Die Rente ist sicher. Norbert Blüm

Im Namen der Juristen und Lehrer

Parlamente in Europa bestehen fast nur aus den gleichen Berufsgruppen – die Kreativität bleibt dabei auf der Strecke.

In den Lokalmedien meines Wohnortes wurde dieser Tage mitgeteilt, dass der CDU-Kreisvorsitzende entgegen den Erwartungen nicht für den Bundestag kandidieren werde. Als Grund gab er an, dass er sein mittelständisches Unternehmen während des Wahlkampfes nicht ausreichend weiter führen könnte. Ein Parteifreund wurde mit den Worten zitiert: „Es ist schwierig, ein Mandat zu übernehmen, wenn man nicht im öffentlichen Dienst ist.“ Dieser Satz, so wenig überraschend er ist, muss zu denken geben. Einen Wahlkampf zu führen, kostet Zeit und Kraft, erst wenn man dann Abgeordneter ist, wird dieser Aufwand durch eine angemessene Vergütung ausgeglichen. Trotzdem bleibt die Übernahme eines Parlamentssitzes für Selbständige genauso wie für Mitarbeiter privater Unternehmen ein Risiko: Die Dauer des Mandates ist begrenzt, die Rückkehr in das frühere Erwerbsleben nach der Zeit im Parlament ist ungewiss.

In Deutschland ist etwa jeder vierte Bundestagsabgeordnete Jurist, diese Berufsgruppe wird gefolgt von Lehrern und anderen Angehörigen des öffentlichen Dienstes. In der französischen Nationalversammlung ist die Situation ganz ähnlich. Sieht man sich an, welchen Tätigkeiten die Abgeordneten vor ihrer Wahl ins Parlament nachgegangen waren, wird die Differenz zwischen der Berufsverteilung der Abgeordneten und der des Volkes, das sie vertreten, noch offensichtlicher: Die meisten Bundestagsabgeordneten waren vor ihrer Wahl entweder hauptamtliche Funktionäre von Parteien, Verbänden oder Gewerkschaften oder sie waren im öffentlichen Dienst tätig.

Juristen lösen Probleme anders

Man könnte den Standpunkt vertreten, dass der Beruf des Abgeordneten sekundär ist. Volksvertreter sollen, so könnte man argumentieren, nicht einen möglichst repräsentativen Querschnitt aus der Bevölkerung bilden, sondern die Interessen dieser Bevölkerung eben vertreten, sie müssen nicht repräsentativ für das Volk sein, um es zu repräsentieren. Möglicherweise sind die Vertreter bestimmter Berufsgruppen besonders für diese Repräsentation geeignet – sodass es im Interesse der Vertretenen ist, dass derart Qualifizierte auch zu Abgeordneten werden. Auch das Vertreten des Volkes muss gelernt werden, und eine Ausbildung zum Juristen, zum Politikwissenschaftler oder zum Pädagogen, gefolgt von einer Berufslaufbahn in Organisationen, die zum Vertreten geschaffen wurden, qualifiziert in besonderer Weise dazu. Jeder Rechtsanwalt vertritt ja seine Mandanten, unabhängig davon, ob er selbst ein ähnliches Leben wie dieser führt

Aber die Sache hat einen Haken: Es geht nicht nur darum, dass das Volk repräsentiert wird, sondern, wie das geschieht. Im Parlament sollen politisch Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen gefunden werden. Dabei sind – unabhängig vom konkreten Fall, immer zwei Fragen zu beantworten: Welche Probleme benötigen überhaupt eine politische Lösung, welcher Fragen muss sich das Parlament annehmen? Und: Wie sehen politische Lösungen grundsätzlich aus, welche Lösungsstruktur wird vom Parlament angestrebt?

