Ich bin schon froh, wenn wir die Eröffnungsfeier nicht verlieren. Günther Beckstein

„Der Konservative ist der Gegner aller Ideologen“

Jörg Schönbohm hat in Wilde Schwermut sein Leben aufgeschrieben. Als letzter echter Konservativer seiner Partei verhallt sein Ruf nach pragmatischer Politik irgendwo im Nirgendwo. Das Gespräch führte Oliver Scheiner.

The European: Sie haben im letzten Dezember Ihr Buch “Wilde Schwermut” veröffentlicht. Was war Ihre Motivation, diese Autobiografie zu schreiben?
Schönbohm: Das ist relativ einfach. Meine Frau und ich hatten am 30.12.2009 goldene Hochzeit. Anlässlich dieser Feier wollten wir für unsere Kinder – wir haben drei Kinder und acht Enkelkinder – die Geschichten unserer Familien aufschreiben. Ich hatte mit einem Freund gesprochen, einem namhaften Professor. Der sagte: Das Leben, das du gelebt hast, sollte man in einem Buch festhalten. Er hat mir gleich einen Verleger empfohlen – ein kleiner, unbekannter Verlag – und dann haben wir angefangen zu schreiben.

The European: Der Titel ist ein Zitat. Was hat es damit genau auf sich?
Schönbohm: Das hängt mit meiner Schulzeit zusammen. Ich habe 1957 Abitur gemacht und die Abschlussrede meines Lehrers hat mich und andere tief beeindruckt. Beim 50. Abiturtreffen vor drei Jahren haben wir das noch einmal erörtert. Dieser Lehrer hat uns sehr geprägt. Daher habe ich in diesem Buch auch seine Abiturrede veröffentlicht, die ich nach wie vor bemerkenswert finde. Dieser Lehrer hat uns die Zusammenhänge von ideologischen Systemen und den utopischen Gedanken von Platon, Campanella, Thomas Morus, Utopia und der Französischen Revolution, dem Kommunismus und dem Nationalsozialismus nähergebracht. Damals haben wir auch “Auf den Marmorklippen” von Ernst Jüngers gelesen. Und im ersten Satz dieses Buches kommt der Ausdruck “Wilde Schwermut” vor. Er bezieht sich auf das Gefühl, das einen durchströmt, wenn man auf die Vergangenheit zurückblickt. Ich habe diesen Satz im Jahr 2005 im Zusammenhang mit der Ermordung der neun gerade geborenen Babys hier in Brandenburg gebraucht. Auf die Frage eines Journalisten, was ich empfunden habe, sagte ich: Da kann einen nur wilde Schwermut erfassen.

The European: Bei dieser Geschichte damals hatten Sie noch etwas anderes gesagt. Sie machten eine vermeintliche Proletarisierung der Landbevölkerung der DDR für diese Tat verantwortlich.
Schönbohm: Ja, da haben sich viele Menschen fürchterlich aufgeregt. Ich habe Hunderte von Mails bekommen.

The European: An diese Schlussfolgerung, die Sie mit diesem Ausspruch gezogen haben, lässt sich eine Diskussion über Werte anschließen. Sind in den neuen Bundesländern die gemeinschaftlichen Werte unserer Gesellschaft bedroht?
Schönbohm: Ich mache in dem Buch darauf aufmerksam, dass es schon auffällig ist, wie man die Geschichte der DDR und der Herrschaftsform der SED verdrängt. Man kann nicht sagen, dass das Regime anständig war, nur weil man selber in der DDR anständig geblieben ist. Und ich füge hinzu: Die Bürger der DDR haben die DDR abgeschafft. Das waren nicht wir, das waren sie, weil sie das Regime nicht mehr ertragen konnten. Man darf in dieser Diskussion nicht die Augen vor den historischen Fakten verschließen.

The Pursuit of Happiness

The European: Mangelt es der CDU heute an diesen geradlinigen Typen, wie Sie es sind? Sie gelten ja als einer letzten echten Konservativen in Ihrer Partei.
Schönbohm: Diese Klassifizierung habe ich nie angestrebt – die ist mir einfach zugewachsen, weil ich seit über 50 Jahren mit derselben Frau fröhlich verheiratet bin, keine Skandale hatte. Ich habe mich immer zum Vaterland bekannt und zur Familie: Es ist nicht Aufgabe des Staates, dem Menschen zu sagen, wie er lebt. Wir leben in einem Rechtsstaat, der bildet zwar das Regelwerk, aber eine Frau muss selber entscheiden können, ob sie arbeiten geht oder nicht.

