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„Die Hirnforschung kann den Pfarrer nicht ablösen“

Der Hirnforscher John-Dylan Haynes entschlüsselt das Unterbewusstsein. Im Gespräch mit Christoph Hosang verrät er, wie mit einem Hirnscanner Gedanken gelesen werden.

The European: Herr Haynes, Sie erforschen, wie Menschen Entscheidungen treffen. Dabei versuchen Sie, zu entschlüsseln, ob und wie unbewusste Einflüsse auf freie Entscheidungen im menschlichen Gehirn einwirken. Was haben Sie herausgefunden?
Haynes: Zunächst stellte sich für uns die grundlegende Frage, ob man aus der Hirnaktivität feststellen kann, wie sich ein Mensch entschieden hat. Anders gesagt; können wir eine verborgene Entscheidung aus der Hirnaktivität herauslesen?

The European: Können Sie?
Haynes: Ja! Wir haben Mustererkennungsverfahren benutzt, um herauszufinden, wie sich jemand zwischen zwei und mehr Alternativen entschieden hat. Wir können Gedanken von Probanden aus ihrer Hirnaktivität dekodieren.

The European: Mustererkennungsverfahren – das müssen Sie erklären.
Haynes: Das Verfahren beruht auf einer speziellen Computersoftware, die versucht, in den gemessenen Datenpunkten im Gehirn Unterschiede bzw. Muster zu entdecken. Die Grundidee dahinter ist, dass jeder Gedanke mit einem unverwechselbaren Aktivitätsmuster des Gehirns einhergeht.

„Wir können Entscheidungen vorhersehen“

The European: Das klingt schon einmal gut.
Haynes: Wir haben uns aber nicht nur gefragt, ob man bereits gefällte Entscheidungen aus der Hirnaktivität erkennen kann, sondern auch, wie und wann Entscheidungen getroffen werden.

The European: Und was haben Sie herausgefunden?
Haynes: In einem Versuch haben wir Probanden vor die Wahl gestellt, ob sie einen Knopf mit der linken Hand oder einen anderen Knopf mit der rechten Hand drücken. Wir konnten durch Messung der Hirnaktivität bis zu sieben Sekunden vor der bewussten Entscheidung eines Probanden für eine bestimmte Hand vorhersagen, welche Hand der Proband einsetzen würde. Wir wissen also, wie sich jemand entscheiden wird, zu einem Zeitpunkt, an dem er selber noch das Gefühl hat, dass er unentschieden ist. Wir können also zu einem gewissen Grad Entscheidungen vorhersehen.

The European: Das macht mir ehrlich gesagt etwas Angst.
Haynes: Verständlich! Das ist zunächst einmal irritierend. Doch man muss diese Ergebnisse in den richtigen Kontext setzen und dann verschwindet sicher ein Teil der Irritation.

The European: Welcher Kontext ist das?
Haynes: Zunächst einmal sind diese Ergebnisse in Laborsituationen entstanden. Ob und wie sich das auf andere Lebenssituationen generalisieren lässt, ist offen. Darüber hinaus ist die Komplexität der Entscheidungen, welche die Probanden treffen müssen, gering. Und die Genauigkeit der Vorhersage ist auch nicht perfekt. Die Dekodierung der Hirnaktivität ist also noch lange nicht perfekt. Aber fest steht, dass Signale im Gehirn Entscheidungen verraten, bevor sie entstehen.

„Die Frage zur Willensfreiheit des Menschen ist nicht beantwortet“

The European: Und an dem Punkt wird es spannend. Das Ergebnis stellt den freien Willen von Menschen infrage. Trifft das Gehirn also schon vorab – unabhängig vom Bewusstsein der Person – eine Entscheidung?
Haynes: Die Frage zur Willensfreiheit des Menschen ist nicht endgültig beantwortet. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Entscheidungen im Gehirn unbewusst vorbereitet werden. Unklar ist aber, ob man sich entgegen einer vorgebahnten Entscheidung des Gehirns entscheiden kann. Zu dieser Frage machen wir zurzeit eine Reihe von Experimenten.

The European: Das Bewusstsein muss doch in der Gehirnaktivität integriert sein und die Entscheidungen treffen. Sonst könnte zum Beispiel jeder Mensch unbewusst zum Mörder werden – wenn das Gehirn es unbewusst vorbereitet.
Haynes: Nein. Unbewusste Gehirnprozesse sind nicht beliebig, sondern durch Erfahrungen geformt. Ein gutes Beispiel ist das Autofahren: Am Anfang achtet man auf jedes Detail und trifft jede Entscheidung hinsichtlich Blinker, Pedale und Schaltknüppel bewusst. Und nach einer gewissen Zeit funktionieren diese Prozesse vollkommen automatisch und unbewusst. Das heißt, es gibt einen Pfad von Bewusst zu Unbewusst.

„Ein Wörterbuch für eine universelle Gedankenlesemaschine ist theoretisch möglich“

The European: Können Sie im Gehirn nur die Aktivitäten in bestimmten Arealen messen oder auch den kompletten Prozess einer Entscheidungsfindung, einen kompletten Gedanken?
Haynes: Wir können den Prozess in der Tat messen, wenn auch vereinfacht. Das bedeutet, wir haben gewisse Hinweise darauf, in welcher Reihenfolge die Regionen im Gehirn die unbewusste Vorbereitung einer Entscheidung vornehmen.

The European: Wie weit sind Sie davon entfernt, alle Prozesse zu dekodieren und ein Wörterbuch für eine universelle Gedankenlesemaschine zu entwickeln?
Haynes: Es ist theoretisch möglich, doch wir sind noch sehr weit davon entfernt. Es gibt bei dem Vorhaben eine Reihe von Problemen. Ein großes Problem ist, dass die Messgenauigkeit der Hirnscanner zu gering ist, um die erforderlichen feinen Abstufungen zwischen Gedanken zu registrieren.

