Das kommunistische System Kubas ist gescheitert. Joseph Ratzinger

Ein guter Tag

Die Wahlen in Ägypten waren wichtig und richtig - auch wenn manche Demonstranten lieber später abgestimmt hätten. Jetzt hängt es davon ab, wie Moslembrüder und Salafisten, die Wahlsieger, das gefährliche Klima abfangen.

Es war schön, die langen Schlangen vor den Wahllokalen zu sehen am ersten Wahltag. Es war beeindruckend, die Geduld der Ägypter zu erleben, die bis zu fünf Stunden warten mussten, ehe sie ihr Kreuz endlich da machen konnten, wo sie es wirklich machen wollten. Und es war klug von den Ägyptern, zu den Wahlen zu gehen trotz der blutigen Woche zuvor, in der die Sicherheitskräfte bis zu 40 Tahrir-Platz-Demonstranten getötet hatten mit Tränengas, Gummigeschossen oder gezielten Schüssen. Der 28. November – ein guter Tag für Ägypten! Und es wäre fatal gewesen, die Wahlen zu verschieben, wie es einige Tahrir-Platz-Besetzer gefordert hatten, auch wenn sie gute Gründe hatten.

Die Hoffnungen wurden kaum erfüllt

Sie hatten gezweifelt und gefragt: Kann man, ja soll man tatsächlich wählen gehen unter einem Quasi-Militärregime, das verantwortlich ist für Folter, politische Prozesse vor Militärgerichten, Einschüchterung der Presse, das in dem neuen Ägypten einen Sonderstatus für sich fordert, nur um die eigenen Vorteile aus der Mubarak-Zeit hinüberzuretten? Können Wahlen unter diesen Bedingungen tatsächlich frei sein? Die Antwort der meisten Ägypter war: „ja, man kann und man muss“; denn nur so sind sie in der Lage, den nächsten Schritt auf dem komplizierten Weg zur Demokratisierung des Landes zu machen. Selbst viele Neinsager vom Tahrir-Platz sind dann doch wählen gegangen am 28. November, nicht triumphierend und wenig begeistert. Der Revolutionsenthusiasmus ist schon lange verflogen. Auf dem Platz dominieren Zorn und Wut. Im übrigen Land ist die Stimmung gedämpft, ernüchtert, Enttäuschung und Unzufriedenheit drohen überhand zu nehmen.

Von den Hoffnungen des Frühjahrs sind bis zum Herbst viel zu wenige in Erfüllung gegangen. Stattdessen wächst die Not. Eltern wissen bald nicht mehr, wie sie ihre Kinder satt kriegen können, die Preise für Lebensmittel steigen Woche für Woche. Und die Zeitbombe der Jugendarbeitslosigkeit tickt im November noch lauter als im Januar. Jeder dritte Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren hat in Ägypten keinen Job. Das ist die höchste Jugendarbeitslosigkeit, noch vor Tunesien, Algerien und Marokko. Und dabei waren es gerade diese Jugendlichen, die die Revolutionen im Frühjahr mitgetragen hatten, weil sie gehofft hatten, bald werde sich alles zum Guten wenden für sie. Nichts ist passiert.

Als Sieger dieser ersten Wahlrunde des Landes stehen die Moslembrüder wie auch die Salafisten fest – eine Entwicklung, die auch der großen Unzufriedenheit geschuldet sein könnte. Die Partei der Moslembrüder hat die erwarteten 40 Prozent erreicht. Dass die Religionsextremisten, die Salafisten, im Schnitt auf 20 Prozent der Stimmen kommen, war so nicht zu erwarten gewesen und erschreckt einigermaßen.

Klimawandel in Ägypten?

Ihre Wahlkampfrezepte sind schlicht, sie schwadronieren gerne von simplen Lösungen und versprechen viel, damit erreichen sie offensichtlich Menschen in Not. Ob die Islamisten im Parlament tatsächlich Bikini und Bier verbieten werden, wie etliche fordern, ist zweitrangig. Gefährlich für die Zukunft des Landes ist, dass Islamisten kein liberales und freiheitliches Klima zulassen werden. Ob als Kulturwarte, die Kunst auf Korantauglichkeit überprüfen, ob als Sittenwächter, die auch die letzte Frau unter das Kopftuch zwingen, ob als „Religionspolizisten“, die die Kopten drangsalieren oder als Parlamentarier, sie werden versuchen, alles Liberale als dekadent und verwestlicht, vielleicht sogar zionistisch, zu verteufeln.

Dennoch bleibt es für mich erst einmal dabei: der 28. November war ein guter Tag für Ägypten, auch wenn das vorläufige Ergebnis dieser ersten freien Wahlen nach 60 Jahren mir nicht gefällt. Aber, so sagen junge Ägypter hier, es gibt ja noch den Tahrir-Platz.

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