute können Sie problemlos fast alles über mich herausfinden. Das geht aber nur, weil ich nie in einer Firma arbeitete, die den Mythos aufrechtzuerhalten versuchte, Mitarbeiter seien austauschbar und ohne Ecken und Kanten. Wenn wir in Zukunft alle sichtbarer werden, wird diese Illusion auffliegen.

The European: Sichtbarkeit wird das Geheimnis ersetzen?
Barlow: Nicht ganz. Ich komme aus einem kleinen Dorf in Wyoming. Jeder, der aus einem Dorf stammt, weiß, dass man dort kein bisschen Privatsphäre hat. Aber man ist auch vor dem Urteil anderer geschützt: Schließlich weiß man, welche Leichen die Mitmenschen im Keller haben. Das gab uns wechselseitige Zerstörungskraft. In größeren Gesellschaften fehlt hingegen die Symmetrie: Während Individuen ihre Privatsphäre verlieren, erhöhen Institutionen ihre Geheimhaltung.

The European: Das heißt, unsere persönlichen Geheimnisse zu verteidigen, ist der falsche Ansatz?
Barlow: Langfristig möchte ich das Geheimnis gar nicht beschützen, der Kampf ist bereits verloren. Allerdings will ich den Schleier der Geheimhaltung lüften, der die Institutionen umgibt. Privatsphäre schwindet, aber deswegen brauchen wir Symmetrie. Es ist mir egal, was über mich bekannt wird, so lange ich weiß, was andere mit diesen Informationen anstellen und was ihre Motive sind. Ob und wie sie Einfluss auf mich ausüben wollen.

The European: Ein anderes Wort für Geheimnis ist Mysterium. Unsere Welt, so sagt die Mythologie, lebt vom Geheimnis. Verlieren wir mit dem Geheimnis auch das Mysterium?
Barlow: Es gibt Geheimnisse, die absichtlich versteckt werden, und es gibt Dinge, die sind einfach zu kompliziert und werden so zu Geheimnissen. Letztere wird es immer geben. In vielen Kulturen gibt es Wissen, das einem erst spät preisgegeben wird – zum Beispiel nach dreißig Jahren in einem tibetanischen Kloster. Auch als Schüler der jüdischen Religion bekommt man erst Zugang zur Kabbala, nachdem man ein gewisses Bewusstsein entwickelt hat – man würde es sonst schlichtweg nicht verstehen. Das Wissen ist geheim, weil das Bewusstsein erst ausreichend entwickelt sein muss, um es aufzunehmen und weiterzudenken.

The European: Das Geheimnis hat also mehrere Ebenen, wir verlieren lediglich die oberste?
Barlow: Richtig. Und es ist die Ebene, welche ohnehin kaputt ist. Die meisten Menschen halten Dinge aus Scham geheim. Aber wüssten sie nur, wie verbreitet die Dinge sind, für die sie sich schämen! Viele Menschen erleben Schuldgefühle wegen etwas, das nahezu jeder tut und von dem jeder weiß, dass sie es getan haben.

The European: Welche Vorteile hat das Verschwinden von Geheimnissen?
Barlow: Schauen Sie nur auf die Wissenschaft: Sie ist die wohl produktivste Manifestation der menschlichen Einzigartigkeit und entwickelte sich erst, als das Streben nach Wissen aufhörte, geheim zu sein. Newton hatte viele Bücher im Geheimen verfasst, bevor er mit der „Principia“ berühmt wurde …

The European: Wenn Transparenz aber so vorteilhaft ist, warum halten Regierungen und Institutionen an der Geheimhaltung fest?
Barlow: Im vergangenen Jahrhundert haben Regierungen begonnen, totalitäre Staaten zu imitieren. Nietzsche hat gesagt: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.“ Die USA übernahmen viele Eigenschaften von Nazi-Deutschland und später von der Sowjetunion. Das haben alle Staaten getan. Daher stammt der Glaube vieler Institutionen an die Vorteile von Geheimhaltung. Ich sehe das anders.

The European: Weshalb?
Barlow: Seit Jahren berate ich die NSA und die CIA. Ich versuche, sie von der Nutzung offener Informationsquellen zu überzeugen. Wenn die Geheimdienste wirklich herausfinden wollen, was in der Welt geschieht, sollten sie auf dem Informationsmarkt handeln, wo Informationen gegen Informationen getauscht werden. Würde das so wie in der Wissenschaft praktiziert, transparent und sichtbar, vermiede man unglaubwürdige oder beeinflussbare Quellen. Die Geheimdienste könnten ihre Arbeit viel besser machen, würden sie offener agieren.

