Die zwei Hauptleidenschaften der Politik sind Angst und Hoffnung. Chantal Mouffe

Auf Schatzsuche

Technik verändert unser Verständnis schulischer Bildung. Doch was jetzt vermeintlich unnütz scheint, sollten wir erst recht lehren und lernen.

Kritik an der Schule, an den Formen der Ausbildung überhaupt, ist in Mode gekommen. Die Schule, so liest und hört man, entspreche nicht den Anforderungen des 21. Jahrhunderts, sie sei nicht effizient, sie lehre die Kinder Dinge, die sie niemals bräuchten und schnell wieder vergäßen.

Ob das stimmt, kann dahingestellt bleiben, weil zuerst einmal die Frage beantwortet werden muss, welchen Sinn die schulische Ausbildung überhaupt hat. Sollen die Kinder und Jugendlichen in der Zeit ihres Erwachsenwerdens möglichst viel von dem lernen, was sie dann im weiteren Leben brauchen, was ihnen nützt oder was sie für ihre späteren Arbeitgeber nützlich macht? Und was heißt überhaupt „brauchen“ und „nutzen“, wenn es um das Wissen geht, das in der Schule erworben wird?

Schließlich: Ist die Schule dann am besten organisiert, wenn die Schüler ein Maximum dessen, was sie dort an Kenntnissen und Fähigkeiten erworben haben, anschließend und fürs ganze Leben jederzeit präsent zur Verfügung haben?

Wissen bei Bedarf abrufen

Welches Faktenwissen, welche Informationen und welche Fähigkeiten ein Mensch in seinem Leben braucht, ist aus vielen Gründen ganz ungewiss. Die vergangenen Jahrzehnte haben gelehrt, dass fast alles, was man an den Schulen lehrt, soweit es um Wissen geht, innerhalb weniger Jahre entweder veraltet ist, durch Informationssysteme jederzeit und an jedem Ort zur Verfügung gestellt werden kann, oder uns, soweit es um Fähigkeiten geht, durch Technik abgenommen werden kann.

Wo dies noch nicht geht, ist absehbar, dass es in kurzer Zeit möglich sein wird. So, wie niemand mehr im Kopf oder auf einem Zettel 231 × 576 rechnen muss, so müssen wir nicht mehr auswendig wissen, wann die Mauer fiel, wir können all das bei Bedarf aus Systemen abrufen, die uns quasi immer und überall zur Verfügung stehen. Selbst das Beherrschen einer Fremdsprache wird bald vermutlich nicht mehr nötig sein, denn es wird nicht mehr lange dauern, dann wird das Smartphone einen Satz, den ich auf Deutsch hineinspreche, in jeder Sprache der Welt korrekt wiedergeben.

Dazu kommt, dass fast jeder Mensch sich nach der Schule in eine Richtung spezialisiert, in der ohnehin nur noch ein Bruchteil dessen relevant ist, was er zuvor in der Schule gelernt hat. Wer Ingenieur wird, braucht keine Literatur- und Geschichtskenntnisse, und wer eine Banklehre macht, muss über Biologie und Chemie nichts mehr wissen.

Grundsätze des Lernens und des Denkens

Wenn es darum geht, in der Schule etwas zu lernen, was man später braucht und nie mehr vergisst, dann könnte die Schulpflicht nach der Grundschule beendet werden, dann haben wir alles gelernt, was wir mit Sicherheit wenigstens in den nächsten paar Jahrzehnten wirklich noch brauchen, das Lesen und das Schreiben (bitte nicht mit dem Stift, sondern am besten auf Tastaturen unterschiedlicher Ausführung) sowie das Addieren, Subtrahieren und vielleicht noch das kleine Einmaleins.

Der Sinn der Schule ist aber nicht, und war es auch nie seit der Einführung der Schulpflicht, den Kindern und Jugendlichen eine bestimmte Menge notwendigen Wissens und erforderlicher Fähigkeiten, die sie im Leben brauchen, möglichst effektiv zu vermitteln. Gerade weil dieses Wissen und diese Fähigkeiten im weiteren Leben notwendigerweise nur einen sehr eingeschränkten Nutzen haben, weil sie alle schon bald verlernt, vergessen oder durch technische Systeme ersetzt werden, wäre es völlig verfehlt, die Gegenstände und Inhalte des Schulunterrichtes nach Nützlichkeitserwartungen auszusuchen.

Im Gegenteil: Paradoxerweise kann man sagen, dass die Kinder in der Schule gerade das lernen sollen, was sie später nicht benötigen. Denn alles, was jemand irgendwann im Leben einmal wirklich braucht und können muss, das kann er lernen, wenn er zuvor einmal die Grundsätze des Lernens und des Denkens erworben hat, und wenn er ein Fundament gelegt hat, auf dem er später aufbauen kann.

Fundament aus sedimentiertem Wissen

Gerade die Dinge, die wir niemals lernen müssen, weil wir zunehmend bei Bedarf via Technik auf sie zugreifen können, seien es Gedichte von Rilke, Jahreszahlen von Erfindungen oder die Berechnung einer Wohnfläche, sollten wir doch einmal gelernt haben, um das, was wir später machen, erleben und erfahren, überhaupt verstehen und einordnen zu können. Ich brauche ein paar Anker in meinem Gedächtnis, damit ich das, was ich aus den Informationsnetzen abrufen könnte, überhaupt einordnen und an meine Gedanken anbinden kann. Vieles von dem, was ich in der Schule gelernt habe, habe ich wieder vergessen, aber aus den Bruchstücken, die noch da sind, kann ich mit Hilfe der Informationssysteme ein Wissen rekonstruieren, und wenn ich gar nicht weiß, dass Mozart Opern komponiert hat, dann komme ich beim Hören einer Arie auch nicht darauf, dass da Sarastro über Rache, Liebe und Pflicht singt.

Aber es geht gar nicht immer und unbedingt um die schönen Künste und die hohen Wissenschaften. Um ein Verständnis für das Wachstum der Früchte zu haben, die wir im Markt kaufen, ist es gut, einmal selbst Samen in die Erde gesteckt und ihre Entwicklung beobachtet und gehütet zu haben. Es ist gut, einmal ein Zwiebelhäutchen abgezogen und durch ein Mikroskop gesehen zu haben, um eine Vorstellung davon zu haben, was die moderne Biologie treibt, wenn sie Zellkerne von einer Zelle zur anderen überträgt.

Weil wir mündige Bürger in einer sich immer wieder wandelnden Welt sein wollen, brauchen wir ein breites Fundament, das sozusagen aus sedimentiertem Wissen und Können besteht, auf dem wir unser Weltverständnis immer wieder neu aufbauen können, mal, indem wir aus dem Sediment ein paar Brocken herauslösen, wieder reparieren, aufpolieren und nutzen und mal, indem wir auf dem festen Grund ein paar neue Wissensgebäude errichten, die ein paar Jahre später auch wieder zerfallen, weil sie gerade nicht gebraucht und gepflegt werden, aber sich doch mit dem vorhandenen zu einer stabilen neuen Schicht verbinden. Und manchmal gräbt man auch einfach ein bisschen darin und kann sich freuen, welche Schätze aus längst vergangener Zeit man dort noch findet.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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