Wir erleben in Kontinentaleuropa seit Jahren, dass diese beiden Fragen immer wieder auf die gleiche Weise beantwortet werden: Erstens wird alles, was überhaupt das öffentliche Bewusstsein erreicht, einer politischen Regelung zugeführt, sei es das Rauchen in Gaststätten, die kostenpflichtige Wartezeit bei der Telefon-Hotline oder die Sterbehilfe. Die Parlamentarier scheinen unfähig, öffentlich bekannte Probleme überhaupt als nicht-politisch zurückzuweisen. Zweitens: Politische Lösung, d.h. heute in Europa zumeist: eine möglichst detaillierte Regelung aller denkbaren Fälle, die in einer Verordnung, einer Richtlinie oder einem Gesetz festgehalten wird. Die politischen Vertretungs-Körperschaften mit ihren ministerialen politischen Bürokratien erarbeiten Regelwerke, die jeden Einzelfall abdecken und die man automatisch, ohne individuelle Bewertung des Einzelfalles, nur noch anwenden muss.

Diese politische Praxis passt gut mit der beruflichen Qualifikation der Parlamentarier zusammen. Akademische Ausbildung soll vor allem das Problemlösungsdenken fördern, aber Juristen lösen Probleme anders als Ingenieure, Unternehmer oder Mediziner.

Vielfalt schafft Kreativität

Es liegt jedoch nicht notwendig im Wesen der parlamentarischen Demokratie, dass Juristen und Pädagogen für jede erdenkliche Lebenssituation Regelwerke in Gesetzes- und Verordnungsform bringen. Ein Blick über den Atlantik zeigt, dass Parlamente auch eine andere Berufsstruktur haben können. So finden sich im kanadischen House of Commons je etwa gleich viele Juristen, Manager, Lehrer, Führungskräfte, Berater und Landwirte. Eine solche Vielfalt schafft Kreativität im Finden politischer Lösungen.

Allerdings gibt es kaum einen Grund, optimistisch zu sein, wenn es um die Frage geht, ob sich die Berufs- und Qualifikationsstruktur in kontinentaleuropäischen Parlamenten verändern ließe. Denkbar wäre das nur im Rahmen einer gründlichen Umgestaltung der politischen Strukturen, in deren Rahmen die Menschen ihre politischen Belange zunächst selbst wieder in die Hand nehmen anstatt sich von – durchaus ehrlich bemühten – Advokaten vertreten zu lassen, die durch Sozialisierung und Ausbildung nur Wege gehen können, auf denen die Lösungen der anstehenden Probleme nicht erreicht werden können.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich: Auf Schatzsuche

Leserbriefe

Aus der Kolumne

Arte-Fakten

Auf Schatzsuche

Big_d4168bf6e4 1

Technik verändert unser Verständnis schulischer Bildung. Doch was jetzt vermeintlich unnütz scheint, sollten wir erst recht lehren und lernen.

Small_625704e22f
von Jörg Friedrich
19.05.2013

Fort, nur fort

Big_652cf44c88 4

Fortschritt ist ein positiver Wert, Stillstand will keiner. Wir wollen ausschreiten und nicht ausharren. Kaum einer stellt sich dem noch entgegen und hält inne.

Small_625704e22f
von Jörg Friedrich
12.05.2013

Eine unendliche Geschichte

Big_d4cbab0b3b 8

Seit Jahrzehnten tobt das politische Possenspiel um ein Endlager für Atommüll. Dabei ist es eigentlich logisch, dass es so etwas wie ein Endlager nicht geben kann.

Small_625704e22f
von Jörg Friedrich
05.05.2013

Mehr zum Thema: Deutscher-bundestag, Kreativitaet, Berufspolitiker

Kolumne

Medium_948f5a817d
von Sebastian Pfeffer
21.03.2013

Debatte

Urteil des Bundesverfassungsgerichts

Medium_0f7ee2c522
4

Politik, nicht Justiz

Die Politik kann sich nicht länger aus der Verantwortung stehlen. Sie darf es nicht, die Karlsruher Richter können nicht jeden Fehler beheben. weiterlesen

Medium_479ecd52ac
von Friedrich Thelen
17.09.2012

Debatte

Letzte Rettung in Karlsruhe

Medium_ea189f60b2

Lass sich retten wer kann

ESM und Fiskalpakt bedrohen die Souveränität des Parlaments. Nur das Bundesverfassungsgericht kann den Bundestag noch vor sich selbst schützen. weiterlesen

Medium_0b2d3dcfb7
von Jens Petermann
04.08.2012
meistgelesen / meistkommentiert