Redefreiheit ist das Leben. Salman Rushdie

Ziviler Ungehorsam

Radikale Wortführer schlagen in der arabischen Welt Alarm und Tausende folgen – Gewalt inbegriffen. Doch der zivile Widerstand gegen die Hass-Prediger wächst.

„Die Amerikaner sind an unseren Problemen schuld!“ Der Mann, der uns dies vor der amerikanischen Botschaft in Kairo in die Kamera brüllte, trug keinen langen Bart und keine über den Fußknöcheln abgeschnittene Galabaya, wie sie die Salafisten für religionskonform halten, drohte nicht mit einem Koran in der Faust und sah noch nicht einmal aus wie ein Moslembruder. Er wirkte wie ein ganz normaler Ägypter in mittlerem Alter, vielleicht ein schlecht bezahlter Staatsangestellter. Er meinte es aber ernst: „Die Amerikaner sind an unseren Problemen schuld, und natürlich die Israelis“, das hatte er noch schnell nachgeschoben, ehe wir unsere Kamera wegschwenkten zu anderen Demonstranten.

Sein Zorn über das Mohammed-Video war ehrlich gemeint, das konnte man spüren, so wie der Zorn der meisten Muslime ehrlicher Empörung entsprang. Man macht sich nicht lustig über den Propheten, man verspottet ihn nicht, schon gar nicht stellt man ihn als Frauenhelden, Kinderschänder (seine Lieblingsfrau Aisha soll noch sehr jung gewesen sein, als er sie heiratete) oder gar als Homosexuellen dar (was ohnehin irgendwie nicht zusammenpasst).

Wer den Propheten beleidigt, der beleidigt alle Muslime. Deswegen gehen sie auf die Straße, friedlich zumeist, aber gelegentlich explodiert der Zorn über die Beleidigung und entlädt sich als Hass auf den Westen im Allgemeinen, auf die USA und Israel im Besonderen. Und was dann herausgeschleudert wird, ist mehr als religiöser Furor, es ist der Zorn über den Lauf der islamischen Welt, über tatsächliche oder vermeintliche Ungerechtigkeit und Demütigungen, die viele Muslime dem Westens wegen dessen Überlegenheit anlasten, über Macht- und Hilflosigkeit der eigenen Gesellschaften, über einen Krieg, den der Westen angeblich gegen den Islam führt, alles versteckt in diesem einen Satz.

Der Verschwörersatz ist weit verbreitet

Dieser Verschwörersatz „Die Amerikaner sind an allem schuld, und ganz besonders die Israelis“ ist nicht neu und sehr verbreitet im Nahen Osten, und verführerisch zudem, weil er vorgibt, alles zu sagen, tatsächlich aber nichts erklärt. Er wird bei vielen Gelegenheiten bemüht und von Politikern und Predigern gezielt eingesetzt. Beliebt zum Beispiel ist die Behauptung, der Westen führe einen Feldzug gegen den Islam. Dieser Satz ist im Nahen Osten so etwas wie ein Totschlagargument, weil er von eigenen Fehlern und selbst verschuldeten Unzulänglichkeiten ablenkt und die Schuld andren gibt. Wenn die Brotpreise steigen, dann sind die Amerikaner schuld und nicht deren miserable Weizenernte oder die noch viel schlechtere Importpolitik der ägyptischen Regierung. Zweifel lässt der Satz nicht zu.

Und deswegen beginnt genau hier die Recherche über die Demonstrationen gegen das Video: bei der Frage, wo endet der ehrliche Zorn, und wo beginnt die fremdgesteuerte Verleitung zu Hass. Und wer verführt da eigentlich und warum? Und schließlich: warum lassen die Muslime das mit sich machen? Warum zucken sie nicht einfach mit der Schulter und ignorieren solche Machwerke? Warum funktioniert derartige Gelassenheit nicht, obwohl sie doch den Provokateur viel härter treffen würde. Zeigt man solchen Menschen die kalte Schulter, laufen sie rot an. Dann hätte der amerikanisch-ägyptische Kopte seine (angeblichen) fünf Millionen US-Dollar in den Sand gesetzt.

Wäre das Video irgendwo in Asien produziert worden, hätte es auch Proteste ausgelöst, aber mit Sicherheit nicht Mord, Totschlag und brennende Botschaften. „USA“ und „Israel“, das sind gut funktionierende Reizmittel, die viele Muslime fast reflexartig auf die Straße treiben, egal wer tatsächlich verantwortlich ist. Der Hass auf Amerika ist eine der wichtigsten Politkonstanten in dieser Region, ein Brandbeschleuniger, den Politiker und Prediger absichtsvoll einsetzen. Kaum eine Demonstration ohne brennende US- und Israelfahnen.

Die Extremisten spielen sich die Bälle zu

„Stimmt nicht!“, rufen empört die jungen Ägypter, die vor einem Jahr elf Tage lang den Tahrir-Platz besetzt hatten. Keine US-Fahne hatte gebrannt, Israel hatte überhaupt keine Rolle gespielt. Auf dem Tahrir-Platz hatten Hunderttausende demonstriert, vor der amerikanischen Botschaft in Kairo in diesen Tagen höchstens zweitausend. Die jungen Ägypter rennen nicht mehr jedem Rattenfänger nach, der vorgibt, den Islam verteidigen zu wollen. Im libyschen Bengasi haben Libyer sogar eine dieser Hetz- und Mordmilizen vertrieben, die für den Mord an den vier amerikanischen Diplomaten verantwortlich sein soll.

Bei genauerer Betrachtung sind es solche selbsternannten Mohammedverteidiger, die mitverantwortlich sind für die Massendemonstrationen und Übergriffe. In Kairo erklärte Salafistenscheich Abu Islam Ahmed Abdallah, er werde „Christianisierung und das Freimaurertum“ bekämpfen. Er hatte seine Salafistentruppe zur US-Botschaft zitiert und dort eine Bibel öffentlich verbrannt. Pastor Terry Jones lässt grüßen. Die Extremisten auf beiden Seiten zeigen sich aus ähnlichem Holz geschnitzt und spielen sich gegenseitig die Bälle zu.

Im Sudan hatte ein ähnlich gestrickter Extremistenscheich zum Sturm auf die deutsche Botschaft aufgerufen. In Pakistan schließlich forderte ein leibhaftiger Minister zum Mord an dem Regisseur des Machwerks auf und setzte für die Mörder eine Belohnung von 100.000 US-Dollar aus.

Überall das gleiche Schema. Radikale Wortführer schlagen Alarm und Tausende folgen, Gewalt inbegriffen. Keiner kennt das Video, keiner hat mitbekommen, dass die Regierungen im Westen sich schon mehrfach von dem Video distanziert haben. Die Religionsverführer sind einfach stärker. Doch: langsam wächst der zivile Widerstand gegen diese islamistischen Eiferer.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Bente Scheller, Kai Hafez, Kristin Jankowski.

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