Daten werden früher oder später für alle vollständig verfügbar sein. Christian Heller

Der Mars und die Moral

Können wir mit Hilfe von Terraforming eine zweite Erde schaffen? So wie es aussieht, werden wir es zumindest ausprobieren – und allein der Versuch sagt einiges aus über unser Verhältnis zur Natur.

Die bisherigen Ergebnisse der Mars-Erkundung durch Curiosity und der für dieses Jahr vorgesehene Start der Mars-Sonde MAVEN haben in den vergangenen Tagen wieder Überlegungen provoziert, ob man aus dem Mars nicht einen ordentlichen belebten Planeten, mit Pflanzen und Tieren, Wasser und schöner Luft machen könnte. Terraforming nennt sich die Vision, bei der zuerst speziell gezüchtete Mikroben auf den Mars gebracht werden sollen, die sozusagen die Vorhut sind für die schrittweise Urbarmachung und Belebung der Marsoberfläche.

Vor allem unter jungen Wissenschaftlern stößt die Idee auf große Gegenliebe. Der Mars als große Petrischale, in der man neue Organismen züchten kann, um dann irgendwann eine zweite Erde zu schaffen, das ist der Traum der Forscher. Es ist erstaunlich, dass die vielen wissenschaftlichen Großprojekte der vergangenen Jahrzehnte, die unter Fehlschlägen und Verzögerungen immer weit teurer geworden sind als ursprünglich geplant, nicht dazu geführt haben, dass von immer größeren Forschungsvorhaben nicht Abstand genommen wird.

Eigentlich – so sollte man annehmen – müssten junge Forscher, statt sich für Projektideen gigantischen Ausmaßes zu erwärmen, nach kleinen, überschaubaren, technisch und wissenschaftspolitisch beherrschbaren Projekten mit vergleichsweise klaren und öffentlich vermittelbaren Zielen Ausschau halten. Aber in den Träumen kann die Herausforderung nicht groß genug sein, möglichst sollte es immer um die ganze Welt gehen, um das ganze Leben, das ganze Universum, oder um eine grandiose Neuschöpfung, ein neues Leben, eine neue Erde.

Die Bewahrung unbelebter Natur

Erstaunlich ist auch, dass angesichts der Gefahren biochemischer Experimente und der öffentlich geäußerten Bedenken vieler Menschen gegen Gentechnik kein moralisches Tabu existiert, welches die Vorbereitung solcher Großversuche von Anfang an verhindert. Zwar werden hin und wieder mögliche ethische Aspekte solches Experimentierens erwähnt, aber offenbar gibt es keine prinzipiellen Bedenken, Ideen zu Freiland-Gentechnik-Experimenten auf dem Mars überhaupt und sogar öffentlich zu diskutieren.

Offenbar besteht gegenüber fremder und vermutlich unbelebter Natur für die Wissenschaft kaum eine moralische Verpflichtung zur Bewahrung. Der Mars ist unbewohnt, Menschen können bei solchen Experimenten nicht zu Schaden kommen, also gibt es kein moralisches Problem. Der Natur, wie sie in Milliarden Jahren entstanden ist, Hochachtung entgegenzubringen und sie zu belassen, wie sie ist, wird offenbar nicht als moralische Pflicht angesehen. Das ist das eigentlich Bedenkliche.

Es geht hier nicht um eine Risikoabwägung, etwa bezüglich der Frage, ob auf irgendeine Weise doch Menschen zu Schaden kommen könnten, ob Mikroben, außer Kontrolle geraten, auf die Erde zurück gelangen könnten, oder ob vielleicht doch irgendwo auf dem Mars höhere Lebewesen verborgen sein könnten, die von solchen Experimenten vernichtet werden könnten.

Es geht um die einfache Frage, ob der Mensch wirklich alles anfassen muss, nur weil er’s kann. Dass wir dazu in der Lage sind, unverwischbare Spuren überall zu hinterlassen, wo wir hingekommen sind, haben wir nun eigentlich oft genug bewiesen, und auch, dass wir die Geister, die wir in Bewegung setzten, am Ende nicht beherrschten. Das würde beim Terraforming des Mars kaum anders sein. Ein Beweis ist nicht nötig. Es wird Zeit, uns zu beschränken, ganz ohne Grund. Weil wir auch das können.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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