Medien leben davon, Konflikte zu schaffen. Martti Ahtisaari

Irrweg Doppelpass schnell beenden

Ein neues Referendum zur Einführung der Todesstrafe in der Türkei darf von deutschen Behörden nicht mit Bereitstellung von Wahllokalen außerhalb diplomatischer Einrichtungen unterstützt werden.

Eine deutliche Mehrheit der in Deutschland lebenden türkischen Wahlberechtigten unterstützte mit ihren Referendumsstimmen den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Machtvoll zeigten sie in allen großen deutschen Städten bei Autocorsos die türkische Siegerflagge. Wenig überraschend, außer für einige.

1.) Die Gesundbeter beschwichtigen nun: Nur die Hälfte der Türken in Deutschland sei wahlberechtigt gewesen, davon sei die Hälfte zu Hause geblieben, nur die andere Hälfte von der Hälfte – also höchstens ein Viertel – habe Erdogan überhaupt unterstützt. Also kaum jemand. Beruhigend für alle, bei denen Politik nicht mit dem Betrachten der Wirklichkeit beginnt.

2.) Die Schuldzuweiser erklären vorwurfsvoll: Weil deutsche Nachbarn nicht nachhaltig auf die mittlerweile vierte Generation von türkischen Migranten zugegangen sind, wäre jetzt Erdogan das Idol der Migranten. Außerdem habe die deutsche Politik zwar den hier lebenden Türken unterschiedslos zu den Deutschen alle Sozialleistungen zur Verfügung gestellt, eines der besten Bildungssysteme kostenlos angeboten und im Rahmen der Gesetzte uneingeschränkte Gewerbefreiheit sowie hunderttausende von Arbeitsplätzen geschaffen – aber: Der türkische Stolz sei nicht hinreichend gewürdigt worden.

Es bleiben die ehrlichen Realisten: Für sie ist klar: Die Integration ist trotz immensen Aufwands bei vielen Erdogan-Unterstützern missglückt mit dramatischen Konsequenzen.
Demokratische Grundwerte werden in Deutschland gerne genutzt, aber für die Türkei als weniger grundlegend gewertet. Fatal, wenn man tiefer bohrt, etwa für den Wert der Religionsfreiheit, Voraussetzung für den inneren Frieden eines Landes, wie wir wissen.

Jeder der türkischen wahlberechtigten Erdogan-Unterstützer trägt Verantwortung

Seit Jahren schon kritisiert und tadelt die EU-Kommission in Brüssel in den so genannten „Fortschrittsberichten" pauschal mit immer schärferen Worten die religiöse Diskriminierung. Die Türkei – geografisch ein Mutterland der Christenheit – wird in absehbarer Zeit christenfreie Zone sein.

Das Erdogan-Referendum lässt keinerlei Besserung erwarten, eher das Gegenteil. Jeder der türkischen wahlberechtigten Erdogan-Unterstützer trägt Verantwortung. Stellt sich die Frage, welchen Stellenwert hat für diese Parteigänger die Religionsfreiheit, das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen bei uns in Deutschland oder mit türkischen Gülen-Anhängern. Welchen Einfluss üben sie auf unser gesellschaftliches Klima aus?

Deshalb, keine Toleranz für Intoleranz. Leitkultur – als politisch von der CSU seit langem geforderte Basis des Zusammenlebens – erweist sich als unverzichtbar. Integration nicht nur als Bringschuld der deutschen Gesellschaft, sondern auch als Holschuld der Migranten, welche dauerhaft hier leben wollen.

An unseren grundgesetzlich geschützten Freiheits- und Friedensrechten wird nicht gerüttelt. Wer ein anderes System auf Basis anderer Wertegrundlagen will, darf bei uns nicht auf knieweiches Verständnis hoffen.

Konkret: Ein neues Referendum zur Einführung der Todesstrafe in der Türkei darf von deutschen Behörden nicht mit Bereitstellung von Wahllokalen außerhalb diplomatischer Einrichtungen unterstützt werden.

Und, den Irrweg Doppelpass schnell beenden.

Quelle: The Huffington Post

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, The European Redaktion, The European.

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