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„Gene sind kein Schicksal“

Die Macht der Gene wird überbewertet, findet der Wissenschaftsautor Jörg Blech. Viel wichtiger sind Umwelteinflüsse; genetisch kodiertes Schicksal gibt es nicht. Mit Jörg Blech sprach Martin Eiermann.

The European: Sie schreiben in Ihrem Buch “Gene sind kein Schicksal”, körperliche Aktivität, aber auch zwischenmenschliche Beziehungen prägten das Erbgut. Heißt das, dass man durch viele Freunde und regelmäßigen Sport zu einer anderen Person wird?
Blech: Ein Stück weit schon. Wer eine unbeschwerte Kindheit verbringt, ist später im Leben besser gegen Stress gefeit. Und körperliche Bewegung bewirkt, dass im Hippocampus vermehrt neue Nervenzellen entstehen. Dieser physiologische Effekt entspricht einem pharmakologischen Effekt: Es geht einem seelisch besser, man ist besser drauf. Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen mit leichten Depressionen regelmäßig schnell spazieren gehen oder 30 Minuten Sport treiben können, anstatt Tabletten zu schlucken. Und das Spannende ist: Diese Effekte werden offenbar über sogenannte epigenetische Prägungen vermittelt. Das heißt konkret: Es gibt Schalter am Erbgut, die als Bindeglied zwischen der Außenwelt und der Innenwelt dienen. Erlebnisse in der Kindheit und stressige Situationen wirken auf diese Schalter und beeinflussen, ob bestimmte Gene angeschaltet oder ob sie ausgeschaltet werden.

The European: Das klingt, als ob Erfahrungen vererbt werden können. Im 19. Jahrhundert wurde der Agronom Trofim Lyssenko mit Pflanzenversuchen berühmt, die das angeblich bewiesen hatten. Heute ist das wissenschaftlich nicht mehr haltbar.
Blech: Lyssenko ist zurecht diskreditiert. Wenn ich von epigenetischer Vererbung in meinem Buch spreche, dann bezieht sich das immer auf Körperzellen – und nicht auf die Keimzellen. Die Art und Weise, wie wir leben, hinterlässt Spuren auf unserem Erbgut. Die Art und Weise, wie ich meinen Körper behandle, führt dazu, dass ich auch mitbestimmen kann, inwiefern sich meine Gene entfalten oder nicht. Das betrifft meine Körperzellen. Aber diese Spuren werde ich nicht in die nächste Generation vererben.

“Herr Sarrazin hat die Sache offenbar falsch verstanden”

The European: Ist der klassische Darwinismus damit überholt?
Blech: Nein, eben nicht. Die Epigenetik basiert auf der Genetik und steht nicht im Widerspruch zur Evolutionslehre. Die Epigenetik ist aber ein eigener Mechanismus, wie die Zellen besonders schnell auf die Umwelt reagieren können. Man vermutet, dass sich epigenetische Prägungen genau aus diesem Grund in der Evolution bewährt haben.

The European: In seinen umstrittenen Thesen behauptet Thilo Sarrazin, Intelligenz sei zu 50 bis 80 Prozent erblich. Können Sie dieser Aussage zustimmen?
Blech: Herr Sarrazin hat die Sache offenbar falsch verstanden, und zwar so: Wenn ein Mensch 100 Worte weiß, dann kennt er 80 davon aufgrund seiner Gene. Das sagt die Forschung aber nicht. In ihr geht es nicht um die absolute Intelligenz eines Individuums, sondern um die Unterschiede in der Intelligenz zwischen Vergleichspersonen. Man kann sagen, dass ungefähr 50 Prozent der messbaren Intelligenzunterschiede genetisch bedingt sind. Das heißt konkret: Wenn man an eine Eliteschule geht – und davon ausgehen kann, dass alle Schüler dort unter ähnlichen Umweltbedingungen leben – und sich die Leistungsunterschiede anschaut, dann ist es so, dass auch die Gene für diese Unterschiede eine Rolle spielen. Wenn man aber Kinder aus schwierigen Verhältnissen untersucht, dann sieht man, dass sich die Intelligenzunterschiede nicht an den Genen festmachen lassen, sondern vor allem an den Umweltumständen. Kinder aus schwierigen Verhältnissen haben zu wenige Mindestreize aus der Umwelt, um das Potenzial ihres Gehirns ausschöpfen zu können. Beim IQ-Vergleich von Kindern aus einer Brennpunktschule mit Kindern aus einer Eliteschule wird man Unterschiede sehen. Aber diese IQ-Unterschiede sind nahezu zu 100 Prozent auf die unterschiedlichen Umwelten zurückzuführen – und eben nicht auf die Gene.

