Wenn es keine Parlamente gäbe, könnte jeder Kellner regieren. Otto von Bismarck

Wir stehen vor der größten Völkerwanderung der Geschichte

Wir stehen mit großer Wahrscheinlichkeit am Beginn einer der größten Völkerwanderungen der Geschichte, sagt der ehemalige Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer. In einem sehr persönlichen Gespräch zieht er die Bilanz seiner politischen Karriere.

Herr Singhammer, weshalb haben Sie sich dazu entschlossen, nicht erneut für den Bundestag zu kandidieren?

Ein Mandat ist immer ein Mandat auf Zeit und nach 23 Jahren in der deutschen Volksvertretung ist für mich persönlich ein Punkt erreicht, wo ich sage: es ist auch Zeit wieder Platz zu machen für jemanden, der sich neu um das Mandat bewirbt.

Warum gerade jetzt?

Ich bin auch im Pensionsalter, daher ist es ja auch nichts Ungewöhnliches.

Das wäre in Ihrem Fall aber Frührente, da Sie gerade 64 Jahre alt sind.

Es heißt ja nicht, dass ich mich komplett zurückziehen werde. Ich habe eine Vielzahl von Ehrenämtern, und die möchte ich auch ausfüllen.

In welchen Ehrenämtern engagieren Sie sich denn?

Ich bin der Vizevorsitzende der Lebenshilfe München. Zudem bin ich im Bereich Afrika-Politik sehr aktiv, beispielsweise als Vorsitzender der bayerisch-togoischen Gesellschaft. Ich habe viele Verbindungen zu afrikanischen Staaten.

Weshalb gerade in Afrika?

Afrika ist unser Schicksalsnachbarkontinent für Europa und dementsprechend auch für Deutschland.

Wann haben Sie den Entschluss gefasst, nicht mehr zu kandidieren?

Das hat bei mir auch familiäre Gründe. Ich muss auch auf meine Familie Rücksicht nehmen. Ich habe eine große Familie und da ist es auch an der Zeit, der Verantwortung gerecht zu werden.

Bei sechs Kindern glaubt man das sofort. Wie alt sind die jetzt?

Der älteste ist 37, der jüngste wird jetzt 25.

Und wie viele Enkelkinder haben Sie?

Nur eines, da ist noch Luft nach oben.

Ihre Partei war über Ihren Rückzug geschockt.

Die war überrascht. Wobei ich es natürlich mit einigen vorbesprochen habe. Aber ich bin schon froh darüber, dass es geglückt ist, keine öffentliche Diskussion im Vorfeld zu haben. Sondern ich habe es gegenüber dem Partei-Gremium erklärt, das für mich zwischen den Bundestags-Aufstellungen das Entscheidende ist: Das ist bei uns die sogenannte Bundeswahlkreiskonferenz. Ein Gremium, aus der Parteibasis wo die Vorsitzenden der Ortsverbände und andere Mandatsträger zusammen sitzen. Dort habe ich es erklärt, ohne dass es Vorabmeldungen oder Diskussionen gab. Wir haben es ja auch in einer guten Art und Weise regeln können, da es wichtig war aus Respekt gegenüber der Basis, die einen trägt als Mandatsträger. Man ist nicht alleine da, sondern es ist wie bei jedem Erfolg, es ist immer eine Gemeinschaftsleistung. Das ist kein wohlfeiler Spruch, sondern die Realität. Wer das nicht beachtet, wird nicht erfolgreich sein können. Deshalb muss es auch diese Basis als erste erfahren. Das habe ich getan, das war zuvor für die engen Weggefährten auch überraschend, aber sie haben es akzeptiert.

Wer war denn in den Entscheidungsfindungsprozess eingebunden?

Das habe ich mit meiner Frau besprochen. Ich hatte ja eben erwähnt, dass auch eine familiäre Verantwortung eine große Rolle spielt.

Ilse Aigner soll bei einem Treffen ihre Überraschung darüber ausgedrückt haben, dass Sie trotz Ihres jugendlichen Aussehens nicht mehr kandidieren.

Das ist doch schön, wenn man jugendlich wirkt.

Sie hören mit 64 auf, Herr Seehofer (68) hat in den letzten Tagen bekräftigt nochmal zu kandidieren…

Das finde ich auch richtig. Wir haben dies erst vor zwei Tagen auf dem Parteivorstand unterstützt. Als wir im Parteivorstand darüber abstimmten, war es nicht nur eine deklamatorische Übung, sondern es war von einer großen inneren Überzeugung getragen, dass dies die richtige Lösung ist. Und das ist auch meine Meinung.

Ihm wollen Sie jetzt nicht zum Abtritt raten?

Das muss jeder für sich selber wissen. Er wird das auch geprüft haben. Er hat ja auch erklärt, dass ein längerer Prüfungsprozess für ihn und seine Familie vorhergegangen ist. Das ist glaube ich der richtige Weg.

Bei dieser Wahl gibt es einen richtigen Aderlass in der CSU Landesgruppe. Manch Journalist spricht vom Abtritt der Silberrücken.

Es gehen schon einige, das ist in der Tat so. Auch die Landesgruppenvorsitzende, die ja noch länger an herausragender Stelle Verantwortung getragen hat, oder auch Kollege Uhl. Zudem scheiden weitere aus, die aus selbst gut abgewogenen Gründen gesagt haben, dass sie ihre politische Karriere nicht mehr fortsetzen. Das ist so, das gehört aber auch zur Demokratie hinzu. Es ist auf alle Fälle angenehmer, den Zeitpunkt der Beendung eines Mandates selbst zu bestimmen, als vom Wähler bestimmt zu bekommen.

Sie haben gesagt, dass das Mandat auf Zeit eine demokratische Übung ist. Kollege van Aken fordert die Begrenzung auf zwei Legislaturperioden. Da liegen Sie mit 23 Jahren Bundestagszugehörigkeit natürlich weit drüber.

Ich denke bei einem Abgeordnetenmandat sollte es keine Festlegung, keine Ausschlussfristen geben. Das sollte jeder selber entscheiden. Es ist ja auch eine Bindung zu den Wählern vorhanden. Die muss erst wachsen und das ist für einen neuen Kollegen nicht leicht, diese Bindung zu den Wählern zu schaffen. Das wird auch für den gelten, der mir jetzt nachfolgt. Oft reichen da ein paar Jahre gar nicht aus, sondern es zeigt sich erst über den Zeitraum einiger Wahlperioden hinweg, dass man wirklich den Wahlkreis komplett durchpflügt hat, jedes Bauwerk kennt. Die Menschen kennen einen nie alle persönlich, aber man wird wahrgenommen, kennt gewisse geschichtliche Entstehungsgeschichten von Problemen und Themenlagen. Insofern macht ein längerer Zeitraum Sinn. Zudem wird ja auch niemand zur Kandidatur gezwungen.

