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Die Sache mit der Heimat

In Schleswig-Holstein ist der Versuch gescheitert, den Heimat- und Sachunterricht in Sachkunde umzubenennen. Ein Glück, denn Heimat ist mehr als nur eine Sache.

Im nördlichsten Bundesland der Bundesrepublik Deutschland ist in den letzten Tagen der Versuch gescheitert, das Wort Heimat aus der Bezeichnung für ein Schulfach an den Grundschulen zu streichen. Noch am 7. Juni wurde berichtet, dass die zuständige Ministerin die Umbenennung des Fachs „Heimat- und Sachunterricht“ in „Sachkundeunterricht“ veranlasst habe, um der veränderten Unterrichtswirklichkeit Rechnung zu tragen. Ein paar Tage später wurde die Entscheidung revidiert, das Fach hat nun den bürokratischen und wohl auch politisch korrekten Titel „Heimat-, Welt- und Sachkunde“.

Es ist sicherlich vernünftig, dass der Name eines Fachs sagt, was im Unterricht passiert, und deshalb ist auch gar nicht der Versuch der Umbenennung zu kritisieren, sondern die dahinter stehende, schon lange zu beobachtende Verschiebung der Lehrinhalte, die sich kurz auf den Punkt bringen lassen mit: weg von der Heimat, hin zur Sache.

Landidyll, lokale Enge und Konservatismus

Eine Entwicklung, bei der Schleswig Holstein nicht alleine steht, in den meisten deutschen Bundesländern gibt es schon lange keine Heimatkunde mehr. Heimatkunde klingt offenbar für viele nach Landidyll, lokaler Enge und Konservatismus. Kinder sollen Weltbürger, wenigstens Europäer werden. Sie sollen möglichst früh den Blick in die Ferne richten, Fremdsprachen lernen, europäisch denken.

Die Ersetzung der Heimat durch die Sache im Namen des Fachs zeigt, wie Bildungspolitikerinnen und Pädagogen sich das vorstellen: da die Nähe zu Europa im Unterricht nicht praktisch hergestellt werden kann, wird alles zur „Sache“, die man beschreiben und analysieren, über die man Fakten erlernen und in Systeme einordnen kann. So lässt sich freilich alles lehren, das wusste schon Goethes Faust leidvoll zu berichten.

Aber eine Beziehung, eine emotionale Bindung an die Welt, lässt sich so nicht aufbauen. Für Sachen hat niemand Verantwortung, eine Sache wird benutzt, sie ist Zweck zu einem Mittel, das beiseitegelegt wird, wenn es nicht mehr seine Funktion erfüllt oder nicht mehr benötigt wird.

Der Sinn von Heimatkunde ist hingegen, die Welt als Nähe zu erfahren, als unmittelbar gegeben. Zu verstehen, wie wir Menschen in unsere Umwelt eingebunden sind, indem wir sie physisch und unvermittelt erleben. Auch die Verletzlichkeit und Zerstörbarkeit der Umwelt lässt sich in der Heimat unmittelbar und emotional erleben, und so entsteht auch Verantwortung für diese Umwelt, so erfahren Kinder, wie gefährlich es ist, die Welt als Sache und nicht als Heimat zu behandeln.

Heimat bedeutet auch Vielfalt

Was und wo Heimat konkret ist, kann sich im Laufe des Lebens ändern, und keine Heimatkunde führt dazu, dass Menschen, wenn sie Erwachsene geworden sind, den Ort ihrer Kindheit zum heiligen Ort verklären, der gegen Fremde zu verteidigen wäre. Vielmehr lernen die Kinder in einer wirklichen Heimatkunde, dass alle Menschen eine Heimat haben, und dass durch die Vielfalt der Herkunft auch die Vielfalt der Menschen entsteht. Und sie lernen, wie sie in der Ferne eine neue Heimat finden können, weil sie wissen, wie sie sich eine Gegend vertraut machen können, indem sie die Menschen mit ihrer lokalen Geschichte kennenlernen, den alten Wegen folgen, die Baustile des Ortes erkunden und die Pflanzen und Tiere des unbekannten Landstrichs beobachten. Und indem wir uns in der Fremde von den dort beheimateten Menschen von ihrer Heimat erzählen lassen und von unserer Heimat berichten, wächst Vertrauen. Wer eine Heimat hat und sie kennt, kann auch Verständnis für die Heimatverbundenheit der anderen entwickeln.

Heimatkunde lehrt, dass nicht nur die großen Sachen und Erfindungen, die politischen Systeme und die Weltgeschichte wichtig sind, sondern dass wir aus unserer konkreten Einbindung in eine Gegend, in der wir leben, Verantwortung für uns in der Welt übernehmen. Deshalb brauchen wir, egal wie die Unterrichtsfächer benannt werden, nicht weniger, sondern mehr Heimatkunde.

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