Ich bin der Jesus Christus der Politik. Silvio Berlusconi

Wortwörtlich

Wie können wir miteinander debattieren, wenn wir unterschiedliche Definitionen für Begriffe haben? Eine Spurensuche.

„Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein“ lässt Goethe seinen Mephisto zu Fausts Schüler sagen. Und er fährt fort: „Mit Worten lässt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten…“ Solche Streits mit Worten, bei denen Begriffe fehlen, erleben wir auch heute noch tagtäglich, an Kneipentischen und in sozialen Medien hauen wir uns Worte um die Ohren ohne uns auch nur im geringsten darum zu scheren, ob denn da auch ein Begriff sei.

Schon in diesem Moment müssen wir zum ersten Mal innehalten und uns fragen, was denn so ein Satz wie der soeben hingeschriebene überhaupt besagt. Was ist überhaupt gemeint, wenn wir von einem „Begriff“ reden. Ist ein Begriff denn mehr als ein Wort? Oder sind Begriffe spezielle Wörter? Auf welche Weise können wir das herausfinden? Die Philosophen haben sich die Köpfe darüber zerbrochen, und die Lexika sind voll von Erklärungen und Definitionen. Wir könnten dort nachschlagen und herauszufinden versuchen, was denn nun ein „Begriff“ ist und was ihn vom „Wort“ unterscheidet.

Alltagssprache vs. Diskurssprache

Aber im Alltag sprechen wir einfach miteinander, reihen Wörter zu Sätzen, diskutieren oder informieren, und sind ziemlich sicher, dass wir einander verstehen. Nur manchmal, wenn wir keine Einigkeit erzielen können, beschleichen uns Zweifel, ob ein anderer den Worten die gleiche Bedeutung gibt, ob er den gleichen Begriff im Sinn hat, wenn er ein Wort ausspricht.
Seit langem ist die Meinung verbreitet, dass die Bedeutung von Begriffen irgendwo verbindlich geregelt sein müsste. Lexikonausgaben mit Dutzenden Bänden hatten über Jahrzehnte ihre Existenzberechtigung daher, dass man meinte, die Bedeutung jedes Wortes darin verbindlich nachschlagen zu können.

Findet ein Streit um Begriffe heute im Internet statt, dann wird oft auf ein Online-Lexikon verwiesen, als ob dort verbindlich geregelt wäre, was etwa einen „Turm“ von einem „Hochhaus“ unterscheidet. Natürlich weiß jeder, dass die Wikipedia allenfalls Ergebnisse eines Konsensprozesses zwischen Fachleuten und Laien ist, wie daraus Verbindlichkeit erwachsen sollte, ist völlig ungewiss.

Manche Begriffe werden in Fachsprachen definiert, und bei diesen kann man häufig einen gewissen Imperialismus des betreffenden Fachgebietes über die Bedeutungshoheit seiner privaten Begriffe beobachten. Das Publikum nimmt die klaren Definitionen etwa der Wissenschaften gern auf und meint, es gäbe einen allgemeinen Zwang, diese Begriffsbestimmungen, die für einen ganz eingeschränkten, sozusagen privaten Zweck gemacht worden sind, auf alle Bereiche der Kommunikation auszudehnen.

So hat sich die Physik etwa ganz spezielle Begriffe mit den Namen „Kraft“ oder „Energie“ gemacht. Aber warum sollten diese speziellen Begriffe, die selbst nur Anleihen und Vereinfachungen alter, weiter, vielschichtiger Begriffe sind, nun für jeden Lebensbereich verbindlich sein? Das würde unsere Sprache unnötig ihrer Vielfalt berauben.

Braucht man klare Definitionen für schwierige Sachverhalte?

Eine andere Quelle solcher vorgeblich verbindlichen Definitionen sind die Gesetzbücher. In einer früheren Kolumne schrieb ich über Differenzen zwischen „Eigentum“ und „Besitz“. In der Diskussion wurde an verschiedenen Stellen kritisiert, dass die Bedeutung der Begriffe in der Kolumne nicht mit der, die das Bürgerliche Gesetzbuch vorschreibt, übereinstimmen. Aber warum sollte sich eine Kolumne an die Begriffe halten, die ein Gesetzbuch für die Regelung von Vertragsverhältnissen benötigt?

Das Verfassungsgericht selbst hat in seinem berühmten Urteil zur Meinungsfreiheit bezüglich der Aussage „Soldaten sind Mörder“ darauf hingewiesen, dass es zur Beurteilung der Bedeutung des Satzes, und vor allem des Begriffs des Mordes, nicht auf die Definition des Begriffs im Gesetzbuch ankommt, da dessen Bedeutung im alltäglichen Sprachgebrauch eben von der der juristischen Fachsprache abweicht.

Aber braucht man nicht klare Definitionen um sich überhaupt über schwierige Sachverhalte verständigen und einigen zu können? Man kann es auch genau umgekehrt sehen. Klare Begriffe werden der Komplexität der Realität gerade nicht gerecht, man kann sich ewig darüber streiten, ob ein Sachverhalt, den man im menschlichen Zusammenleben beobachtet, mit einem klar definierten Begriff zutreffend beschrieben ist, ob die Dinge, die in der Welt passieren, den klaren Begriffen entsprechen. Aus einer Diskussion um die Sache wird dann schnell, ein Streit um Worte. Das macht die Klärung von Begriffen jedoch nicht überflüssig, denn man kann natürlich, wenn man spürt, missverstanden zu werden, darüber sprechen, mit welcher Bedeutung der andere die Worte versieht, und warum. Ziel ist dann nicht, die richtige Bedeutung des Begriffs zu finden, sondern mehr Klarheit in die Sache zu bringen, um die es eigentlich geht.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich: Ernten, was sie säen

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