1986 waren Sie Büroleiter des damaligen Staatssekretärs Gauweiler. Er schied 2015 mitten in der Legislaturperiode aus dem Bundestag aus, Jetzt hören Sie und Ihr Kollege Uhl auf. Ein Umbruch in der Münchener CSU.

Ja, ein gewaltiger Umbruch. Von vier Münchener Mandatsträgern hören drei auf. Somit ist der Kollege Stefinger – ein ganz tüchtiger neuer Kollege, der bereits beim ersten Mal den Wahlkreis direkt gewonnen hat – der einzige derzeit gewählte, der die Kontinuität jetzt wahrt. Also, was das Mandat angeht. Politisch wird die Kontinuität natürlich auch durch die neuen Kandidaten gewahrt und diejenigen, welche über die Liste das Vertrauen der Wähler erhalten.

Ihr Wahlkreis wird auch durch einen SPD Listenabgeordneten im Bundestag vertreten. Damit hat der SPD Mitbewerber jetzt im Herbst den Amtsbonus.

Er hat jetzt in der Tat den Amtsbonus. Er hat zudem etwas geschafft, was seine Vorgänger in den letzten Jahren nie geschafft haben. Er hat mit Platz neun einen so guten Platz auf der heftig umkämpften SPD Landesliste bekommen, dass er praktisch schon jetzt dem neuen Bundestag wieder angehören wird. Damit kann er einigermaßen in Ruhe in den Wahlkampf gehen.

Wie stark werden Sie sich im Wahlkampf engagieren?

Selbstverständlich unterstütze ich meinen Nachfolger, wo immer es geht. So haben wir beispielsweise mit einer gemeinsamen Veranstaltung im Augustinerkeller in München den Wahlkampf eröffnet und haben den Wahlkampf mit einer gemeinsamen Veranstaltung beschlossen.

Welches sind denn die drei Top-Eigenschaften, die ein Politiker haben sollte.

Die allerwichtigste Eigenschaft ist, dass man die Menschen mag. Dann ist es von Vorteil, wenn man einen klaren politischen Gestaltungswillen mitbringt, also genau weiß, was man erreichen möchte und auf welcher Grundlage. Nicht schwammig. Für mich ist es beispielsweise wichtig, Politik auf christlicher Grundlage zu machen. Da zitiere ich gerne Franz Josef Strauß: Nicht den Anspruch zu erheben, man könnte eine christliche Politik realisieren. Diesen Anspruch kann niemand erfüllen. Aber sehr wohl den Anspruch zu haben, dass man mit aller Kraft Politik aus christlicher Verantwortung umsetzen möchte. Da wird es dann schon sehr konkret, einen Gestaltungswillen auf einer festen Basis zu haben. Und abschließend, dass man bei aller Abstimmung, die man in einer Partei braucht, ein gewisses Maß an Unabhängigkeit mitbringt. Es ist einfach wichtig, dass man seine eigene Meinung immer mutig einbringen kann. Das erwarten auch die Menschen.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?

Ich denke da öfters an Franz-Josef Strauß, was ja nicht verwundern wird. Der hat sein Lebensmotto immer so formuliert „Dankbar rückwärts, Mutig vorwärts und gläubig aufwärts.“ Mit Hoffnung vorangehend obwohl man weiß, dass nicht alle Hoffnungen in Erfüllung gehen werden.

Welche Ihrer Hoffnungen soll denn in Erfüllung gehen, wenn Sie aus dem Bundestag ausscheiden werden?

Ich hoffe darauf, dass Deutschland als unser Vaterland eine gute Zukunft haben wird. Deutschland ist das zentrale und wirtschaftlich mächtigste Land in Europa. Entsprechend hängt vieles davon ab, was Deutschland tut. Andere Nachbarn orientieren sich auch an Deutschland, deswegen haben wir eine ganz herausragende Verantwortung für den europäischen Kontinent. Ich denke, dass der Weg, so wie wir ihn jetzt eingeschlagen haben, ein guter Weg ist. Wir sind nach vielen Verwirrungen und Irrungen auf der Sonnenseite der Geschichte angelangt. Das muss uns immer bewusst sein, damit müssen wir sehr vorsichtig umgehen.

Welches sind denn aus Ihrer Sich die drei zentralen Herausforderungen für Deutschland?

Wir haben einen demographischen Verfall, es werden seit 20, 30 Jahren viel zu wenig Kinder geboren und das spüren wir jetzt auch schon und wir können dieses Geburtendefizit nicht durch Zuwanderung auffüllen, weil dies zu der Problematik führt, was an Integrationsfähigkeit überhaupt noch wirklich in einer guten Weise möglich ist.

Das führt mich zu der zweiten Herausforderung, der Frage der Zuwanderung. Wir stehen mit großer Wahrscheinlichkeit am Beginn einer der größten Völkerwanderungen der Geschichte. Was wir in den letzten Jahren erlebt haben, war nur die Vorhut. Da sind wir wieder beim Thema Afrika. Afrika wird in den nächsten Jahrzehnten in den meisten Ländern eine Verdoppelung der Bevölkerung erleben, vor allem der jungen Bevölkerung. Nigeria, als das bevölkerungsreichste Land, wird in 20, 30 Jahren 500 Millionen Einwohner haben, so viele wie insgesamt Europa. Und wenn die jungen Menschen dort keine Perspektive sehen, werden sie sich auf den Weg machen. Das wird die größte Herausforderung für Europa.

Es dürfte mittlerweile jedem klar sein, dass das Schicksal Deutschlands und Europas nicht trennbar ist. Man kann aus Organisationen wie beispielsweise der EU austreten, was im Falle des Brexits eine Amputation Europas bedeutet. Schlimm genug. Aber deswegen bleibt das Schicksal gleichwohl miteinander verbunden und das gilt natürlich identisch für Deutschland.

Stellen Sie sich vor, Sie können für einige Stunden mit zwei aktuellen oder historischen Politikern in einem Cafe diskutieren. Wen wählen Sie?

Marc Aurel würde mich in ganz besonderer Weise faszinieren, auch wenn seine Zeit schon über 2000 Jahre zurückliegt. Aber er war ein tatkräftiger Chef eines Weltreichs und gleichzeitig Philosoph, der in einer unglaublichen Weise reflektiert hat, was er selber tut und getan hat und was ein verantwortlicher Leiter, Chef oder Führer einer Weltmacht tun darf. Das ist sehr selten und das macht ihn so faszinierend.

