Es ist nicht die Zeit der Kontrollfreaks. Alec Ross

„Keiner von uns rechnete mit Konfetti-Paraden“

Über seinen Einsatz als Fallschirmjäger in Afghanistan schrieb Johannes Clair den Bestseller Vier Tage im November. Im Interview mit Robert Benkens erklärt er, warum er sich freiwillig gemeldet hat, warum Soldaten Anerkennung verdienen und weshalb der Einsatz militärisch gesehen kein Misserfolg war.

The European: Herr Clair, in Ihrem Buch schreiben Sie über Ihre Erlebnisse als Bundeswehrsoldat in Afghanistan. Das Buch stand über sechs Monate in der Bestsellerliste. Haben Sie mit so einem Erfolg gerechnet?
Clair: Schon während des Schreibens habe ich gemerkt, dass ich eine wahnsinnige Affinität dazu habe und es mir Spaß macht, gerade über dieses wichtige Thema zu schreiben. Als das Buch schließlich fertig war, wusste ich: Darauf kann ich sehr stolz sein. Aber dass es so viele tolle Rückmeldungen bekommen würde, konnte ich natürlich nicht ahnen.

The European: Ist der Erfolg des Buches auch Ausdruck eines wachsenden Interesses am Einsatz der Bundeswehr insgesamt?
Clair: Ich weiß nicht. Ich vermute vielmehr, es liegt daran, dass ich aus der Sicht eines einfachen Soldaten berichten konnte. Denn vorher gab es überwiegend Offiziersberichte oder politische Abrechnungen mit dem Einsatz. Aber es hat kaum jemand über die tatsächlichen Situationen im Gefecht, über die Angst oder über Probleme mit der Familie berichtet. Mein Buch habe ich nach der Operation „Halmazag“ geschrieben – ein Einsatz, in dem die Bundeswehr wirklich offensiv vorgegangen ist. Während meines Einsatzes hat die Bundeswehr zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg Artillerie im Kampf eingesetzt. Das war ein Novum.

„Für die meisten Menschen war dieses Thema bisher einfach zu weit weg“

The European: Erfahren die Leistungen eines einfachen Soldaten denn in der Bevölkerung genug Anerkennung?
Clair: Ich selber habe viele positive Rückmeldungen bekommen, was aber sicherlich auch an meiner medialen Präsenz, dem Buch und der Art liegt, wie ich die Sachen anspreche. Ich habe das Gefühl, dass die Bevölkerung bisher nicht ausreichend differenziert hat zwischen dem einfachen Soldaten, der seinen Dienst verrichtet und von etwas überzeugt ist, und der politischen Umsetzung dieses Einsatzes. Für die meisten Menschen war das Thema Bundeswehreinsatz bisher einfach zu weit weg.

The European: Laut Verteidigungsminister Thomas de Maizière „gieren“ die Soldaten nach Anerkennung.
Clair: Dieses Zitat ist ja in einem Kontext entstanden, der sich nicht so dramatisch dargestellt hat, wie er medial ausgeschlachtet wurde, um es mal vorsichtig zu formulieren. Ich denke, es ist ganz natürlich, dass sich Soldaten mit ihrer Rolle identifizieren, nämlich dem Staat und seinen Bürgern zu dienen. Dass sie sich für ihren Einsatz – der im Extremfall auch das Leben kosten kann – Anerkennung wünschen, ist mehr als verständlich. Wir Soldaten haben das aber auch während des Einsatzes sehr realistisch gesehen und diese Anerkennung nicht unbedingt erwartet. Keiner von uns rechnete mit „Konfetti-Paraden“ bei der Rückkehr.

The European: Warum haben Sie sich freiwillig zum Einsatz gemeldet?
Clair: Für mich stand schon sehr lange fest, dass ich Soldat werden will. Trotzdem habe ich ausgiebig darüber nachgedacht. Beim Unterschreiben des Vertrages war mir bewusst, dass ich ins Kampfgebiet kommen könnte, wir waren ja schon einige Jahre in Afghanistan. Meiner Meinung nach gibt es in Deutschland – ungeachtet aller Probleme – rechtsstaatliche Prinzipien, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung ausmachen und die ich gerne auch für Menschen vertrete, die nicht in den Genuss dieser Art von Freiheit kommen. Das mag pathetisch klingen, aber hinter diesen Prinzipien stecken Werte, nach denen sich viele Menschen auf der ganzen Welt zu sehnen scheinen. Deshalb habe ich in meinem Einsatz auch den Sinn gesehen, Unrecht in anderen Ländern aktiv zu bekämpfen. Ich wollte Afghanistan und seine Menschen aber auch selber kennenlernen und verstehen, warum die Bundeswehr sich dort engagiert. Schließlich spielte natürlich auch der Kameradschaftsgedanke eine sehr große Rolle. Widerstand gegen den Einzug war somit keine Option.

