Wo nehm ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? Karl Kraus

Sargdeckel zu, Solarstrom tot

Die Renaissance der Atomkraft erschwert den Start ins neue Energiezeitalter. Doch das ist bei Weitem nicht das Schlimmste. Die Änderungen im Erneuerbare-Energien-Gesetz sorgen dafür, dass 2012 bei der Solarwirtschaft die Lichter ausgehen. Ein kleines Gesetz und seine große Wirkung.

Die Gegenrevolution ist im Detail verborgen: Während alle Welt sich über die Ausweitung der AKW-Laufzeiten echauffiert, hat die Koalition das Aus für die Sonnenenergie bereits in Gesetzesform gegossen. Ab 2012 werden in der Solarbranche wohl unweigerlich 90 Prozent der Arbeitsplätze vernichtet. Ohne viel Federlesens.

Der Hintergrund: Im Juli 2010 wurde die Einspeisevergütung für Solaranlagen außerplanmäßig um 13 Prozent gekürzt. Weitere drei Prozent sinkt sie im Oktober. So weit, so gut. Zusätzlich hat die Bundesregierung gleich den sogenannten “atmenden Deckel” beschlossen, der aber vielen zu kompliziert ist, um ihn näher in Augenschein zu nehmen. Doch er bestimmt die große Linie.

Aus dem atmenden Deckel wird ein Sargdeckel

Im Kern soll der Deckel den Zubau von Solaranlagen in Deutschland “in einem steuerbaren Korridor” halten. Konkret: Ab einem Zubau von 3.500 Megawattpeak (MWp) pro Jahr sinkt die Einspeisevergütung pro 1.000 zusätzlich installierter MWp ab 2011 um jeweils ein weiteres Prozent. Im Jahr 2010 wird bundesweit mit einem Zubau von rund 10.000 MWp gerechnet. Dies führt dazu, dass ab Januar zusätzlich zu der herkömmlichen jährlichen Absenkung von neun Prozent aufgrund des zu erwartenden Zubaus 2010 noch einmal vier Prozent Degression hinzukommen. Insgesamt dann also 13 Prozent. Nach den Einschnitten 2010 eine Rosskur für die Branche. Doch das ist erst der Anfang.

Denn dass der atmende Deckel nur ein Jahr lang wirklich “atmet”, ist noch gar niemandem aufgefallen. Ab 2012 wird der Deckel nämlich blitzartig so schwer, dass er die komplette Branche erstickt. Aus dem atmenden Deckel wird ein Sargdeckel. Und das geht so: Bereits ab einem Zubau von 3.500 MWp sieht der Deckel ab dem Jahr 2012 gleich drei Prozent Absenkung pro 1.000 Megawatt vor. Zusätzlich zu den neun, die ohnehin Standard sind. Der Vergütungspreis fällt damit 2012 schon bei einem normalen Zubau schlagartig unter den Preis, den die großen Stromkonzerne von den Privathaushalten verlangen, also weniger als 23 Cent pro Kilowattstunde.

Im Ergebnis wird die Einspeisevergütung binnen nur zweier Jahre faktisch komplett abgeschafft. Investitionen in Solarenergie werden damit auf null heruntergefahren, die weitere Kostenreduktion der Systempreise aufgrund von Massenproduktion wird gestoppt.

Deutschland vollzieht nun die radikale Wende

Die Einspeisevergütung hat in den vergangenen zehn Jahren eine Blüte der erneuerbaren Energien hervorgebracht und Hunderttausende steuerpflichtige Jobs in Deutschland geschaffen. Das Gesetz ist ein Exportschlager, das inzwischen mehr als 25 Staaten weltweit so oder ähnlich für sich übernommen haben. Deutschland vollzieht nun die radikale Wende: Der Umbau der Energiewirtschaft hin zu einer nachhaltigen und klimaschonenden Energieversorgung wird abrupt gestoppt. Die Sonnenenergie, als Hauptkonkurrent der fossilen Energieträger, ausgeknipst.

Man stelle sich vor, man wäre so in den 60ern mit der Atomenergie verfahren – die Anti-Atom-Bewegung hätte es nie gegeben, denn die Kernkraft wäre nie über das wissenschaftliche Stadium hinausgekommen. Eine neue Energieform in derart kurzer Zeit um die Hälfte zu verbilligen ist schlechterdings unmöglich. Damit es aber auch garantiert unmöglich ist, werden sicherheitshalber noch die Laufzeiten der AKWs verlängert. Klar ist: Abgeschriebene Kraftwerke können nicht abgeschriebene Kraftwerke immer spielend unterbieten, zumal wenn Kosten für Umweltzerstörung und Endlagerung nicht eingepreist, sondern dem Steuerzahler gesondert in Rechnung gestellt werden.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    RCB – 18.09.2010 - 17:09

    Vorab, ich kann das Beschiebene nur sehr bedingt nachvollziehen, nehme aber an. dass der Autor weiß, wovon er schreibt. In diesem Fall also wäre das also eine ziemliche Sauerei!

    Wer sich das ausgedacht hat (ich gehe mal wieder davon aus, dass sowas nur von der FDP gekommen sein kann), hat zumindest Köpfchen bewiesen und wie so oft einen Vorgang so verkompliziert, dass er weder sogenannten Fachleuten innerhalb der Koalition, noch solchen von der Oposition aufgefallen ist.