Wenn wir zu den Lebenden kommen, dann würde ich Papst Benedikt auswählen. Sie sehen dort ein Foto, wo ich ihm die Hand geben darf. Ich habe ihn einige Male besuchen dürfen und mit ihm zu sprechen ist immer etwas ganz besonderes, auch und gerade in Hinblick auf seine geradezu prophetischen Vorhersagen was Europa betrifft. Da wird es dann auch sehr politisch. Und ich sage das deshalb, da ich im April das Schlusswort hatte aus Anlass der Geburtstagsfeierlichkeiten zu Papst Benedikt in der katholischen Akademie in München.

Wie lautete der Titel Ihrer Rede?

Die Rede heißt: „Europa christlich?!“ Es geht darum, die politische Einheit Europas in seinem Werk anzusprechen. Und deshalb finde ich es faszinierend, mit einer großen, lebenden Persönlichkeit in Kontakt sein zu können.

Wann haben Sie Papst Benedikt denn das erste Mal getroffen?

Das ist schon eine Zeit lang her, es war als er Kardinal in München war. Dann habe ich ihn mehrfach als Chef der Glaubenskongregation im Vatikan besucht und dann eben auch als Pabst, was für einen Münchner und Bayern immer eine besondere Auszeichnung ist.

Waren Sie auch am Ostermontag zum 90sten Geburtstages des emeritierten Pabstes in Rom?

Da war der bayerische Ministerpräsident. Ich war eine Woche vorher in Rom bei Pabst Franziskus. Erzbischof Gänswein hat mir die Grüße von Pabst Benedikt überbracht. Ich habe ihn selber nicht besucht.

Über was haben Sie mit Papst Franziskus gesprochen?

Es ging um die Frage des Umgangs mit den Flüchtlingen, auch und gerade der christlichen Flüchtlinge. Das ist ihm und uns ein ganz besonderes Anliegen, auch hier im politischen Berlin. Wir haben immer darauf hingewiesen, dass es eine besondere Verpflichtung gibt den Flüchtlingen zu helfen, die wegen Verfolgung ihrer Glaubensüberzeugung beispielsweise Syrien verlassen mussten. Hier ist es auch durchaus legitim, zu differenzieren. Ein muslimischer Flüchtling aus Syrien, hat sicher auch ein schweres Schicksal. Aber wenn er sein Land verlassen muss und um Leib und Leben fürchtet, genießt er, was seine Glaubensüberzeugung betrifft, in den meisten Nachbarländern Religionsfreiheit. Ein Christ, der genauso um Leib und Leben fürchten muss, wird aber in den unmittelbaren Nachbarländern deutliche Schwierigkeiten bekommen, seine Religionsfreiheit zu wahren, falls er sie in Syrien überhaupt hatte. Insofern ist schon ein Differenzierungstatbestand gegeben, christliche Flüchtlinge haben im Regelfall ein besonderes Bedrängnis, da ihre Religionsausübung in den Nachbarländern sehr stark diskriminiert wird. Das müssen wir bei der Aufnahme berücksichtigen.

Die Verfolgung von Christen scheint Ihnen ein besonders wichtiges Thema zu sein?

Ja.

Was sind denn Ihre größten Erfolge?

Zunächst mal glaube ich, dass man als einzelner schwer mit einer politischen Großtat einen Erfolg festmachen kann. Es ist immer ein Gemeinschaftswerk mit Kolleginnen und Kollegen, wo man vielleicht in dem ein oder anderen Fall die Federführung hat. In der letzten Legislaturperiode war ich ja für den Gesundheitsbereich zuständig. Da war es für mich sehr wichtig gewesen, eine Regelung gefunden zu haben, mit der die früheren Grabenkämpfe der Beteiligten des Gesundheitswesens weitestgehend vermieden wurden.

Wir haben erhebliche Qualitätssteigerungen im Gesundheitswesen erreicht, wir haben die Pflegeversicherung deutlich verbessert, und haben ganz konkret ein neues Modell der Einführung von neuen Arzneimitteln festgelegt, das zu erheblichen Einsparungen geführt hat. Dies alles war wichtig und hat mich sehr gefreut.

Als familienpolitischer Sprecher empfand ich es als sehr glücklich, dass es geglückt ist, gemeinsam fraktionsübergreifend einen Gruppenantrag im Deutschen Bundestag erfolgreich umzusetzen, der die sogenannten Spätabtreibungen überhaupt erstmals geregelt hat. Und zwar mit der klaren Zielsetzung, diese zu vermeiden. Das war ein ganz sensibles Thema und zunächst waren die Aussichten und Chancen auch alles andere als hoch. Aber es ist dann geglückt, eine neue gesetzliche Regelung zu finden, was ich durchaus erwähnenswert finde.

Und welches war Ihre größte Niederlage?

Als ich einmal nicht direkt gewählt wurde. Mein Wahlkreis München-Nord gilt ja zu den am schwierigsten zu gewinnenden für meine Partei und da bin ich einmal ganz knapp nicht mehr direkt in den Bundestag gewählt worden. Durch glückliche Umstände rückte ich drei Wochen später nach. Das war eine erhebliche Umstellung, vor allem auch, weil ich im Wahlkampf gut gekämpft hatte und der Auffassung war, die Interessen der Menschen durchaus auch erfolgreich vertreten zu haben. Dann ist es besonders enttäuschend wenn man verliert und den Wahlkreis nicht gewinnen kann, weil das Transrapid-Projekt äußerst unpopulär vor Ort war.

Damals sind Sie dann für Edmund Stoiber nachgerückt.

Genau.

Wie ist Ihr Verhältnis?

Das ist gut.

Wie oft sehen Sie sich heute?

Mindestens alle vier Wochen auf den regelmäßig stattfindenden Parteivorstandssitzungen der CSU. Da sitzen wir Rücken an Rücken.

Werden Sie weiterhin politisch aktiv bleiben?

Selbstverständlich. Ich glaube jeder, der in den Bundestag gewählt worden ist, der sich um ein solches Amt bemüht, ist ein Homo Politicus und der kann die Politik nicht ablegen. Allerdings ist auch klar, dass ich mit dem Ende des Mandates nicht mehr in der ersten Linie der Politik stehen werde. Das ist mit dem Amt verbunden und das ist auch gut so. Und ich werde mich hüten, mit einem Schwall an Belehrungen den Eindruck von Besserwisserei zu erwecken.

Werden Sie denn weiter mit Stoiber Rücken an Rücken sitzen?

Zumindest bis Ende November, denn so lange dauert die Amtsdauer unseres gewählten Vorstandes.

P__lanen Sie nochmal für den Parteivorstand zu kandidieren?__

Ein klares nein.

Gibt es ein Vorbild, was den Rückzug aus dem Bundestag angeht?

Da gibt es eine Vielzahl von guten Beispielen, die wir in der CSU haben. Die sich zu Themen, die von grundlegender Bedeutung sind, weiterhin zu Wort melden. Nehmen Sie Theo Waigel, Edmund Stoiber, oder auch Alois Glück. Da gehen viele, die da ein gutes Verhältnis gefunden haben nicht apolitisch zu sein, aber gleichwohl wissen, dass man nicht mehr in der ersten politischen Liga ist.