„Es war verdammt hart, diese Angst in den Griff zu bekommen“

The European: Welches Ereignis hat Sie nachhaltig geprägt?
Clair: Die Konfrontation mit meiner Angst.

The European: Wie sind Sie damit umgegangen?
Clair: Es gab Momente, da fühlte ich mich kaum noch handlungsfähig. Allerdings hatte ich diese extreme Angst erst nach einem nächtlichen Hinterhalt, aus dem wir nur mit knapper Not entkamen. Und dann auch nur unter Beschuss – davor war das überhaupt kein Problem. Diese Emotionen in einer solchen Situation in den Griff zu bekommen, war sehr hart für mich, denn ich musste und wollte ja weiterhin meine Kameraden unterstützen.

The European: Wurden Sie psychologisch ausreichend auf solche Szenarien vorbereitet?
Clair: Ja. Schon im Vorfeld des Einsatzes wurde uns klipp und klar gesagt, was uns erwartet, dass wir auf Menschen schießen werden und auch im Einsatz sterben können. Als dann kurz vor meinem Einsatz drei Kameraden aus unserer Kaserne gefallen sind, wurde uns das noch einmal schlagartig vor Augen geführt. Diese Ehrlichkeit von Beginn an war wichtig. So wussten wir, in was für einer Rolle wir uns wirklich befinden – auch wenn der Einsatz vor Ort noch einmal etwas ganz anderes ist. Ich habe aber erleben müssen, dass nicht alle Soldaten durch ihre Vorgesetzten so ehrlich vorbereitet wurden, wie das bei uns der Fall war.

The European: Spricht man unter Kameraden während des Einsatzes über seine Ängste?
Clair: Ich konnte mit meinem Gruppenführer vor Ort darüber sprechen. Allerdings habe ich etwas Zeit gebraucht, um festzustellen, ob es eine vorübergehende Phase ist oder nicht. Denn die Angst-Attacken kamen ja nur unter Beschuss und waren danach wie weggeblasen – solche krassen Gefühlswechsel habe ich noch nie erlebt. Wenn Kameraden aus psychologischen Gründen den Einsatz vorzeitig abbrechen mussten, war das vollkommen in Ordnung für uns.

„Ich bereue nichts!“

The European: Haben Sie die anfängliche Begeisterung für den Einsatz bereut?
Clair: In keiner Weise. Ich bin extrem dankbar, dass ich die Gelegenheit dazu hatte und kann mir heute ein Leben ohne diesen Einsatz nicht mehr vorstellen. Meine Erfahrungen am Hindukusch haben mich dahin gebracht, wo ich heute bin. Dabei geht es nicht nur um das Buch, sondern um meine ganze Persönlichkeit und die Selbstgewissheit, die ich dadurch erlangt habe. Heute weiß ich wirklich, wer ich bin und was meine Aufgaben sind. Ich bin da trotz der schrecklichen Erlebnisse sehr optimistisch eingestellt – anderenfalls würde ich vielleicht bekloppt werden. Es gibt genug Kameraden, die immer noch Probleme haben.

The European: Bald wird ein Großteil der deutschen Truppen abgezogen. Die Zukunft Afghanistans ist unklar. Was bleibt vom Engagement der Bundeswehr am Hindukusch?
Clair: Eine schwierige Frage. Es hängt von der Ebene ab, von der man diesen Einsatz beurteilt. Dass die NATO militärisch besiegt worden sei, halte ich für völligen Schwachsinn, denn dann müsste es zunächst einmal einen Sieger geben. Allein die Tatsache, dass es die verschiedenen Talibangruppierungen immer noch gibt, ist für mich kein Indikator dafür. Im Sinne des ursprünglichen politischen Auftrags sehen einige den Einsatz allerdings als gescheitert an. Diese Ansicht kann ich nicht von der Hand weisen und in vielen Bereichen trifft sie leider zu. Mir persönlich hat der Einsatz aber etwas gebracht. Wir konnten dort zweifelsfrei die Lage verbessern. Ich verbinde mit dem Einsatz weiterhin die Hoffnung einer nachhaltigen Stabilisierung. Pessimismus ist für mich nicht die richtige Einstellung.

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