Europa zurückabzuwickeln – das wäre ein schrecklicher und historischer Irrtum. Hans-Dietrich Genscher

Meinungshoheit kommt vor dem Fall

Medien sehen sich selbst als die vierte Gewalt. Ihrem Ideal von Unabhängigkeit und Moral werden die Journalisten aber schon lange nicht mehr gerecht.

Wir leben in einer Welt der Schlagzeilen, in der Milliarden Menschen über das Internet miteinander verbunden sind und sich Nachrichten binnen Sekunden verbreiten. Um das Chaos zu ordnen, um zu informieren und um zu erklären, braucht es Journalisten.

Auch wenn es das Internet jedem ermöglicht, Nachrichten zu hinterfragen, so haben die Massenmedien noch immer die Hoheit über die Meinung zu und die Deutung von Ereignissen. Die wenigsten Menschen recherchieren auf eigene Faust die aktuellen Geschehnisse in Syrien oder fahren in die Hochwassergebiete, um sich ihr Bild von der Lage zu machen. Das heißt: Medien berichten nicht nur Fakten, sie schaffen sie auch. In welcher Länge, mit welchen Bildern und welchen Zitaten wird berichtet? Welche Einstellung hat der Autor zu dem Thema, wie viel Zeit, es umzusetzen? Und natürlich: Welche Ereignisse sind wichtig, welche unwichtig?

All das beeinflusst die Berichterstattung und somit auch den Konsumenten. Journalisten sind mehr als bloße Dienstleister, sie schrauben mit ihrer Arbeit an unserem Bild der Realität.

Daraus lässt sich eine große Verantwortung ableiten und ein Ideal. Journalisten wollen die Welt verbessern, es geht ihnen ums Ganze – mindestens. Ihre Grundsätze: Unabhängigkeit und Moral. Ihre Feinde: Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch. Hier sind sie der bissige Wachhund der Demokratie, dort der Anwalt der Armen.

Der Fluch der Relevanz

Doch es klafft eine Lücke zwischen dem Ideal und der journalistischen Praxis. Die Medienkrise mit sinkenden Auflagen und schwindenden Anzeigeneinnahmen hat zur Folge, dass heute mehr Nachrichten für weniger Geld produziert werden müssen. Masse statt Klasse – ein Konzept, was Angeboten wie „Spiegel Online“ zum Erfolg verholfen hat. Das wirkt sich auf die Qualität aus. Es bleibt weniger Zeit, abzuwägen, nachzuhaken, innezuhalten. Sprich: weniger Zeit, um immer die richtigen Kriterien für die Berichterstattung anzuwenden und die Konsequenzen zu beurteilen.

Relevanz schaffen ist dabei mehr platte Phrase als wirkliches Ziel. Es geht um Quoten und Klicks, nicht um journalistische Ideale. Zu oft wird vergessen: Relevanz bedeutet auch, Themen und der Wahrheit Raum zu geben, nicht nur der reißerischen Überschrift und der überstürzten Nachricht.

Das ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch eine des Mutes und der Überzeugung. Das meint den Mut zu neuen Themen und Blickwinkeln, aber auch das Vertrauen in die Leser, Zuhörer und Zuschauer; ihnen mehr zuzumuten. Doch selbst der gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk traut sich das selten. Wie die Privatsender orientiert er sein Programm an den Einschaltquoten.

Mut ist das Schwimmen gegen den Strom, gegen die Mehrheit. Das ist nicht immer einfach, denn Journalisten sind Rudeltiere. Ein Blick auf den Fall Christian Wulff zeigt das. Lange gab es kaum Zweifel an der Schwere der Schuld des Bundespräsidenten, wenige kritische Stimmen zu der Berichterstattung. Es erhob sich ein anklagender Tenor, lockerlassen wollte niemand. Relevanz hieß hier: immer am Thema dranbleiben, wenn alle berichten, muss man das ebenfalls.

Dabei wird mit den Emotionen gespielt, das ist einfach. Schicksal und Skandal bringen Auflage und Quote. Die Objektivität bleibt dabei häufig zurück und die Medienrealität löst sich von den eigentlichen Ereignissen. Statt nur einer Wahrheit sind es schließlich unterschiedliche Wahrheiten, die Journalisten verbreiten.

So ist das Wort Relevanz ein Fluch, kein Segen. Es klingt hochtrabend, wichtig und gaukelt Qualität vor. Aber vielmehr verhindert es sie, indem es Themen verdrängt, die mehr interessieren als der tägliche Wulff.

Am Ende des Tages bestimmt auch die Bilanz die Berichterstattung, das kann man nicht wegwischen. Außerdem entscheidet kein Journalist allein. Zwischen ihm und der Unabhängigkeit stehen Ressortleiter, Chefredakteure, Verlage und seine eigene Meinung – immer wieder wird die Teil der Berichterstattung.

Falsche Maßstäbe

Selbstkritisch sind Journalisten meist nicht. Untereinander loben sie sich, vergeben sich gegenseitig Preise. Der Stammtisch dagegen findet selten Lob für sie. Belanglos sei vieles, was da berichtet wird, nicht von Interesse, die falschen Themen würden ausgewählt und falsche Informationen verbreitet.

Es ist ein Zeichen dafür, dass es nicht immer die richtigen Maßstäbe sind, nach denen der Journalismus arbeitet. Bewusster muss mit den Nachrichten umgegangen werden, die Auswahl und Präsentation behutsamer sein. Dazu gehören Medienunternehmen, die das nötige Geld zu Verfügung stellen und den Mut zu Veränderung haben und dazu gehören Journalisten, die sich ihrer Rolle bewusst sind und für glaubwürdige und ungeschönte Berichterstattung stehen – nur so können Medien auch tatsächlich die Realität abbilden.

Dazu gehört aber letztendlich auch der Konsument, um ihn geht es schließlich. Dieser wendet sich seit Jahren ab und deshalb ist die Krise der Medien auch Ausdruck ihres Unvermögens, die Menschen zu erreichen. Der Fischer weiß: Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Pamela Shoemaker, Hans Mathias Kepplinger.

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