Was werden Sie am politischen Betrieb vermissen?

Die Begegnungen mit politischen Weggefährten und Freunden. Es ist ja nicht so, dass die professionelle Politik im Deutschen Bundestag ein ständiges, feindseliges Ellenbogengeschiebe wäre. Sondern es besteht eine Vielzahl von echten Freundschaften. Nicht nur Parteifreundschaften, sondern es sind echte Freundschaften – und das ist besonders angenehm – die über Fraktionsgrenzen hinweg bestehen. Das hat nichts mit einer Verwässerung der eigenen politischen Positionen zu tun, sondern mit einer Wertschätzung eines Kollegen, auch wenn er andere Positionen hat. Als politischer Mensch und als politischer Weggefährte. Das werde ich vermissen. Es ist eigentlich das Schönste, was man erleben kann, wenn man jemanden vielleicht politisch bekämpft, weil man eine andere Meinung hat, dann aber feststellt, dass er als politischer Konkurrent ein unglaublich toller Mensch ist, mit dem man sich versteht und zwar per Handschlag.

Kommt Ihnen da jemand spontan in den Sinn, den Sie jetzt nennen können?

Das mache ich jetzt lieber nicht, sonst bringe ich noch jemanden in Schwierigkeiten.

Wie beabsichtigen Sie den Kontakt zu halten?

Ich werde immer wieder auch in Berlin sein, sodass nicht alle Brücken abgebrochen werden. Ich habe auch meine zahlreichen Ehrenämter, und die ein oder andere Zusage, die ich über das Mandat hinaus gegeben habe. Durch Schirmherrschaften für besondere caritative Organisationen, werde ich auch immer wieder hier sein und kann dann den Kontakt auch fortsetzen.

Gibt es etwas, das Sie so richtig auf die Palme bringt?

Ungerechtigkeit

Wo begegnet die Ihnen im politischen Geschäft?

Wenn in der Politik Taktik über klare Wertgrundlagen der Politik triumphiert, dann bringt mich das auf die Palme, weil ich weiß, dass es kein gutes Ende nimmt.

Bitte mal ein konkretes Beispiel.

Ich möchte es gerne abstrakt beantworten. Es gibt ja oft politische Schachspiele, wo jemand um drei Ecken denkt, um dann einen eigenen Vorteil zu erreichen. Das hat dann aber mit politischen Wertgrundlagen überhaupt nichts zu tun, und das empört mich. So ein Spiel kann man machen, früher oder später kommt es aber ans Licht der Öffentlichkeit und bringt die Politik insgesamt in Verruf.

In den letzten vier Jahren waren Sie Bundestagsvizepräsident. Wie kam es eigentlich dazu?

Ich habe mich um das Amt beworben. Zunächst mal braucht man ja das Vertrauen der eigenen Fraktion. Vielleicht hat auch eine Rolle gespielt, dass man meine Arbeit als Vizefraktionschef im Bereich Gesundheit und Landwirtschaft nicht als schlecht empfunden hat. Zudem wurde mir ein gewisses Maß an Neutralität zugetraut, die natürlich mit diesem Amt immer verbunden ist. Das heißt in keinster Weise ein politisches Eunuchentum, aber eben schon eine gewisse Fähigkeit, auch streitige Diskussionen mit einer gewissen Gelassenheit zu moderieren.

Sind Sie etwa altersmilde geworden?

Nein, im Gegenteil. Meine Frau erzählt mir immer, dass ich früher gelassener gewesen wäre. Aber die Erfahrung ist etwas größer geworden.

Hatten Sie denn keine Lust mehr als Fraktionsvize weiterzumachen?

Doch. Ich glaube aber einfach, dass es ein faszinierendes Amt ist, hier an der Spitze des Bundestages als einer der Stellvertreter des Parlamentspräsidenten arbeiten zu können. Und es ist glaube ich für jede Kollegin und jeden Kollegen etwas ganz herausragendes, Sitzungen leiten zu können und damit in der Herzkammer der Demokratie, dem Parlament, besondere Verantwortung zu tragen.
Ein zweiter Punkt, der sehr wichtig ist: dieses Amt schafft auch die Möglichkeit zu ganz besonderen Kontakten zu Kollegen aus dem Ausland. Das habe ich sehr genutzt, gerade in Afrika, aber auch dem europäischen Ausland, wo ich oft unterwegs war. Da ist es manchmal eine sehr gute Gelegenheit, bei schwierigen und auch von der Stimmung her besonders gefahrgeneigten Zeiten, auf parlamentarischer Ebene Lösungen politisch klimatischer Art zu erarbeiten, und dann auch den politischen Fakten näher zu kommen. Da ist so ein Amt gut geeignet, und das macht es auch so spannend.

Können Sie hier bitte ein konkretes Beispiel nennen?

Wir haben vor im März in Budapest ein Zusammentreffen von Vizepräsidenten des ungarischen, österreichischen und polnischen Parlaments gehabt. Das ist nicht gerade alltäglich. Da ging es um die Frage Europa. Es war ein rein informelles Gremium, es ging nicht um irgendwelche Entscheidungsfunktionen. In so einer Runde kann man dann gut erörtern, wie man näher zusammenkommen kann. Ein Beispiel, was konkret daraus werden kann: der bayerische Ministerpräsident wird den polnischen Staatspräsidenten zu der Landshuter Fürstenhochzeit einladen.

Die Landshuter Fürstenhochzeit?

Mit der Landshuter Fürstenhochzeit, wird eine ganz berühmte Hochzeit gefeiert, die über 400 Jahre zurückliegt. Damals hatte ein bayerischer Herzog eine polnische Adelige gefreit und die Hochzeit war so bedeutend und die Feier war so schön, dass diese Hochzeit seither alle vier Jahre in Landshut wieder als mittelalterliches Spektakel aufgeführt wird. Und wir haben überlegt, wie man dieses Ereignis für ein deutsch–polnisches politisches Treffen nutzen kann. Vielleicht gelingt es, dass wir da alle zusammenkommen und auch politische Verbundenheit in Europa und mit Europa zeigen können.

Täuscht der Eindruck, oder sind Sie unter den Stellvertretern von Herrn Lammert der Politischste?

Das kann ich schlecht beurteilen. Ich glaube, dass alle politisch sind, viele haben zudem Ehrenämter. Nehmen Sie beispielsweise Kollegin Ulla Schmidt. Als Bundesvorsitzende der Lebenshilfe war sie im Bereich des Umgangs mit den neuen Regelungen beim Thema Integration sehr politisch unterwegs. Und andere sind es auch. Das hängt ja auch mit den verschiedenen Zuständigkeiten zusammen, das sind durchaus sehr verantwortungsvolle Aufgabenzuschnitte. Ich bin beispielsweise für die innere Kommission zuständig, hierzu gehört unter anderem die internationalen Stipendiaten und der ganze Bereich Fahrdienst. Ich sehe das Bundestagspräsidium auch als Dienstleister für die Kolleginnen und Kollegen, damit sie in der Herzkammer der Demokratie ihren Auftrag erfüllen können.

