Magersucht wird nicht ernst genommen. Nora Burgard

Dem Rauschen lauschen

Die plötzliche Entdeckung des Berliner Asyl-Protestcamps als mediales Thema zeigt vor allem eins: Empörung im Internet reicht nicht aus, um tatsächlich etwas zu bewegen. Das liegt an der Art der digitalen Vernetzung und Empörungskultur.

Auf welche Weise die Ereignisse auf der Straße, die herkömmliche mediale Öffentlichkeit und die politischen Aktivisten – welche sich vor allem in den sozialen Netzen des Internets organisieren – sich gegenseitig beeinflussen, wurde in den vergangenen Tagen durch die Ereignisse rund um ein paar Asylbewerber, die sich am Brandenburger Tor in Berlin versammelt hatten, eindrucksvoll demonstriert.

Doppelte Standards

Ein paar Handvoll Asylbewerber hatten sich im Oktober auf einen Fußmarsch in die Hauptstadt begeben, um auf die ihrer Ansicht nach unzumutbaren Bedingungen aufmerksam zu machen, unter denen sie während des Asylverfahrens in Deutschland zu leben hätten. In Berlin angekommen, wurden vor allem einige Aktivisten der Piratenpartei auf die Demonstranten aufmerksam. Es überrascht nicht, dass sie sich spontan mit den Asylbewerbern solidarisierten. Im Netz, insbesondere bei Twitter, schlug die Empörung über den Staat und insbesondere über die Polizei schnell hohe Wellen. Bezeichnend dabei ist, dass diese Empörung offenbar weitgehend ohne fundiertes Wissen über die tatsächlichen Bedingungen in Asylbewerberheimen, über die Gründe für die kritisierten Einschränkungen für Asylbewerber sowie über die konkreten Schicksale der tatsächlichen Demonstranten auskam.

Natürlich gibt es im Internet jede Menge Webseiten, die die Unmenschlichkeit des deutschen Asylverfahrens, die Unwürdigkeit der Unterbringungen für Bewerber sowie die angebliche Gewalttätigkeit deutscher Beamter, insbesondere Polizisten, gegenüber den Asylbewerbern anprangern. Allerdings sind unter diesen Berichten nicht nur unabhängige Recherchen zu finden. Häufig gibt es zwar Interviews, in denen Betroffene ihre Erlebnisse schildern, aber keine Rückfragen oder Gegendarstellungen von Seiten der so beschuldigten Beamten. Solche Berichte werden mit gleicher Selbstverständlichkeit als glaubwürdig herangezogen wie fundierte Analysen und Recherchen.

Es ist innerhalb der Internet-Empörungskultur offenbar Konsens, dass diejenigen, die sich als vom Staat unterdrückt und gedemütigt darstellen, grundsätzlich vertrauenswürdig sind, dass ihnen keinerlei Interessen zu unterstellen sind, die die Glaubwürdigkeit ihrer Berichte fragwürdig machen würden, und dass andererseits gerade Berichte über unmenschliches Handeln der deutschen Staatsbediensteten zutreffend sein müssen. Das ist so fraglos selbstverständlich, dass teilweise schon ein vorsichtiges Rückfragen über die Sicherheit der Informationsquelle als unverständlich und moralisch bedenklich zurückgewiesen wird.

Twitter-Rufe nach warmer Kleidung

So fand sich also schnell ein virtuelles Unterstützernetzwerk, das seine Verbindung zur Straße, hier zu den Ereignissen vor dem Brandenburger Tor, durch ein paar Piraten-Politikerinnen und Netzwerkaktivisten hatte, die sich mit Twitter-Rufen nach warmer Kleidung und heißem Wasser an die Unterstützergemeinde wandten.

Trotzdem blieb die ganze Aktion weitgehend unbemerkt. So wie sich möglicherweise ein paar Passanten und Touristen kurz über das merkwürdig aussehende und von Polizisten beobachtete Grüppchen am Pariser Platz wunderten, so wird der eine oder andere Twitterer, der keine besonders enge Verknüpfung mit der Piratenpartei pflegt, hier und da einen Empörungs-Tweet bemerkt und dann doch wieder andere Meldungen interessanter gefunden haben.

Das gilt jedoch selbstverständlich nicht für den eng vernetzten inneren Kreis der Piraten und politisch aktiven Netzaktivisten. Umso mehr sie das geringe Interesse der übrigen Gesellschaft und der Öffentlichkeit an der überschaubaren Aktion bemerkten, desto größer wurde ihre moralische Empörung. Aber gerade ihre eigene enge Vernetzung untereinander, die zusammengehört mit einer nahezu verschwindend geringen Vernetzung mit denen, denen man politisch nicht nahe steht, führt zu einer Selbst-Täuschung: Das, was man einander im eigenen Netz immer wieder als wichtigste Sache des gegenwärtigen Handelns bestätigt, wird von den anderen, die außerhalb dieses Netzes stehen, quasi gar nicht bemerkt. Im eigenen Netz tost die Empörung, und außen gehen die anderen lachend und teilnahmslos vorbei.

In dieser Situation riefen die Netzaktivisten nach den Medien, und das ist wirklich bemerkenswert: Nicht die Empörung im Internet bewegt irgendetwas im politischen Raum, so haben diese Ereignisse gezeigt, sondern sie schaffen dies nur dann, wenn sie in den herkömmlichen Medien eine Resonanz auslösen, sodass auch diese über das Ereignis zu berichten beginnen und somit eine Öffentlichkeit überhaupt erst herstellen.

Im eng begrenzten Raum der Gleichdenkenden

Das liegt nicht etwa daran, dass eben noch nicht genug Menschen das Internet zur politischen Information nutzen, im Gegenteil, die Öffentlichkeit wurde ja in den folgenden Stunden vor allem über die Internetseiten der Fernseh- und Rundfunksender und der Zeitungen hergestellt. Die Netzaktivisten sind eben vor allem untereinander vernetzt, mit ihresgleichen, und sie erreichen in ihren Netzen immer nur sich selbst. Dort, in dem eng begrenzten Raum der Gleichdenkenden, kann die Empörung umso höher kochen, desto weniger sie durch die kritische Zwischenfrage des Andersdenkenden geschwächt wird.

Warum aber haben sich die Journalisten der Zeitungen und Sender plötzlich auf das Thema eingelassen? Sie sind selbst einer Täuschung erlegen, der vorgetäuschten Relevanz der Internetdebatte. Journalisten folgen im Netz vor allem politischen Aktivisten. Vor allem Twitter ist ein gutes Medium, um schnell zu erfahren, was gesellschaftskritische Leute interessiert. An die Stelle der aktiven Recherche von Themen, die Menschen bewegen, kann auf diese Weise das Lauschen auf die Wellen des Stroms, des Nachrichten-Streams treten. Aber das Anschwellen des Rauschens ist nicht unbedingt der Wichtigkeit einer Sache zu verdanken, es kann sich auch um ein Resonanzphänomen in einem allzu engen, allzu homogenen Raum handeln. Journalisten sollten sich dieser Gefahr bewusst sein, damit sie nicht selbst zum Medium, zum Verstärker solcher Resonanzen hin zur Öffentlichkeit degenerieren.

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