Wenn irgendwo Geld gebraucht wird, wendet man stumm den Blick auf die Deutschen. Helmut Kohl

Vielfaltssorgenfalten

Im japanischen Nagoya heißt es derzeit "Alles oder Nichts" für den Schutz der biologischen Vielfalt. Auf der dort tagenden 10. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt will sich die Staatengemeinschaft neue Ziele zum Schutz der biologischen Vielfalt setzen.

Bis zum Jahr 2010, so war es beschlossen, sollte der dramatische Verlust an biologischer Vielfalt weltweit gebremst, in der Europäischen Union sogar vollends gestoppt werden. Beide Zielsetzungen wurden bekanntermaßen ebenso klar wie eindrucksvoll verfehlt: Seit Jahresbeginn erscheinen quasi im Monatsrhythmus Berichte, die dokumentieren, wie die biologische Vielfalt, wie Arten, Lebensräume und Ökosysteme weltweit immer stärker unter Druck geraten, ihre Leistungsfähigkeit einbüßen und verschwinden. Stets benannt werden lang bekannte Ursachen wie die Intensivierung der Landwirtschaft, Raubbau an Wäldern und Meeren, Klimawandel, Ressourcenhunger oder Bevölkerungswachstum.

Weltweit geben sich Politiker angemessen betroffen darüber, denn eine Rückschau macht schnell deutlich, dass politisch nicht einmal ein ernst zu nehmender Versuch unternommen wurde, um das sogenannte “2010-Ziel” zu erreichen. Als dissonante Töne im Betroffenheitskonzert tauchen aber – auch in Deutschland – Stimmen auf, die den Schutz der biologischen Vielfalt als “zu teuer” und “nicht wirklich wichtig” einstufen.

Wer bezahlt wem wie viel für den Erhalt der Vielfalt?

Auch wenn diese Stimmen derzeit eher Irrlichter in der politischen Debatte sind, weisen sie auf eine der zentralen Frage hin: Wer bezahlt letztlich wem wie viel für den Erhalt der biologischen Vielfalt, also zum Beispiel für die Extensivierung von Landwirtschaft, Nutzungsverzicht bei Fischbeständen oder Management von Schutzgebieten.

An dieser Stelle führt die Diskussion oft ins Abseits, denn während wir diskutieren, ob wir vielleicht 1 Prozent der Staatshaushalte für den Schutz investieren, kostet der unterlassene Schutz bereits heute Millionen und Menschenleben. Die Schäden durch den Verlust biologischer Vielfalt werden in Studien jährlich auf bis zu 4,5 Bill. US-Dollar beziffert und übersteigen damit die Schäden der aktuellen Finanzkrise. Im Gegensatz dazu erbringen allein die Schutzgebiete der Erde jährlich Ökosystemdienstleistungen wie sauberes Wasser oder natürlichen Küstenschutz im Wert von bis zu 5,2 Bill. US-Dollar. Natürlich ist es mit Schutzgebieten allein nicht getan, denn auch außerhalb können wir Menschen die Leistungen von Natur und Landschaft bisher kostenlos nutzen. Die Frage bleibt: Wie lange noch? Denn klar ist, dass ein unterlassener Schutz von biologischer Vielfalt, ähnlich wie unterlassener Klimaschutz, die schon jetzt großen Schäden und Kosten noch deutlich ansteigen lassen wird.

Den Schutz der biologischen Vielfalt gibt es nicht mehr zum Nulltarif

In Nagoya geht es dabei auch um die Frage, wie wir künftig die Lasten verteilen wollen zwischen denjenigen, die von der (Über-)Nutzung der Naturgüter kurzfristig profitieren, und all den anderen, für die diese Naturgüter langfristig Lebens- und Wirtschaftsgrundlage sind? Einen Schutz der biologischen Vielfalt zum Nulltarif, der weder die wirtschaftlichen Profiteure stärker in die Pflicht nimmt, Politiker nicht zum unbequemen Abbau von Subventionen zwingt und auch uns Verbrauchern keine unbequemen Fragen stellt, kann es also nicht mehr geben. Wo Ökosysteme ihre Funktionen nicht mehr erfüllen können, schwindet auch der Lebens- und Wirtschaftsraum für den Menschen. In der globalisierten Welt erreicht dies auch die Wohlstandsinsel Mitteleuropas.

Politiker, Wirtschaftsbosse und Verbraucher, die sich heute einer finanziellen Beteiligung an den Bürden für die Zukunftsaufgabe des Erhalts der biologischen Vielfalt entziehen wollen, gefährden unseren Wohlstand und die Basis der Lebens- und Wirtschaftsbedingungen aller Menschen.

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