Haben Sie sich vielleicht auch deswegen auf das Amt des Parlamentsvizes beworben, da das Amt eines Fraktionsvizes in der Großen Koalition weniger spannend ist?

Ich glaube es ist für jeden faszinierend. Es ist aber auch ganz klar: in dem Moment, wo man Vizepräsident wird, ist man nicht mehr an der Frontlinie der politischen Auseinandersetzung.

Ist die Überlegung falsch, dass Sie Fraktionsvize geblieben wären, wenn es keine Große Koalition gegeben hätte?

Möglicherweise wäre ich dies geblieben, ja. Aber mit diesen verantwortungsvollen Möglichkeiten, die man hat, ist es ein wunderbares und auch ein begehrtes Amt. Das werden die meisten Kollegen so sehen.

Welches Amt haben Sie eigentlich lieber ausgeübt, Parlamentsvize oder den Fraktionsvize?

Das kann man nicht sagen, es sind völlig verschiedene Ämter und ich habe beide gerne ausgeübt. Die Formulierung „mehr Spaß“ trifft es nicht. Es geht nicht darum, ob der Spaßfaktor in dem einen oder anderen Amt höher ist. Es geht vielmehr darum, wo kann ich was leisten, wo kann ich mit anderen zusammen meine Fähigkeiten für Deutschland einbringen. Das muss der Maßstab sein, nicht der Spaßfaktor.

Aber es sollte auch Spaß machen.

Sicher, das schadet auch nichts, denn die Beanspruchung ist enorm. Und ich kenne keinen Kollegen hier – auch wenn ich mit vielen anderer politischer Meinung bin – der faul wäre oder der sich nicht aufs Äußerste anstrengen würde. Und es erfordert enormen Krafteinsatz, allein was die Arbeitszeit hier betrifft. Die ist halt nicht nach 60 Stunden beendet, sondern im Normalfall nach 90 Stunden. Wenn man dann noch die Fahrzeit und alles dazurechnet, wird es noch mehr. Und da denke ich mal ist es wichtig, dass man respektvoll miteinander umgeht.

Das Ansehen der Politiker unter den Institutionen liegt bei nur 18 Prozent. Was sagt das aus?

Das empfinde ich zunächst Mal als ungerecht. Gleichzeitig ist es Anlass, sich ständig zu prüfen, wie das Parlament, wie der einzelne Parlamentarier nach außen wirken muss, damit dieser Eindruck, der falsch ist, sich nicht weiter verdichtet und eingräbt. Ich bin der festen Überzeugung, dass dafür der respektvolle Umgang mit anderen Meinungen sehr wichtig ist. Das man eben nicht persönlich verletzend in der politischen Auseinandersetzung wird.

Klar, ich bekomme immer eine Schlagzeile, wenn ich jemanden persönlich attackiere, das ist aber unangemessen. Es geht um die Sache. Da kann und muss man zuspitzen, dabei darf aber nie der Eindruck entstehen, dass man sich aus anderen – wie auch immer vermuteten Motiven leiten lassen würde, als aus dem Motiv heraus das Beste für den Staat zu wollen. Dieser Eindruck darf nie entstehen. Wenn er entsteht wäre es grauselig.

Kommen wir nochmal auf den Reiz des Amtes Parlamentsvize zu sprechen. Ein netter Beigeschmack ist sicher die Einladung zu interessanten Terminen. Sie waren dieses Jahr auf dem National Prayer Breakfast in den USA. Das war wahrscheinlich so ein Termin?

Da werden auch andere Kollegen aller Fraktionen eingeladen, aber es ist tatsächlich ein schöner Termin, da es eine große politische Begegnung von Politikern weltweit ist. Es handelt sich letztlich um einen Kongress mit einem religiösen Momentum, wo der Präsident der Vereinigten Staaten auch immer zugegen ist. Es ist eine Möglichkeit zur Begegnung, wo der Respekt an erster Stelle steht und zwar unabhängig davon, aus welchem Land jemand kommt und welcher Religionsgemeinschaft er angehört. Das ist schon ein Privileg.

Im Umgang mit Trump waren Sie dann im Anschluss mit einer Aussage recht deutlich, die hier in Deutschland sicher nicht mehrheitsfähig war.

Ich halte nichts davon, dass man nach der Wahl des Präsidenten zur politischen Hyperventilation als Dauerzustand übergeht. Wir brauchen ein gutes Verhältnis zu Trump. Selbstverständlich müssen wir klar die eigenen Standpunkte einbringen.

Hier in Ihrem Büro hängt eine US-Flagge. Was hat es damit auf sich?

Das ist etwas ganz besonderes. Es ist eine der Flaggen, die bei der Inauguration von Trump am Kapitol stand, als er seinen Eid auf der Bibel leistete. Das ist für die Amerikaner immer etwas ganz besonderes, wenn sie eine dieser Flaggen verschenken, da bin ich auch sehr stolz drauf.

Wer hat Ihnen die überreicht?__

Ein Kollege aus dem Kongress. Die ist auch handgestickt, also keine gedruckte. Das bekommt nicht jeder.

Sie halten die Diskussion für fehl am Platz?

Die war absolut fehl am Platz. Ich rate viel mehr dazu, den Kontakt mit amerikanischen Kollegen zu suchen. Als ich 1994 im Parlament begonnen hatte, gab es eine erhebliche Zahl von Kollegen und Kolleginnen, die mit Mitgliedern des Kongresses befreundet waren. Die auch mal im Kongress anrufen und fragen konnte, was man von diesem oder jenem Thema hielte.

Heute stelle ich fest, dass die Zahl der Kollegen, die ein solches freundschaftlich kollegiales Verhältnis mit Kongressmitgliedern haben, stark geschrumpft ist. Das ist nicht gut für Deutschland.
Denn natürlich hängt damit zusammen, dass man den Kontakt auch pflegt. Das ist mit Reisen und Aufwand verbunden, aber es ist absolut notwendig. Ich kenne nicht mehr so viele, die da mal in Washington einfach anrufen könnten.

Die Intensivierung des Kontaktes würden Sie wohl auch für Großbritannien empfehlen.

Ja, und auch nach Frankreich. Da stelle ich eine ähnliche Entwicklung fest. Jetzt gibt es eine neue Chance, da die neue Assemblee gewählt worden ist. Und da ist es ganz wichtig, dass wir wieder Kollegen finden, die intensiv den Kontakt zu französischen Abgeordneten suchen. Sicher, wir haben unsere Freundschaftsgruppen, die machen das auch super. Aber gerade im persönlichen Kontakt zu unseren französischen Kollegen brauchen wir Abgeordnete, die auch etwas französisch sprechen. Dieser Kontakt ist einfach notwendig für uns.