The European: Wie wurde Ihr Vorschlag aufgenommen?
Barlow: Nun, zur Überzeugungsarbeit bin ich noch immer alle sechs Monate bei der CIA, obwohl meine Organisation, die EFF, die Agency verklagt hat. Ich habe dort zwar Unterstützer, aber die CIA hat Probleme mit meinen Ideen. Die Agenten geilen sich daran auf, den Fluss von Informationen zu stoppen. Und das ist einfach schwachsinnig – denn Informationen, die sich nicht bewegen, sind keine. Logisch, dass die Geheimdienste ständig versagen.

The European: … weil sie reaktionär statt visionär handeln?
Barlow: Sie tun nicht einmal das! Stattdessen – und darin sind sie wesentlich besser – fliegen sie Drohnen und foltern Gefangene. Die Regierung möchte das zwar einschränken, aber es gelingt nicht. Jede Art von geheimer Gewalt ist falsch. Oder sagen wir so: Wäre dies ein Film, dann wäre das Land mit den fliegenden Todesrobotern gewiss nicht der Held.

The European: Clare Birchall, eine unserer Autorinnen, argumentiert, dass Geheimhaltung eine Voraussetzung für Kreativität ist.
Barlow: Das Argument habe ich schon einmal gehört. Aber ich glaube, sie meint nicht Geheimhaltung, sondern Abgeschiedenheit. Das ist etwas ganz anderes. Und als jemand, der selbst schon viel kreativ gearbeitet hat, kann ich Ihnen sagen: Sie brauchen etwas, das ungefähr drei Viertel Ihrer Gedanken auf bedeutungslose Weise einnimmt. Einen Trecker zu fahren, hat mir beim Songschreiben enorm geholfen. Eine lange Strecke mit dem Auto zu fahren oder einen Graben auszuheben auch. All solche Dinge, für die man nicht viel nachdenken muss, damit der Rest der Gedanken umherwandern und Ideen ausspucken kann. Kreativität ist ein Geschenk von was-weiß-ich für einem heiligen Ort. Und sie entsteht lediglich, wenn man sich selbst aus dem Weg geht.

„Ich habe Edward Snowden geholfen“

The European: Wenn man Geheimnisse nicht für Kreativität braucht, wozu dann überhaupt?
Barlow: Geheimhaltung und Anonymität sind dann wichtig, wenn man etwas tut, das die Regierung nicht möchte. Ich habe Edward Snowden geholfen. Deswegen musste meine Kommunikation mit ihm und anderen Leuten aus dem Netzwerk für die Regierungen unsichtbar bleiben. Diese Art der Geheimhaltung entsteht aus der Notwendigkeit, sicher zu bleiben. Das ist wichtig. Privatsphäre ist eng mit Redefreiheit verbunden.

The European: Aber wie erhalten wir Redefreiheit, wenn Kommunikation immer digitaler wird? Die Server befinden sich doch in den USA. In Ihrer „Unabhängigkeitserklärung“ stand: „Der Cyberspace liegt nicht innerhalb eurer Grenzen.“ Die Realität sieht anders aus.
Barlow: Das ist ein Problem. Zwar glaube ich weiterhin an meine Feststellung, aber in der Praxis ist die Cloud amerikanisch und sehr leicht zu missbrauchen. Das macht mir Sorgen.

The European: Sie kannten die Kennedy-Familie gut, waren mit dem Sohn des Präsidenten befreundet. Was hielten sie von Geheimhaltung?
Barlow: John F. Kennedy Jr. ist ein interessanter Fall. Er kam aus einer Familie, die aufgrund ihres schwierigen Verhältnisses mit der Presse sehr zurückgezogen lebte. Doch er entschied, dass seine beste Waffe die Transparenz sei. Deswegen war er immer so sichtbar wie möglich.

The European: Transparenz als Versteck?
Barlow: Genau. Sein Auftreten wurde dadurch ganz normal, niemand konnte ihn zu einer Karikatur machen. Ich bin längst nicht so berühmt wie viele meiner Freunde. Aber ich habe von ihnen gelernt, dass die Gefahr immer darin besteht, sich zu dem Trugbild machen zu lassen, das die Medien aus praktischen Erwägungen konstruieren möchten. Menschen sind aber wesentlich komplexer als ihre Karikatur. Je mehr sie über einen wissen, desto schwieriger können sie einen in ein Schwarz-Weiß-Foto verwandeln. Und das gilt nicht nur für Berühmtheiten.

Übersetzung aus dem Englischen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Frithjof Bergmann: „Vollbeschäftigung ist lächerlich“

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 4/2013 des „The European“ enthalten

Darin finden Sie u.a. warum das Geheimnis bedroht ist – mit Folgen für Politik, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Was uns in einer Welt absoluter Transparenz blüht, debattieren u.a. Sir David Omand (ehem. Direktor des britischen Nachrichtendienstes) und Internet-Legende John Perry Barlow. Weitere Debatten: die Sonderrolle Bayerns, Schlager-Republik Deutschland und der Stellenwert politischer Freundschaft. Dazu Gespräche mit Neelie Kroes, Edmund Stoiber, Matthias Schweighöfer und Florian Silbereisen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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