Demnächst wird die Gleichstellungsrichtlinie erzwingen, dass der nächste Bundeskanzler eine Frau wird. Edmund Stoiber

Nomaden des Wissens

Die Wissenschaft im Netz ist dezentral und Open Source – ein Facebook für Forscher und Vordenker. Um den Austausch von Informationen voranzubringen, muss sich die Wissenschaft vom starren Mantel der Institute lösen. Das Ziel: ein echtes Web des Wissens.

Weltweit existieren Tausende von Projekten, meist enthusiastisch getragen von Universitäts- oder Forschungsbibliotheken, die sich bemühen, ihre Bestände zu digitalisieren und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Auch am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte existieren etliche Projekte dieser Art. Doch was schon die Projekte an einem Institut nur schwer realisieren können, können die Tausenden anderen Digitalisierungsprojekte auf der Welt noch schwerer: Sie wissen nichts voneinander, sie stecken im Elfenbeinturm der eigenen Einrichtung fest.

Das heißt auch: Jedes dieser Projekte besitzt in der Regel einen eigenen Werkzeugkasten für Annotationen, Kommentare, Bemerkungen, Übernahme in den OPAC oder in ein Literaturverzeichnis etc. Doch der Wissenschaftler sucht ja nicht in einer Quelle, sondern in vielen. Was fehlt, ist daher etwas wie Facebook für Wissenschaftler, wo diese entweder allein oder in einer Gruppe mit Kollegen diverse Quellen verwalten, ergänzen, sammeln und kommentieren können.

Der moderne Wissenschaftler ist ein Nomade

Außerdem ist der moderne Wissenschaftler ein Nomade. Das hat zur Konsequenz, dass dieses Wissenschaftler-Facebook nicht an eine wissenschaftliche Einrichtung angebunden werden kann, da dann der Wissenschaftler den Zugriff verliert, wenn er diese Institution verlässt. Daher müsste dieses Werkzeug als Peer-to-Peer-Werkzeug konstruiert werden, als so etwas wie ein Webserver auf dem Desktop, der sich mit all den anderen persönlichen Wissenschaftler-Facebooks verbinden und kommunizieren kann.

Das bedeutet wiederum, es müssen gemeinsame Protokolle gefunden werden, mit denen diese Werkzeuge miteinander „reden“. Und es müssen offene Protokolle sein, da es durchaus unterschiedliche Werkzeuge für unterschiedliche Betriebssysteme in unterschiedlichen Sprachen programmiert geben kann. Aus heutiger Sicht bieten sich RSS/Atom, XMPP (Jabber), XML-RPC und REST als diese gemeinsamen, offenen Protokolle an.

Drittens sollten diese Werkzeuge es erlauben, dass sich der Wissenschaftler seine eigenen Workflows zusammenbaut – entweder in Form von Glue-Skripten oder aber auch als grafische Ablaufpläne, wie zum Beispiel in Yahoo! Pipes. Da man da womöglich auch in den Quellcode der Anwendung eingreifen muss, stellt sich die Forderung nach Open Source.

Und nicht zuletzt habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich Wissenschaftler schwertun, ihre eigenen, liebevoll gepflegten Sammlungen in die Datensilos der Großprojekte zu versenken. Denn auf der gleichen, oben skizzierten Basis lassen sich auch dezentrale Sammlungen realisieren.

Der Webserver auf dem Desktop (er kann genauso als Server für eine Gruppe wie auch als Server für einen Einzelnen dienen) übernimmt die Verwaltung der Sammlung und informiert die Mitglieder der entsprechende(n) Gruppe(n) per XMPP über Neuerungen, Änderungen etc. Die Sammlung selber wird auf einen Webserver der Wahl hochgeladen und steht dort der Allgemeinheit zur Verfügung.

Bausteine für ein Web des Wissens

Fassen wir also zusammen: Jeder Wissenschaftler wird zum potenziellen Wissensproduzenten, der sein Wissen dezentral aber frei der Allgemeinheit zur Verfügung stellt (P2P, Open Access). Dieses Wissen wird mittels einfacher Tools miteinander vernetzt (Offene Protokolle). Und diese Tools können von den Wissensproduzenten selber an ihre Bedürfnisse angepasst werden (Open Source). Daher sind ein dezentrales Netz, Open Access, Offene Protokolle und Open Source die Bausteine für ein zukünftiges Web des Wissens, ein Web des Wissens, das den Namen „Netz“ auch verdient.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nora Stampfl, Thomas Jarzombek, Stefan Gradmann.

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