The European: Wie würden Kinder auf systematische Förderung reagieren?
Blech: Man weiß mittlerweile, dass die Intelligenz viel formbarer ist als gedacht. Menschen brauchen einen Input, nur dann können sich ihre Nervenzellen richtig entwickeln. Das hat nicht nur mit epigenetischen Prägungen zu tun, sondern auch mit Verbindungen zwischen den Nervenzellen, dem Prozess des Lernens. Dies zusammen führt dazu, dass ein Kind in einer guten Bildungsumgebung regelrecht aufblüht. Der gemessene durchschnittliche IQ in der westlichen Welt ist in der Vergangenheit dramatisch gestiegen, etwa um drei IQ-Punkte pro Jahrzehnt.

“Gene sind kein Schicksal”

The European: Geisteswissenschaftler stehen der Biologie oft kritisch gegenüber. Sie schreiben jetzt, dass die Epigenetik eine Art Vereinigung von Natur- und Geisteswissenschaften darstellt.
Blech: Das Zusammenwachsen der beiden Kulturen in eine dritte Kultur ist die Folge der Fortschritte in der Molekularbiologie. Man hat chemische Markierungen auf dem Erbgut erkannt, deren Rolle früher nicht genau verstanden worden war. Damit ist nun das Bindeglied entdeckt, an dem sich die Außenwelt auf die Innenwelt überträgt. Früher dachte man immer in zwei Welten: auf der einen Seite die Gene und auf der anderen die Kultur. Das ist überholt, denn die Kultur wirkt auf die Gene und kann deren Arbeitsweise beeinflussen.

The European: Ist Nietzsches Idee des “neuen Menschen” als selbstbestimmtes Individuum attraktiv für Sie?
Blech: Für mich geht es nicht um die Frage der Attraktivität. Vielmehr gilt es doch zu ergründen, was aus der Naturwissenschaft folgt: Obwohl die Biologie den Rahmen absteckt, kann sich der Mensch innerhalb dieses Rahmens stark verändern. Gene sind kein Schicksal.

The European: Wie viel Verantwortung habe ich für meine Gesundheit, meine Intelligenz?
Blech: Es ist schwierig, eine genaue Zahl zu finden, ich würde aber sagen, dass wir großen Einfluss nehmen können. Früher hieß es immer, die Gene bestimmen das meiste, was Ärzte so ausdrückten: Wenn Sie alt werden wollen, suchen Sie sich Ihre Eltern mit Sorgfalt aus. Diese genetische Sichtweise ist überholt. Studien zeigen, dass Nichtrauchen, vernünftige Ernährung und regelmäßige Bewegung das Leben um statistisch 14 Jahre verlängern können. Studien an adoptierten Kindern zeigen, dass der IQ des Kindes um durchschnittlich 12 Punkte steigt, wenn es in eine Familie kommt, die Wert auf Bildung legt.

The European: Leiten sich daraus auch konkrete politische Forderungen ab?
Blech: Es wäre ein Trugschluss, zu glauben, dass die Gene uns bestimmen. Bezogen auf die Schulpolitik heißt das etwa: Wenn es politisch gewollt ist, Schüler aller Schichten besser zu fördern, dann wird das zu Ergebnissen führen – die Kinder werden tatsächlich intelligenter.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Juli Zeh: „Ich bin gegen Rauch- und Trinkverbote“

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