The European: Das klingt aber nicht sehr konservativ.
Schönbohm: Wir wollen den Frauen nichts vorschreiben. Gehen sie nicht arbeiten, sind sie schnell als “Heimchen am Herd” abgestempelt, gehen sie arbeiten, als “Rabenmutter”. Das ist beides falsch. Ich folge im Grunde genommen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Dort ist vom “Pursuit of Happiness” die Rede. Jeder Mensch soll sein eigenes Glück verfolgen können. Das ist Sache der Individuen, und Sache des Staates ist es nicht, einen ideologischen Anspruch zu erheben. Das ist auch eine Erkenntnis aus Diskussionen, die wir seit der Schulzeit geführt haben. Einen ideologischen Anspruch zu erheben, der Mensch ist glücklich, wenn er dies und das macht, ist schlicht falsch.

The European: Und in Ihrer Partei gibt es niemanden, der diese Überzeugungen teilt?
Schönbohm: Ich hatte mich gerade in dieser Frage mit Frau von der Leyen angelegt. Sie forderte, damals noch als Familienministerin, dass Männer endlich Wickelmonate machen müssten. Ich folge allerdings der Überzeugung, dass die Ehepaare das selber entscheiden sollen. Da gab es einige Grundsatzdiskussionen innerhalb der Union. Ich möchte aber betonen, dass konservativ zu sein nicht heißt, stehenzubleiben. Konservativ zu sein heißt, das zu ändern, was sich nicht bewährt hat. Dabei dürfen aber nicht ideologische Gründe ausschlaggebend sein, sondern die allgemeine Menschenerfahrung.

The European: Sie meinen, dass Konservativismus keine Ideologie ist?
Schönbohm: Wenn man ein Wertegerüst hat und weiß, dass jeder Mensch unvergleichlich und eigenverantwortlich ist, dann ergibt sich daraus eine Vorgehensweise in der Politik. Man soll Beispiele geben und für diese auch kämpfen, aber man soll nicht Lebensentwürfe vorgeben. Die Lebensentwürfe sollen den Menschen selber stärken. Das macht den Unterschied. Mich hat der erhobene pädagogische Zeigefinger der Union schon oft geärgert.

The European: Sie sagen, die Politik soll keine Lebensentwürfe vorgeben. Vor ein paar Jahren haben Sie aber für den Begriff der Leitkultur gestritten. Ist das kein Widerspruch?
Schönbohm: Nein, das ist für mich relativ einfach. Ich wurde bei der Diskussion um die Leitkultur sehr stark von meiner Zeit in Berlin beeinflusst. In dieser Stadt finden wir ja in vielen Stadtteilen eine regelrechte Fragmentierung der Gesellschaft vor – zwischen der einheimischen Bevölkerung und Migranten. Das resultierte zum einen aus der fehlenden Bereitschaft der Migranten, sich zu integrieren, und zum anderen aus der fehlenden Fähigkeit der Deutschen, sie zur Integration aufzufordern und sie zu begleiten. Das führte zu einem Nebeneinander, was auch als Multikulti bekannt geworden ist. Leitkultur heißt ja nicht, dass sie die Menschen anleitet, sondern dass die Leute wissen, was uns gemeinsam leitet und verbindet. Das sind die Artikel im Grundgesetz. Artikel 1 natürlich: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und dazu zählt auch unsere Geschichte, die sich in unseren Gewohnheiten, Sitten und Bräuchen widerspiegelt. Man muss sie nicht mitmachen, aber man muss sie anerkennen. Inzwischen ist das durch den Einbürgerungstest ja manifest worden.

The European: Aber Migranten sind doch allein schon deshalb, weil sie hier leben, Teil der deutschen Realität und damit auch Teil der deutschen Kultur. Was muss da denn integriert werden?
Schönbohm: Ich will Ihnen ein Beispiel nennen, woran man sieht, dass Integration eines aktiven Bekenntnisses bedarf: Wir haben jedes Jahr in Brandenburg seit zwei oder drei Jahren ein Einbürgerungsfest, am Tag der Verfassung von Brandenburg. An diesem Tag laden wir alle ein, die eingebürgert wurden. Und wenn ich mich mit diesen Menschen unterhalte, sagen sie, dass sie stolz sind, dass sie das gemacht haben. Sie sind stolz, dass sie zeigen mussten, dass sie Deutsche werden wollten, dass sie zeigen mussten, dass sie nicht nur ein Sozialsystem wollten. Aus der Sicht der Mehrzahl der Migranten ist das eine positive Erfahrung. Fragen Sie mal US-Bürger nach ihrer Identität. Da wird Ihnen auffallen, dass die alle stolz sind, Amerikaner zu sein – egal, welche Hautfarbe sie haben, egal, welcher ethnischen Gruppe sie angehören. Die werden alle sagen: “I am proud to be American.” Das nenne ich Vielfalt der Kulturen. Und das sollte auch hierzulande möglich sein. Ich will ja keinen Einheitsbrei. Für mich ist es das Wichtigste, dass wir unsere Gesellschaft nicht fraktionieren und sie dann auseinanderbricht.