Wie haben Sie denn den Kontakt gehalten?

Die Beziehungen sind über die Jahre gewachsen. Mindestens einmal im Jahr treffe ich mich mit drei, vier Kollegen aus dem Kongress und deren Familien. Das ist immer ein Aufwand, aber es hat einen besonderen Wert, wenn auch die Familie dabei ist. Das ist dann eine ganz andere Art der Begegnung.

In einem Interview haben Sie sich kürzlich zu unserem Verhältnis zu den US-Amerikanern geäußert.

Wir sind Partner und Freunde der Amerikaner. Wir haben nach dem zweiten Weltkrieg in Sachen Demokratie viel von den Amerikanern gelernt und können Stolz darauf sein, dass unser Grundgesetz und System als gelebte Demokratie intakt sind. Aber wir brauchen keine Diskussion darüber, wer da demokratischer ist und wer weniger. Wir sind nicht der Nachhilfelehrer in Sachen Demokratie von den Amerikanern.

Warum sind Sie eigentlich in die Politik gegangen?

Weil ich unzufrieden war. In so einem Fall haben Sie immer zwei Möglichkeiten. Entweder man meckert, oder man versucht etwas zu ändern. Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden.

Wissen Sie noch wann das war und was Sie damals geärgert hat?

Das war kurz vor meinem 18.Geburtstag. Und es war im Zusammenhang mit der damaligen sehr spannenden Diskussion über die Notstandsgesetze. In Deutschland tobten ja heftige politische Debatten darüber, ob sich Deutschland jetzt in eine falsche Richtung bewege. Es war so aufgewühlt, wie ich sie seither nicht mehr erlebt habe. Es war ein zutiefst politisiertes Umfeld. Und es gab klare Linien: entweder dafür oder dagegen. Das war damals ein entscheidendes Momentum für mich aktiv zu werden.

Und wann kam der Gedanke auf, Bundestagsabgeordneter zu werden?

Zunächst habe ich 20 Jahre in der Partei in verschiedenen Funktionen ehrenamtlich Ämter ausgeübt, was auch sehr schön war. Nachdem ich so 15,16 Jahre dabei war, dachte ich, dass ein Mandat auch mal ganz schön wäre. Aber die sind halt dünn gesät. Und es ist auch nicht planbar. Es gibt manchmal Gelegenheiten, die man dann nutzen muss kann.

Vorher habe ich daran nicht gedacht, es hat mir einfach Spaß gemacht, politisch mitzumischen. Und am Anfang klebt man natürlich auch Plakate.

Und dann ging es auch darum, einmal etwas politisch zu formulieren. Da sind die Jugendorganisationen der Parteien unverzichtbar, da man genau dort diese Fähigkeiten lernt, wie ein Anliegen formuliert und durchgesetzt werden kann. Dann kommt man ziemlich schnell darauf, dass man alleine wenig durchsetzen kann, aber in der Gemeinschaft viel bessere Chancen hat. Diese Gemeinschaft muss man aber zunächst von den eigenen Ideen überzeugen. Auch das lernt man und dann macht es auch Spaß. Weiterhin muss man aber auch Niederlagen verdauen können. Der Weg führt nicht nur schnurstracks nach oben, sondern wird auch immer mal wieder stark abgebremst. Damit muss man erstmal mit zurechtkommen. Aber genau das braucht man später in der professionellen Politik.

Eine Schlüsselqualifikation?

Ja, man muss mit Niederlagen umgehen können, die dürfen einen nicht umwerfen. Vielmehr sollte man aus dem, was man falsch gemacht hat, lernen, wie man es besser macht.

Ich bin keiner der sagt, dass wir jede Menge mehr Quereinsteiger in der Politik brauchen. Oder der sagt, dass man verbogen und aalglatt wird, wenn man sich da jahrelang in Parteigremien nach oben gearbeitet hat. Nein, so ist es nicht. Die Nachteile sind vielmehr wesentlich geringer als die Vorteile. Wenn man lernt, wie man Überzeugungen zu einer Mehrheitsmeinung bringen kann und wie man mit Menschen umgeht. Das man Menschen eben nicht verletzten darf, sondern sie einbinden muss. Insofern bin ich ein klarer Befürworter auch dieser manchmal spannend langwierigen ehrenamtlichen Tätigkeit, bevor man auch mal ein Mandat anstrebt.

Sie haben vorhin bei Ihrem Lebensmotto Franz-Josef Strauß genannt. Ist er auch Ihr größtes Vorbild?

Er ist ein Vorbild, ja. Weil er in einer ganz herausragenden Weise Deutschland gedient und Bayern vorangebracht hat. Bayern war zu Beginn der Zeit, als er Verantwortung übernommen hat, noch ein Agrarstaat, der im Wege des föderalen Finanzausgleiches über viele Jahrzehnte Empfängerland war. Jetzt ist Bayern der größte Nettozahler, das sagt eigentlich alles. Aber wenn Sie sich die besondere Geschichte Bayerns und den Umgriff der Grenzen Bayerns anschauen, dann ist es fast noch wichtiger, dass Franz-Josef Strauß es nach dieser schlimmen Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft und des Zusammenbruchs geschafft hat, die Identität Bayerns zu bewahren. Das ist ganz wichtig, da jedes Volk eine Identität braucht, und das hat er für Bayern in hervorragender Weise gelöst.

Wer sind denn weitere politische Vorbilder von Ihnen?

Helmut Kohl. Ich denke, er ist in einer einzigartigen Weise der Vater der deutschen Einheit. Er hat dieses geschichtlich kurzzeitig offene Fenster erkannt und genutzt und es dann ganz weit geöffnet. Dieses Gespür ist ein historischer Verdienst und auch die politische, strategische Fähigkeit, diese deutsche Einheit umzusetzen, das macht ihn zum Vorbild.

Wem haben Sie in Ihrer politischen Laufbahn am meisten zu verdanken?

Ich habe vielen etwas zu verdanken. Indem ich von ihnen gelernt habe, wie man Politik gestaltet. Der allererste war der frühere Münchener Oberbürgermeister Erich Kiesel, bei dem ich auch in die Lehre gegangen bin. Dann habe ich bei Peter Gauweiler viel darüber gelernt, wie Politik funktioniert. Letztlich habe ich gerade von erfahrenen Kollegen viel mitbekommen, die hier lange gewirkt haben. Beispielhaft möchte ich den ehemaligen Landesgruppenvorsitzenden Michel Glos nennen. Der wusste schon, wie die Politik hier läuft.

