Die meisten westlichen Medienhäuser werden missbraucht, um den Status quo zu erhalten. Wadah Khanfar

Abwarten lautet die Devise

Noch ist unklar, ob Keimbahntherapie eines Tages risikoarm sein wird. Bis dahin muss die Gesetzgebung Widersprüche ausräumen.

Das Embryonenschutzgesetz (ESchG) verbietet gezielte genetische Eingriffe in menschliche Keimbahnzellen, die zur Befruchtung verwendet oder auf einen Embryo, Fötus oder Menschen übertragen werden sollen (§ 5 Abs. 1, Abs. 4 ESchG). Außerdem untersagt es die Verwendung von Keimzellen (Ei- oder Samenzellen) mit künstlich veränderter Erbinformation zur Befruchtung (§ 5 Abs. 2 ESchG). Damit ist auch der Versuch einer Keimbahntherapie untersagt. Der Versuch der Heilung erblicher Krankheiten durch Veränderung oder Austausch einer defekten DNA-Sequenz, mittels Eingriffs in die Keimzellen, Vorkerne oder Zellen der Keimbahn. Auf den Umfang der genetischen Veränderung kommt es dabei nicht an.

Die Verbote des ESchG zielen allerdings nicht darauf ab, eine denkbar positive Eugenik, also die Züchtung von Menschen mit gewünschten Eigenschaften, zu verhindern. Vielmehr dient das Gesetz dem Schutz vor unverantwortlichen Humanexperimenten. Die Gesetzesbegründung ging davon aus, dass die Methode eines Gentransfers in menschliche Keimbahnzellen nicht ohne vorherige Versuche am Menschen entwickelt werden kann. Sie führte weiter aus:

„Derartige Experimente sind […] wegen der irreversiblen Folgen der in der Experimentierphase zu erwartenden Fehlschläge […] jedenfalls nach dem gegenwärtigen Erkenntnisstand nicht zu verantworten. Sie wären weder mit dem objektiv-rechtlichen Gehalt des Grundrechts auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Artikel 2 Abs. 2 Satz 1 GG) noch mit der Grundentscheidung des Artikels 1 Abs. 1 GG für den Schutz der Menschenwürde zu vereinbaren. Unter diesen Umständen kann […] offen bleiben, ob es überhaupt – etwa zur Verhinderung schwerster Erbleiden – verantwortet werden könnte, eine künstliche Veränderung menschlicher Erbanlagen auf dem Wege eines Gentransfers in Keimbahnzellen zuzulassen.“

Der Gesetzgeber hat sich damit bewusst aus den verfassungsrechtlichen und philosophischen Diskussionen über Veränderungen des menschlichen Erbguts herausgehalten. Und somit auch aus den geäußerten fundamental-kategorischen Bedenken gegen die „Züchtung“ eines Menschen, der seine genetische Identität von einem menschlichen „Schöpfer“ zugeteilt bekommt. Seine Ansicht, dass zum Zeitpunkt der Verabschiedung des Gesetzes (1990) und auf absehbare Zukunft schon technisch-pragmatische Argumente ein Verbot rechtfertigen, ist auch heute noch nicht zu beanstanden.

Widersprüchliche Gesetzeslage

Ob die Versuche der US-amerikanischen Forscher, defekte Mitochondrien einer Eizelle durch die gesunden Mitochondrien einer anderen Eizelle zu ersetzen, tatsächlich auch auf längere Sicht zu einer risikoarmen Therapie führen, bleibt abzuwarten. Der Gesetzgeber ist trotz seiner Schutzpflicht für Leben und Gesundheit der Menschen, die durch eine solche Therapie vor Erbkrankheiten bewahrt werden könnten, nicht gehalten, ersten möglicherweise erfolgreichen Versuchen Glauben zu schenken und seine Verbote aufzuheben.