The European: Und sonst?
Haynes: Die Hirnaktivitätsmuster einzelner Gedanken sind von Person zu Person sehr unterschiedlich. Jedes Gehirn spricht – um im Bild zu bleiben – seine eigene Sprache. Die Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Sprachen muss erst herausgearbeitet werden. Das größte Problem ist aber ein anderes.

The European: Welches?
Haynes: Die menschliche Kreativität. Der Mensch kann an außerordentlich viele verschiedene Sachen denken. Es ist unmöglich, im Scanner mit einem Probanden alle möglichen Gedanken durchzugehen und zu jedem einzelnen die Hirnaktivität zu messen.

The European: Also wird es eine universelle Gedankenlesemaschine niemals geben, weil man nicht alle Gedanken erfassen kann?
Haynes: Jedenfalls nicht in naher Zukunft. Doch glücklicherweise ist das Gehirn systematisch organisiert und somit gibt es zumindest einen ersten Ansatz, um das Problem zu lösen. Die Ähnlichkeit zwischen der Hirnaktivität verschiedener Gedanken wird es uns möglicherweise erlauben, eine Reihe von Gedanken auszulesen.

The European: Wie das?
Haynes: Nehmen wir einmal an, dass man das jeweilige Aktivitätsmuster im Gehirn für ein Auto und für ein Fahrrad kennt. Nun misst man im Scanner ein Aktivitätsmuster, das eine Mischung aus dem Aktivitätsmuster für ein Auto und ein Fahrrad ist. Was könnte das sein? Woran denkt der Mensch im Scanner? Wahrscheinlich an ein Motorrad.

„Es müsste aber prinzipiell möglich sein, Liebe zu messen“

The European: Man kann also Gedanken lesen und Entscheidungen vorhersehen. Kann man auch Gefühle wie Liebe messen?
Haynes: Sie wollen wissen, ob ich im Scanner feststellen kann, ob jemand eine andere Person wirklich liebt?

The European: Genau.
Haynes: Das Experiment haben wir nicht gemacht und ich würde es mir noch nicht zutrauen. Es müsste aber prinzipiell möglich sein. Dabei wird es aber einige Probleme geben. Liebe zu messen, bedeutet ja erst einmal, dass man sicher wissen müsste, wie die Gehirnaktivität aussieht, wenn jemand wirklich eine andere Person liebt.

The European: Sollte man Liebe überhaupt messbar machen?
Haynes: Das ist eine gute Frage und zielt auf die Anwendung und den ethischen Aspekt der Hirnforschung ab. Es stellt sich die Frage, ob das Lesen von Gedanken überhaupt erlaubt sein soll. Und wenn ja: Wie soll es angewendet werden.

The European: Was meinen Sie damit?
Haynes: Nehmen Sie das in den letzten Jahren boomende Feld des Neuro-Marketing. Hier wird versucht, das Konsumverhalten anhand von Hirnaktivität vorherzusagen. Möchten wir das? Oder möchten wir politische Einstellung auslesen? Die Gesellschaft muss die ethischen Grenzen der Hirnforschung debattieren. Je früher, desto besser.

„Man darf die Hirnforschung nicht überfrachten“

The European: Die Neurowissenschaft ist in andere Fachbereiche vorgedrungen. Wie sehen Sie die Ausdehnung des Fachgebietes?
Haynes: Bei der Anwendung der Neurowissenschaften bzw. der Hirnforschung in anderen Fachbereichen muss man sich immer die Frage stellen, ob es einen zusätzlichen Nutzen hat. Die Frage sollte also immer sein: Lernt man mehr über ein Phänomen, wenn man auch das Gehirn betrachtet?

The European: Die Neuro-Ökonomie versucht zum Beispiel, die Entscheidungen von Konsumenten und Investoren unter Zuhilfenahme neurowissenschaftlicher Methoden zu bestimmen. Gerade in der Wirtschaftskrise ist es wichtig, herauszufinden, warum Menschen nicht mehr konsumieren.
Haynes: Die Hirnforschung kann auf diese Frage keine Antwort geben. Wenn Sie Hirnforschung benutzen wollen, um die Frage zu beantworten, warum die Menschen in Deutschland nicht genug konsumieren, dann müssten sie die Hirnaktivität der jeweiligen Menschen kennen. Das ist unmöglich. Und mit einem abstrakten Modell der Hirnforschung, welches weder situativ noch personenbezogen ist, kann man keine spezifischen Fragen beantworten.

The European: Kann die Hirnforschung dann überhaupt eine positive Rolle in anderen Fachbereichen spielen?
Haynes: Sicher. Aber man darf die Hirnforschung nicht überfrachten. Heutzutage werden an die Hirnforschung Fragestellungen aus unterschiedlichen Disziplinen herangetragen. Von der Ökonomie bis zur Psychologie und der Kriminologie. Doch die meisten Fachbereiche haben sehr gute eigene Theorien, welche man nicht einfach in die Hirnforschung übersetzen kann. Und nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Gesellschaft hat oft zu viele Erwartungen an die Hirnforschung.

The European: Was meinen Sie?
Haynes: Die Realität ist sehr komplex und daher besteht oft der Wunsch nach einfachen Antworten zu Fragen des Alltages und des Lebens. Die Hirnforschung soll hier helfen. Aber sie kann den Pfarrer an der Kanzel nicht ablösen.

Das Gespräch entstand im Rahmen der TEDxBerlin-Konferenz.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit David Eagleman: „Wir brauchen ein gehirnkompatibles Rechtssystem“

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