The European: Sie sehen die Einbürgerungstests also auch als Ihren Erfolg. Aber die letzten Kapitel Ihres Buches lesen sich ein wenig wie eine nachträgliche Abrechnung mit Teilen der Union.
Schönbohm: Das ist Enttäuschung. Das ist richtig.

The European: Enttäuschung worüber? Dass man sie fallen gelassen hat?
Schönbohm: Da sind gewaltige Dinge passiert. Es geht mir weniger darum, dass mir Frau Merkel 2008 zunächst empfohlen hatte, für das Parteipräsidium zu kandidieren und dann ihre Empfehlung geändert hat. So etwas gehört einfach zum Geschäft. Enttäuscht bin ich vielmehr über das, was nach meiner aktiven Zeit in der brandenburgischen CDU passiert ist. Die Nachfolgegeneration war sehr von persönlichem Ehrgeiz getrieben. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass es denen nicht darum ging, der gemeinsamen Sache zu dienen, sondern die eigene Macht auszubauen. Aber auch das ist typisch für den Politikbetrieb. Parteien haben intern immer mit solchen Situationen zu kämpfen. Schade ist es allerdings, dass derlei Gebaren die Werte, für die die Union eigentlich steht, verwässert.

Uns fehlt ein Hesse oder einer aus Norddeutschland

The European: Ist mit Ihnen der letzte echte Konservative aus der Verantwortung in der Union ausgeschieden?
Schönbohm: Die Kanzlerin hatte mal nach einer Präsidiumssitzung in der Pressekonferenz gesagt: “Herr Schönbohm und ich sind uns einig. Er ist der Wachmann für das Konservative und ich bin die Putzfrau.” Aber jetzt in der Regierungsverantwortung mit der schwarz-gelben Wunschkoalition könnte ich Ihnen auf Anhieb niemanden sagen, der in der Bundesregierung für das Konservative steht. Ich schätze Wolfgang Schäuble außerordentlich, bin ihm auch freundschaftlich verbunden, aber wer aus dem Südwesten wie Herr Schäuble kommt, wird niemals der klassische Konservative sein können, obwohl er es im praktischen Leben ja ist. Dort ist der Liberalismus geistesgeschichtlich viel stärker verwurzelt. Uns fehlt da so ein Hesse oder einer aus Norddeutschland. Es könnte auch ein Bayer sein.

The European: In Deutschland gibt es also keine richtigen Konservativen mehr. In vielen anderen Ländern sieht es aber nicht anders aus. In vielen Ländern mangelt es an starken Persönlichkeiten, die auf starken konservativen Positionen Politik machen. Sehen Sie sich nur einmal Großbritannien an, wo Cameron jetzt koalieren muss, obwohl es wohl nie einen schwächeren Premier als Gordon Brown gab.
Schönbohm: Diese Beobachtung ist richtig. Dennoch muss man mit dem Begriff “konservativ” vorsichtig umgehen. Er wird häufig sehr schwammig gebraucht. Das große Missverständnis ist ja, dass konservativ schnell in die rechte Ecke gestellt wird. Ich sage aber, dass der Konservative der Gegner aller Ideologen ist. Deshalb heißt mein Buch ja auch im Untertitel “Erinnerungen eines Unpolitischen”. Ich beziehe mich da auf Thomas Mann, der seinen “Bekenntnissen eines Unpolitischen” sinngemäß gesagt hat, dass Politiker Ideologen sind, weil sie etwas gestalten wollen. Die Konservativen wollen erhalten, was sich bewährt hat. Das ist ein pragmatischer Grundsatz, der auch heute noch einen fundamentalen Gegensatz zwischen Union und SPD bedeutet. Die SPD glaubt, dass der Staat es besser kann als die Mehrzahl der Bürger, und will entsprechende Vorgabe machen. Ich glaube aber, dass der Staat nur dazu da sein sollte, den Bürger in die Lage zu versetzen, selbst gestalten zu können. Ich wiederhole noch einmal die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika: “We hold these truths to be self-evident that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.”

The European: Für einen “guten Konservativismus” sind also Pragmatiker gefragt?
Schönbohm: Ja, die politischen Notwendigkeiten müssen der Ideologie vorgezogen werden. Wichtig ist, die Sicht der Bürger in seine Handlungsmaxime einzubeziehen. Dabei ist man den Werten verpflichtet, die die Gesellschaft zusammenhält.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Charles Moore: „Die Linke hat nicht die besseren Ideen“

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