Ebenso widersprüchlich ist es, durch Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) 2011 zwar die Untersuchung von Embryonen auf genetische Defekte und – bei entsprechendem Ergebnis – ihr nachfolgendes Verwerfen zu ermöglichen (§ 3a ESchG), aber durch Aufrechterhaltung des Verbots der Keimbahntherapie das Entstehen eines genetisch gesunden Embryos, unter Beseitigung lediglich eines vorhandenen Gendefekts, zu verhindern. Die PID dient genau wie die Keimbahntherapie der Verhinderung von Nachkommen mit erblichen Krankheiten. Die Keimbahntherapie setzt den entstehenden Menschen einem gesundheitlichen Risiko und damit möglichem Leiden aus. Während die PID (bzw. die nachfolgende Entscheidung, den Embryo nicht auf die Frau zu transferieren) ihn vor diesem Leiden bewahrt. Der Gesetzgeber ist durchaus befugt, der Verhinderung von Leiden eines zukünftigen Menschen und damit dessen Wohl höheres Gewicht beizumessen als seiner bloßen Existenz.

Hinter dieser Auffassung steht nicht etwa die Idee vom „lebensunwerten Leben“; denn bei den üblicherweise unter diesem Begriff diskutierten Fällen geht es um die Verhinderung der Geburt eines bereits gezeugten (und geschädigten) Kindes, nicht aber um das Verbot der Erzeugung eines geschädigten Kindes. Und in diesem Zusammenhang ist das häufig vorgebrachte Argument, es könne nicht im Interesse eines Kindes liegen, nicht erzeugt zu werden, kaum überzeugend. Denn bei konsequenter Anwendung würde es dem Gesetzgeber auch untersagen, die gezielte Herstellung eines schwer geschädigten Kindes zu verbieten – ein sicher nicht tragbares Ergebnis.

Ausnahmetatbestände

Um die Erforschung einer risikoarmen Anwendung von Keimbahntherapien nicht ganz zu verschließen, enthält § 5 Abs. 4 ESchG Ausnahmetatbestände. Es dürfen nämlich sehr wohl gezielt künstliche Veränderungen der Erbinformation von Keimzellen oder extrakorporal verfügbaren sonstigen Keimbahnzellen vorgenommen werden. Insofern die Keimzellen nicht zur Befruchtung verwendet werden bzw. die Keimbahnzellen nicht auf einen Embryo, Fötus oder Menschen übertragen werden und damit eine Gefährdung der geschützten Rechtsgüter (Leben, körperliche Unversehrtheit und Menschenwürde der letztlich erzeugten Menschen) ausgeschlossen ist.

Bewusst ist der Gesetzgeber dem seinerzeitigen Antrag der SPD-Fraktion nicht gefolgt, nur unbeabsichtigte Keimbahnveränderungen durch Impfungen oder Heilbehandlungen, die nicht auf eine Veränderung der Erbinformationen von Keimzellen gerichtet sind, zu erlauben. Denn man versprach sich von Forschungen an Keimbahnzellen „im Hinblick auf das künftige menschliche Leben außerordentlich wertvolle Kenntnisse“.

Erstaunlich und kaum überzeugend ist allerdings, dass § 5 ESchG eine Regelungslücke enthält, die nur mühsam über eine andere Vorschrift des ESchG geschlossen werden kann: Das Verbot der künstlichen Veränderung der Erbinformation einer menschlichen Keimzelle erfasst nämlich nicht den somatischen Zellkerntransfer in eine entkernte Eizelle ohne nachfolgende Befruchtung, also das Dolly-Verfahren. Gerade die in den USA durchgeführten Versuche, den Zellkern einer Eizelle, deren Mitochondrien genetisch defekt sind, in eine Eizelle mit gesunden Mitochondrien zu transferieren, sind damit nicht von § 5 ESchG verboten. Sehr wohl aber greift hier nach überwiegender Meinung von Juristen das Verbot des Klonens nach § 6 ESchG – mit freilich viel fundamentalerer Begründung, als sie dem § 5 ESchG zugrunde liegt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Marcy Darnovsky, Nikolaus Knoepffler.

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