Auf wessen Ratschläge verlassen Sie sich heute?

Einmal auf die Beurteilungen und Ratschläge meiner Frau, zudem habe ich echte politische Freunde. Das ist etwas ganz wunderbares.

Wer sind denn Ihre politischen Freunde?

Einer meiner politischen Freunde ist Joachim Unterländer, soziapolitischer Sprecher unserer Landtagsfraktion.

Darf ich Ihnen noch weitere Namen heraus kitzeln?

Lassen wir es bei einem Namen bleiben. Wenn ich mehr nenne, dann müsste ich viele nennen.

Welches war der schönste Moment Ihrer politischen Laufbahn?

Einer der schönsten war sicherlich, als ich 2009 für den deutschen Bundestag kandidiert habe. Am Wahlabend hat es ziemlich finster ausgesehen. Gegen 20Uhr, zwei Stunden nach Schließung der Wahllokale, lag ich 2.000 Stimmen zurück, was damit nach dem normalen Lauf der Dinge eigentlich uneinholbar ist. Es war damals einer der letzten Wahlkreise, die bundesweit ausgezählt worden sind. Ich hatte mir schon überlegt, was ich jetzt mache. Und dann hat das ab 20.15 plötzlich begonnen, sich leicht zu drehen. Man konnte aber noch nicht damit rechnen, dass das Zwischenergebnis komplett auf den Kopf gestellt wird. Am Schluss habe ich mit ein paar Hundert Stimmen ganz knapp doch noch gewonnen. Mir hat damals der Kollege Berg von der SPD leid getan, da er es gefühlsmäßig andersrum verarbeiten musste. Das war für mich einer der spannendsten und schönsten Momente, weil ich nicht mehr damit gerechnet hatte. Das war eine Achterbahnfahrt. Damals zog für CSU Kandidaten auch keine Liste, entweder direkt, oder gar nicht.

Was hätten Sie im Falle einer Niederlage gemacht?

Ich hätte als Anwalt gearbeitet.

Ist das auch die Unabhängigkeit, die Sie vorhin ansprachen?

Ja, genau das meinte ich.

Wenn Sie nochmal an Ratschläge für den politischen Nachwuchs denken?

Unabhängigkeit und auch Gesundheit. Gesundheit ist etwas ganz wertvolles. Politik ist gesundheitlich anspruchsvoll. Nicht nur das ständige Reisen, das der Kernbestand eines Abgeordnetenmandates ist – die Vertretung des Wahlkreises hier in Berlin. Das erfordert natürlich eine ständige Reisetätigkeit nicht durch unterschiedliche Klimazonen, aber doch durch Wetterkapriolen. Sie müssen ständig mit Verspätungen rechnen, die Planbarkeit ist überschaubar. Bei aller perfekter Planung, irgendwann fliegt der Flieger mal nicht, oder fährt der Zug mal nicht. Sie haben eine ungeheure Termindichte und deshalb ist das Vorhandensein von guter Gesundheit eine der bedeutendsten Voraussetzungen.

Vor allem ist die Familie ganz wichtig. Die ist zwar einerseits Beanspruchungen ausgesetzt, ihre emotionale Sicherheit tut einem aber sehr gut.

Gibt es etwas, das Sie in Ihrem politischen Lebensweg bereuen?

Ja, durchaus. Ich sage jetzt mal wieder ganz abstrakt, dass man am Anfang nicht so ungestüm sein darf, wenn man ein gewisses Amt anstrebt. Heute würde ich sagen: lass es mal ganz ruhig angehen, früher oder später kommt es eh auf einen zu. Aber wenn man meint, man muss unbedingt zu einem bestimmten Zeitpunkt ein gewisses Parteiamt haben, läuft das nicht gut. Das sollte man lieber bleiben lassen.

Gibt es eine politische Entscheidung, die Sie heute anders treffen würden?

Ja, ich würde heute nicht mehr die Veränderungen bei der Wehrpflicht mittragen. Wir sehen ja jetzt, dass wir uns in einer ganz neuen Situation befinden. Wir müssen nicht die Verfassung ändern, wir können es einfach gesetzlich ändern, aber die sicherheitspolitischen Herausforderungen sind völlig anders mittlerweile.

Gibt es einen Fehler, den Sie nicht wiederholen möchten?

Kein Mensch ist fehlerfrei. Man vergisst sie gerne, man wird vorsichtiger. Wenn man politisch etwas umsetzen will, macht es keinen Sinn, etwas als unabgestimmte Einzelaktion zu versuchen. Das macht man als Neuling gerne. Man hat dann einen super Gedanken, eine tolle Idee, und wenn man die nicht vorher in den Partei- und Fraktionsgremien abgestimmt hat, stellt man fest, dass es gar nichts bringt. Das ist dann ein Fehler.

Der ist mir leider auch mal unterlaufen. Daraus muss man lernen. Viel wichtiger, als sich das ein oder andere Mal medial in einer guten oder interessanten Weise darzustellen, ist es für die politische Durchsetzungsfähigkeit einen solchen Plan, ein solches Vorhaben intern abzustimmen. Und das öffentliche Interesse, die Aufmerksamkeit, die man findet, ist in manchem dieser Fälle, der sicherste Weg, ein solches Projekt scheitern zu lassen.

Was war das bei Ihnen?

Ich sag mal so: bei mir war es ein Gesundheitsthema. Ich habe daraus gelernt, diese Themen immer vorher abzustimmen.

Was werden Sie hier im politischen Berlin überhaupt nicht vermissen?

Gelegentlich ermüdende Sitzungen.

Wie oft gibt es diese?

Ich sag mal einmal im Monat

Liegt das dann an den Themen oder den Abgeordneten?

Ich meine jetzt gar nicht die Sitzungen, die ich selbst leite. Es sind oft interne Sitzungen, wenn Themen vier oder fünf Mal wiedergekaut werden. Und dann ist eigentlich alles gesagt nur noch nicht von jedem und das sind dann die Sitzungen, auf die man gerne verzichtet.

Das kann also auch in einer Fraktionssitzung passieren?

Das kann in jeder Sitzung passieren. Gremiensitzungen, Ausschusssitzungen. Möglicherweise ist man selber auch nicht davor gefeit und Kollegen sagen, hm, das haben wir aber auch schon mal gehört. Von daher ist auch eine gewisse Demut angesagt, weil man natürlich selber auch nicht fehlerfrei ist, im Gegenteil. Das entscheidende ist, dass man sich hier halt immer wieder als politische Gemeinschaft und Verantwortungsgemeinschaft begreift.

Was hätten Sie noch gern im Bundestag umgesetzt?

Das ist die Geburtenzahl, es geht um die Zukunftsfähigkeit. Es ist auch die Frage, was wir uns selber zutrauen, wie familienfreundlich wir sind. Dann müssen wir feststellen, dass wir in Deutschland, wie in vielen anderen europäischen Ländern auch, nach wie vor einen Mangel an Familienfreundlichkeit feststellen.

