Letztendlich ist die Wahrheit Gottes Sache. Margot Käßmann

Heute Indie, morgen Techno und umgekehrt

Viele werden der eigentlichen Kultur müde und sind als Touristen in anderen Szenen unterwegs, wechselseitige Besucher sind an der Tagesordnung.

Jedes Wochenende verabreden sich die Menschen, um zusammen Unfug zu treiben, intensive Erfahrungen zu teilen und dabei auch an den eigenen Grenzen entlangzubalancieren. Das kann man in Berlin im Qdorf sicherlich genauso wie in der Köpi oder im WMF. Die Gruppe derjenigen, die sich bereitwillig zwischen den Szenen bewegt und sich keiner bestimmten Jugendbewegung zuordnen lassen möchte, scheint dabei immer mehr zu wachsen: Raver, die in die Oper gehen, Tussis und Stinos, die im Berghain auftauchen, Indiekids, die auch mal ein Scooter-Konzert besuchen.

Unübersehbar ist, dass manche, die in der allzu vohersehbaren Indiedisko-Rotation groß geworden sind, über die Gitarrenwände hinausschauen wollen und etwas experimentierfreudiger werden. Festivals wie das Melt! oder die Fusion, wo die Stile munter gemixt werden, unterscheiden sich zwar in Form und Anspruch, sind aber nicht zuletzt deswegen in den letzten Jahren immer größer geworden.

Eine Remix-Kultur

Ein weiteres signifikantes Merkmal für diesen Crossover ist die vielfältige Remix-Kultur; immer mehr Künstler aus dem Gitarrenbereich geben elektronische Neuinterpretationen für ihre Songs in Auftrag. Eine klare Trennlinie lässt sich am ehesten ziehen einerseits zwischen den sowohl im „Techno“ als auch im „Indie“-Bereich weit verbreiteten konsumistischen Strukturen, wo Bands, DJs in Arenen wie Idole verehrt werden und auf der anderen Seite einer kleinen DIY-Szene, in der Labels, Künstler, Publikum eine starke Verbundenheit untereinander leben. Da ist es dann fast schon egal, mit welcher Musik man sozialisiert wurde. Exemplarisch kann man das beim Hamburger Netzwerk und Label Audiolith beobachten, wo sich die verschiedenen Musiker mit Rat, Tat, Übungsraum und Equipment zur Seite stehen.

Neue Grenzen

Es sind eher der kreative Umgang untereinander und die überschaubaren Strukturen, die die Unterschiede im Business ausmachen und dabei das alte demokratische Versprechen von Techno auch im Indiebereich einlösen. Auch hier werden Files für Remixe ausgetauscht, werden aus Gitarren Elektrobeats und Dancefloorknaller gebastelt, allerdings ohne Tausende von Euro in die Hand zu nehmen und ganz große Namen einzukaufen. Der allgemeine Zugang zu Rechnern, Software, Internez ermöglicht einer neuen Generation von Künstlern die Verbreitung der Aufnahmespuren, erleichtert die Zusammenarbeit mit anderen. In welche Schublade man sich stecken lässt, wird zunehmend unerheblicher. Die Grenzen verlaufen eher zwischen DIY und Corporate als zwischen den Musikstilen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jo Groebel, Maurizio Schmitz, Daniel Meteo.

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