Macht ist das stärkste Aphrodisiakum. Henry Kissinger

Die neuen Marxisten

Experten fordern, dass wir uns an die neue Welt des Internets anpassen sollen. Mit dieser Argumentation lassen sie an Marx denken – und übersehen das Wesentliche.

Man könnte inzwischen wahrscheinlich Bücherschränke füllen mit Werken zu der Frage, wie das Internet unser Leben, unser Denken, unsere Art zusammenzuleben verändert hat, und die Zahl der Vorträge, die gehalten, der Artikel, die geschrieben werden, um die Veränderungen zu beschreiben, die das Internet ausgelöst oder angestoßen hat, dürfte inzwischen kaum noch zu zählen sein.

Fernsehsendungen erklären uns die Veränderungen und Gefahren, die vom Internet ausgehen und geben uns Tipps, wie wir uns in dieser neuen Welt, die aus dem Internet kommt, schützen können, wie wir den Fallen des Netzes entgehen können, oder wie wir die neuen Möglichkeiten, die das Internet bietet, nutzen können.

Denken und Handeln verändert das Internet

Sowohl die Mahner als auch die Ermutiger stellen das Internet dabei als etwas dar, was irgendwie gekommen ist und immer mächtiger wird, und das unser Leben ändert, ob wir es wollen oder nicht. Wir müssen uns ändern, weil das Netz unsere Welt verändert.
Aber ist das wirklich so?

Nein, hier soll nicht der Gedanke vertreten werden, dass man sich den Veränderungen auch verweigern könnte, dass man seine Bücher auch im Laden kaufen kann, statt sie online zu bestellen, dass man ohne E-Mail-Adresse und Twitter-Account durchs Leben kommt.

Natürlich wird über kurz oder lang fast jeder Mensch das Internet nutzen und damit umgehen lernen, und die meisten werden dies bald mit einem mobilen Gerät von fast jedem Ort der Erde aus tun.
Hier geht es um etwas anderes, viel Grundlegenderes. Nicht das Internet ändert unser Denken und unser Handeln, sondern umgekehrt, weil sich, lange vor der Erfindung von Netzwerkprotokollen und Rechnerarchitekturen, das Denken und Handeln verändert hat, haben wir uns das Internet geschaffen.

Die vernetzte Vernunft ist nicht die Folge der Vernetzung von Computern, sondern weil die Vernunft sich vernetzt hat, hatte sie das Bedürfnis, sich eine Technik zu erschaffen, die diese Vernetzung des Denken und Tuns unterstützt, perfektioniert, sicher macht und beschleunigt.

Die Idee, dass das Internet unser Denken verändert, ist genau genommen ein später Nachhall der Dialektik von Basis und Überbau, von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, vom Sein, das das Bewusstsein bestimmt, eine Philosophie, die Karl Marx vor anderthalb Jahrhunderten ausgedacht hat, als er meinte, er würde die Hegel’sche Dialektik „vom Kopf auf die Füße stellen“. Bei Marx entwickeln sich die Produktivkräfte mit einer Selbstverständlichkeit und Unabänderlichkeit ganz unabhängig vom menschlichen Wollen und Wünschen, dass sie wie Naturkräfte anzusehen sind. Dem menschlichen Wollen und Tun bleibt nichts übrig, als sich diesem Entwicklungsprozess anzupassen, ihn zu erkennen, zu verstehen und vielleicht ein wenig zu gestalten, seine Chancen zu nutzen und mit seinen Risiken zu leben.

Die Kommunikationstechnologien und die Computertechnik sind in so einem Bild nur weitere Schritte in der Entwicklung der Produktivkräfte – und das Denken muss sich ihm anpassen. Alle, die uns die Veränderung unseres Denkens durch das Internet erklären wollen, sind in ihren tiefsten Überzeugungen von den großen Zusammenhängen unserer Wirklichkeit offenbar Marxisten.

Aber wir wissen auch, dass nicht jede technische Entwicklung, auch wenn sie effektiv, nützlich und großartig daherkommt, stärker wird und sich mit naturgesetzlicher Macht ausbreitet. Viele großartige Apparate fanden keinen Markt, und viele faszinierende Netzdienste gingen wieder zugrunde, sonst wäre die Dot-Com-Blase nie geplatzt.