Wir fixieren uns auf die Zahl Arbeitslosigkeit, die bei uns in Deutschland hervorragend niedrig ist. Das Wirtschaftswachstum, – auch hervorragend. Schulden, wir zahlen sogar ein bisschen zurück, auch super. Aber die entscheidende Zahl ist die Geburtenzahl, und die ist im öffentlichen Bewusstsein noch vollkommen unterbewertet. Dabei ist sie viel wichtiger als die Verschuldungszahl, da sie vielmehr über die Zukunft aussagt. Und das bedauere ich.

Was müssten wir konkret ändern?

Da hätte ich schon einige Vorschläge, aber dann kommen wir zu sehr in die Tiefe.

Vielleicht können Sie es kurz skizzieren, was gemacht werden müsste?

Zunächst ist es eine Frage des gesellschaftlichen Klimas. Familien und Kinder brauchen einen ganz anderen Stellenwert im öffentlichen Ansehen. Das zweite: wir brauchen mehr finanzielle Förderung. Das muss nicht unbedingt sofortige Mehrausgaben bedeuten. Um es mal an einer Zahl zu verdeutlichen, wir haben ungefähr 85 verschiedene Familienförderungsprogramme. Wenn man diese auf drei große Gesetzes-Autobahnen bündeln könnte: Steuern, Sozialversicherungen und direkte Transfers, dann würde man sich eine Menge an Bürokratie sparen. Das ist auch transparenter und wir hätten mehr Effizienz. Das umzusetzen ist mir leider nicht geglückt, das hätte ich noch gerne gemacht.

Sind Sie deswegen im deutschen Familienverband aktiv, da Ihnen dieses Thema wichtig ist?

Die Familienpolitik war immer mein Thema. Das werde ich auch zum Schluss in meinem letzten Wortbeitrag im Parlament sagen.

Haben Sie das schon verfasst?

Da werde ich es inhaltlich ähnlich sagen, wie ich es Ihnen gerade erzählt habe.

Wissen Sie noch, zu welchem Thema Sie Ihre erste Rede im Bundestag gehalten haben?

Ja, zur Familienpolitik. Genau zu dem Thema. Das war damals in Bonn

Da schließt sich dann ja ein Kreis. Wird es gegenüber damals eine andere Botschaft geben?

Damals hatte ich gesagt, dass wir den Wert der Familie höher einschätzen müssen, da sie die Grundlage von allem ist. Das klingt immer ein bisschen hölzern, ein bisschen verstaubt, aber die Familie ist die Grundlage des Staates. Alles das, was Kinder dort lernen, was sie an Empathie und Werten vermittelt bekommen, kann woanders nicht ersetzt werden. Man kann vieles machen, ich sehe das ja selber bei meinen vielen Kindern. Aber Grundlagen, die kann man besonders in der Familie lernen. Und das muss einem in einem Land wie dem unseren auch klar sein.

Da fällt mir noch eine Geschichte ein. Ich war damals auch Frauenpolitischer Sprecher der CDU/CSU Fraktion, da das mit dem Amt des familienpolitischen Sprechers zusammenhing: Frauen, Familie und Senioren. Ich war für Deutschland zur Weltfrauenkonferenz nach Kigali in Ruanda eingeladen. Jetzt waren da weibliche Kolleginnen aus vielen Ländern und ich war der einzige Mann. Die afrikanischen Kolleginnen haben bei internationalen Konferenzen eine besondere Angewohnheit, sie nennen ihren Namen und ihr Land sowie die Anzahl der Kinder. Das kommt daher, da in Afrika die Anzahl der Kinder eine große Rolle spielt, jedenfalls in der Familienpolitik.

Johnson Sirleaf, Staatspräsidentin von Liberia, und Ikone der afrikanischen Frauenpolitik hatte die Konferenz eröffnet. Vier Kinder. Ich habe mir das dann eine Zeit lang angehört und mich dann auch gemeldet. „Johannes Singhammer aus Deutschland, sechs Kinder“. Daraufhin haben sie dann gesagt, ich möge ins Board aufrücken, da ich derjenige mit den meisten Kindern war. Ich habe gesagt, dass ich es für etwas übertrieben hielte. Aber es war schon eine sehr spannende Episode.

Hätten Sie dann noch gesagt: „alle von der selben Frau“, das wäre noch…

Das wäre noch wirkungsträchtiger gewesen, das stimmt.

Was werden Sie als erstes machen, wenn Sie nicht mehr im Bundestag sitzen?

Ich werde mich an einem schönen, sonnigen Tag vormittags in den Innenhof des Hofbräuhaus setzen, Weißwürste bestellen und ein Weißbier trinken.

Würden Sie die auch nach 12 Uhr essen?

Zur Not auch, aber ich habe mir fest vorgenommen, es an einem Vormittag zu machen.

Was werden Sie dazu lesen?

Ich lese die Münchener Tagespresse, das sind schon mal fünf Zeitungen. Dann natürlich die großen Tageszeitungen bundesweit. Und gelegentlich werde ich mir auch den Luxus gönnen, nicht alle zu lesen.

Lesen Sie gerne?

Ja

Welches wird denn das erste Buch sein, das Sie nach Ihrer Zeit im Bundestag lesen werden?

Ich habe mir schon eine ganze Menge bereitgelegt. Als nächstes werde ich „Gottes Erster Name“ von Walter Kardinal Kasper und Mouhanad Khorchide lesen. Das habe ich geschenkt bekommen, als ich in Rom war. Es interessiert mich deshalb, weil ich sehr viel auch mit muslimischen Gesprächspartnern zu tun habe.

Welche weiteren Pläne haben Sie für die Zeit nach dem Bundestag?

Ich werde Radel fahren. Das mache ich für mein Leben gerne. Am liebsten fahre ich die Münchner Isar rauf nach Grünwald. Schön am Isarstrand entlang, da wo die Kieselstrände sind, das Isartal rauf in Richtung Tölz. Das werde ich auch als eines der ersten Dinge machen.

Mit einem E-Bike?

Nein, ich habe kein E-Bike. Ich habe ein schönes Fahrrad mit über 20 Gängen, damit komme ich überall hin. Und ich werde mich in der Kondition wieder stark verbessern.

Wie lange ist denn die Strecke?

Das sind so 40 – 50 Kilometer.

Einfache Strecke?

Nein, hin und zurück. Man muss es ja nicht übertreiben.

Quelle: Aljoscha Kertesz, Bundestag adieu! 2017: Interviews – Fakten – Statements, ISBN-13: 978-3-96008-994-0, 1. Auflage 2017-11 Engelsdorfer Verlag, Preis: 14,90 EUR

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