Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer – und schon gar nicht der bessere Banker. Christoph Kaserer

Fort, nur fort

Fortschritt ist ein positiver Wert, Stillstand will keiner. Wir wollen ausschreiten und nicht ausharren. Kaum einer stellt sich dem noch entgegen und hält inne.

Der Philosoph Arnold Gehlen hat in seinem Buch „Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt“ den Menschen als Mängelwesen bezeichnet. Als biologisches Wesen hat er gerade keine besondere Ausstattung. Er ist nicht besonders schnell, nicht besonders stark und hat keine besonders effektiven Reflexe. Genau genommen zeichnet ihn sogar eine ausgesprochene Reflexarmut aus.

So ist er darauf angewiesen, seine Umwelt ständig zu verändern, sich die Wirklichkeit einzurichten, sodass sie ihm erträglich ist, dass er darin mit seinen mangelhaften Anlagen halbwegs zurechtkommt. Das tut der Mensch nunmehr seit ein paar Zehntausend Jahren und man müsste eigentlich annehmen, dass er damit allmählich an ein Ende gekommen sei.

In der Wirklichkeit eingerichtet

Wir haben die unwirtlichsten Lebensräume erobert, haben uns über den ganzen Planeten ausgebreitet, haben uns Heizungen gegen die Kälte und Klimaanlagen gegen die Hitze gebaut, das Land planiert, sodass wir uns darauf frei bewegen können, Pflanzen und Tiere gezüchtet, die uns stabil unter allen klimatischen Bedingen mit Nahrung versorgen. Die Menschheit als Art ist nicht mehr gefährdet, wäre es auch nicht, wenn wir weitere Forschungen und technologische Entwicklungen einstellen würden.

Man kann nicht einmal sagen, dass es dem Menschen angeboren wäre, auch noch den letzten seiner Mängel zu sehen und durch eine neue Veränderung der Umweltbedingungen, genauer gesagt, durch immer wieder neue Schaffung neuer Bedingungen, zu beseitigen. Nicht nur gibt es lange Phasen in der Entwicklung der Menschheit, in der die Menschen sich durchaus und recht gut für viele Generationen in der Wirklichkeit eingerichtet hatten, ohne offenbar den Wunsch zu verspüren, etwas Wesentliches daran zu ändern.

Nicht nur kennen wir in entlegenen Gegenden des Erdballs inzwischen Völker, die mit der Welt, wie sie sie erleben, zufrieden sind. Auch in unserer modernen westlichen Zivilisation sind ja viele Menschen bereit, die Dinge so hinzunehmen, wie sie sind und scheuen eher Neuerungen, selbst wenn sie Erleichterungen versprechen. Schon Shakespeare beklagte bekanntlich, dass wir die Nöte, die wir haben, lieber ertragen, als zu unbekannten zu fliehen.

Stillstand soll Rückschritt bedeuten

Wir müssen uns dieser Differenzierung innerhalb der menschlichen Gesellschaft zunächst einmal bewusst sein. Insbesondere wenn wir versuchen, neue Technologien voranzubringen und die faszinierenden Ergebnisse der Ingenieurskunst, deren Chancen und Möglichkeiten wir mit leuchtenden Augen vor uns sehen, im großen Maßstab umzusetzen auf eine Weise, die viele Menschen betreffen wird und die Veränderungen im alltäglichen Leben für jeden, ob er diese gewollt hat oder nicht, mit sich bringen werden.

Es ist auch gut, sich zuerst einmal einzugestehen, dass es keinerlei objektive Notwendigkeit für den Fortschritt und die zunehmende Technologisierung des Alltages gibt. Dass es durchaus nicht mehr als die eigene Neugier und Begeisterung für neue Lösungen ist, gepaart mit eigenen ökonomischen Interessen, die die Entwicklung neuer Systeme antreibt, und dass diese Neugier und Begeisterung nicht zwingend von jedem Menschen geteilt werden muss. Dass es auch legitim sein kann, sich in der Welt, wie sie ist, einzurichten und das, was der innovative Ingenieur als lösbares Problem sieht, als Widrigkeit der Welt zu akzeptieren.

Heute, das ist aber ganz fraglos der Fall, hat in vielen Gegenden der Welt, vor allem in Europa und Nordamerika, aber inzwischen auch in weiten Teilen Asiens, der Fortschritt die öffentliche Debatte auf seiner Seite. Mag es hier und da auch bei einzelnen Themen laute Skeptiker geben, so besteht doch weitgehend Konsens darüber, dass Probleme dazu da sind, sie zu lösen. Dass Stillstand Rückschritt bedeutet und es inhuman wäre, Sorgen und Nöte gerade von kleinen Gruppen innerhalb der Gesellschaft nicht zur Herausforderung für alle zu machen.

Zwiespältige Situation

Fortschritt ist ein positiver Wert, Stillstand will keiner. Wir wollen ausschreiten und nicht ausharren. Politiker und Experten, deren Standpunkte und Ziele wir über die Medien erfahren, sind sich darüber, wenigstens auf einem sehr allgemeinen Niveau, einig. Differenzen bestehen allenfalls in den konkreten Prioritäten und Details sowie in der Frage der Finanzierbarkeit. Im privaten Alltag sieht die Sache schon anders aus. Nicht jeder will ein Smartphone haben, in den sozialen Medien dabei sein, sich auf das Funktionieren GPS-gestützter vernetzter Leitsysteme verlassen.

Es gibt ein unterschwelliges Unbehagen gegen die Abhängigkeit von solchen technischen Netzen, und dieses Unbehagen ist in seinen Auswirkungen umso unkalkulierbarer, desto weniger es eine Stimme in der Öffentlichkeit hat.

Die Freunde und Vertreter der Fortschritts geraten dann leicht in eine zwiespältige Situation, in der sie auf der einen Seite, durch die Medien und die Kommunikation in der eigenen Community, stets das eigene Weltbild von der fortschrittsfreundlichen Gesellschaft bestätigt bekommen – auf der anderen Seite aber ganz konkret mit dunklen, unverständlichen Widerständen zu kämpfen haben.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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