Auf altes Wissen besinnen

Nur die Technologien entwickeln sich, für die es ein Interesse gibt, die auf ein Bedürfnis treffen. Das Bedürfnis ist deshalb die Voraussetzung der Entwicklung einer neuen Technik, und nicht umgekehrt. Man sagt zwar manchmal, dass Technik Bedürfnisse befriedigt, die zuvor gar nicht da waren, aber das ist ein Trugschluss, genauer gesagt, eine Vorstellung von Bedürfnissen, die im wahrsten Sinne des Wortes an der Oberfläche bleibt. Natürlich hatte niemand das Bedürfnis, zu chatten, bevor der erste Chatroom im Internet eingerichtet war, aber das Bedürfnis, mit fremden Menschen zu kommunizieren und dabei die eigene Identität zu verbergen, musste schon da sein, sonst wüsste mit einem Chatroom niemand etwas anzufangen. Jeder Maskenball befriedigt seit Jahrhunderten dieses Bedürfnis, das sich im Chatroom nur einen neuen, perfekteren, stets verfügbaren, preiswerten Ort geschaffen hat.

Wann die vernetzte Vernunft wirklich entstanden ist, kann man wohl nicht sicher sagen, jedenfalls hat sie lange geschlummert. Sie ist vielleicht schon immer da gewesen, hat sich in denen gezeigt, die die ersten Wege zwischen entfernten Orten gebahnt haben, die zuerst fremde Sprachen lernen wollten. Die Wissenschaftler der frühen Neuzeit waren in ganz Europa vernetzt und sie haben das Bedürfnis zum Austausch von Informationen und Erfahrungen gepflegt, bis der Straßenbau, das Telegrafennetz und das Telefon gezeigt haben, dass dieses Bedürfnis bei vielen Menschen längst vorhanden war. Diese Bedürfnisse sind ebenso alt wie der Wunsch, sich verstellen zu können, unerkannt Teil einer Gemeinschaft zu sein, oder auch der Drang, andere Menschen zu täuschen, zu betrügen, Macht über sie auszuüben, Netze von Macht und gewaltsamer Unterdrückung zu knüpfen.

All diese Bedürfnisse, Wünsche, Ziele finden im Internet eine neue Erfüllung. Deshalb wächst das Internet, und deshalb begegnen uns dort die alten Gefahren, Risiken, Chancen und Möglichkeiten, auch wenn sie zuerst fremd sind und uns als neu, aus dem Netz geboren erscheinen. Das Netz hat sie nicht hervorgebracht, es gibt ihnen nur ein neues Gesicht.
Und da das Netz uns nur oberflächlich und nicht in der Tiefe verändert, da es nur entstanden ist aus Wünschen und Zielen heraus, die wir lange schon kennen, müssen wir uns auch nicht wirklich verändern, wir müssen uns nur auf unser altes Wissen besinnen und früh gelernte Grundregeln neu anwenden.

So, wie unsere Urahnen nicht alles glaubten, was Abenteurer von ihren Reisen berichteten, so wie wir nicht alles glaubten, was in den Zeitungen stand, so misstrauen wir auch den Informationen aus dem Netz. Wir hatten früher Gründe, zu vertrauen und zu misstrauen, und diese Gründe gibt es noch immer. Die Eltern früher schärften ihren Kindern ein, nicht mit fremden Männern mitzugehen, und das gilt auch, wenn im Chat ein Fremder das Kind in einen „privaten Chatroom“ lockt. Daran ist nichts Neues.

Nicht den neuen Propheten glauben

Die Rede davon, dass das Internet unser Denken, unsere ganze Welt verändert, ist auf den ersten Blick plausibel, denn an der Oberfläche sieht unser Leben mit dem Netz ganz anders aus als in den Jahrzehnten vor der Erfindung von Web, Smartphone und E-Mail. Aber das Netz ist in Wahrheit nur Folge von Wünschen, Zielen und Begehren, die uns lange vertraut sind. Deshalb müssen wir auch nicht den neuen Propheten glauben, die sich als Experten ausgeben und uns den Weg durch die gefährliche neue Welt weisen wollen. Auch die kennen wir schon lange, sie zeichnen uns Schreckensbilder von Gefahren und raunen von einem besonderen Wissen, das sie selbst in entbehrungsreichen Studien und durch schmerzhafte Erfahrungen gelernt haben, und von denen wir lernen sollen. Warum solche Propheten durch die Welt ziehen, wissen wir eigentlich auch schon lange.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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