    Das ist vom Verursacher her gesehen dreist, von all Denen, die da dagegen sein müßten und es auch gewesen wären, wenn Sie es recvhtzeitig begriffen hätten, aber ziemlich dumm und zeigt deren Unfähigkeit.

    Da dies Alles aber nicht nur die Solarindustrie, sondern vor Allem uns Alle betrifft (ausser unsere vier Energieriesen und einen Teil von deren Mitarbeitern), darf ich die Bundestags-Opposition (und zwar Alle!) dringend auffordern, sich rasch etwas einfallen zu lassen, um zuerst einmal das geplante AKW-Laufzeit-Verlängerungsgesetz zu Fall zu bringen und sich dann schleunigst darum zu kümmern, dass das hier beschriebene Erneuerbare-Energie-Gesetz rasch wieder geändert und auf eine gangbare Spur gesetzt wird.

    Na, dann fangt mal an!

  • Theeuropean-placeholder
    Gunnar Kaestle – 19.09.2010 - 08:52

    Zur Laufzeitverlängerung bietet der Deutsche Bundestag mit dem Petitionswesen einen formellen Weg:

    Online-Petition: Nukleare Ver- und Entsorgung – Einhaltung der Verträge zur Abschaltung der Atomkraftwerke
    https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=13587

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    Joachim – 19.09.2010 - 11:14

    Schlechter Scherz? Die Petition ist für’n Arsch, weil es sie seit vier Wochen gibt, und weniger als 50.000 Mitzeichner hat.
    Die 50.000 muss man nämlich nicht bis zum Ende der Mitzeichnungsfrist erhalten, sondern drei Wochen nach Veröffentlichung.

    Frage mich sowieso auf wessen Mist das gewachsen ist – mit dem richtigen Initiator hätte man innerhalb von Tagen die nötige Menge erreicht (gerade bei so einem Thema) – man erinnere sich an die Petition zu Netzsperren, wo man nach weniger als einer Woche die 50.000 voll hatte.

  • Theeuropean-placeholder
    CGast – 19.09.2010 - 16:09

    So eine Still-Und-Heimlich-Petition macht man, damit das Thema “verbrannt” ist. Denn die Regeln der E-Petition sehen vor, dass ein Thema nur ein mal pro Legislaturperiode auf den Server kommt. D.h. irgendwann mal heimlich online stellen und es ist vorbei-

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    dave-kay – 19.09.2010 - 18:51

    Entschuldigung, aber das ist Unfug, die Petition läuft nicht ganz eineWoche. Der 17.8 ist das Einreichungsdatum, nicht der Start des Mitzeichnungszeitraumes! Also unterzeichnen!

  • Theeuropean-placeholder
    unglaublich – 19.09.2010 - 11:06

    arbeitsplätze, die auf subventionen basieren, gehören nicht gerettet! die technik ist noch so unausgereift, dass es dringen nötig ist, noch mindestens 10 – 15 jahre auf bewährte (und preiswerter) stromlieferanten zu bauen. es ist schlimm, wie leute ohne zu überlegen oder recherche zu betreiben, auf den “grünen” zug aufspringen

  • Theeuropean-placeholder
    pizuz – 19.09.2010 - 15:34

    Gut. Dann schaffen wir aber im Gegenzug auch die Atomsubventionen ab, okay? Auf dass die Betreiber ihre AKWs künftig für den vollen Schadenswert eines GAUs versichern und auch für die Entsorgung selber aufkommen. Dafür sollten doch die 150Mrd an zusätzlichen Profiten locker ausreichen, oder?

  • Theeuropean-placeholder
    Gunnar Kaestle – 19.09.2010 - 11:16

    a) Ein formeller Einwand: Das EEG ist keine Subvention, sondern eine Umlage – ähnlich der gesetzlichen Rentenversicherung. Ohne Frage eine Förderung, aber keine Subvention aus dem Staatshaushalt.
    b) Die “unausgereifte Technik” hat ein enormes Wachstums- und Kostensenkungspotential. Das kann aber nicht gehoben werden, wenn nur im Labor geforscht wird. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Lernkurve einer Technologie durch die kumulierte Produktion beeinflusst wird. Lernziel ist dabei die Grid-Parity und die ist aufgrund der Skalierbarkeit der PV und dem damit dezentralen Einsatz bald erreicht. Dezentral kostet der Strom am Hausanschluss (20 ct/kWh) deutlich mehr als an der Strombörse (5ct/kWh).

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    fepma – 20.09.2010 - 13:42

    ja, wenn die Anhänger der EE-Religion mal forschen würden, aber Solar-Dach-Baronen geht es NUR um den eigenen Geldbeutel dank gesetzlich garantierter Einspeisevergütung. An die Renditen dieser Abzocker kommt kein EVU heran!
    Eon, EnBW, RWE, Vattenfall sind übrigens die Einzigen, die in Richtung EE forschen, schon aus eigenem wirtschaftlichen Interesse, von den EE-Gläubigen selbst kommt NICHTS.

  • Theeuropean-placeholder
    Gunnar Kaestle – 20.09.2010 - 17:26

    Das Interesse der großen Energieversorger an EE-Investitionen war bisher mäßig, eben weil die Rendite eher im einstelligen Bereich lag. In Großbritannien gibt es mit dem Quotenmodell ein höheres Erlösrisiko, aber auch höhere Durchschnitts-Renditen bei einem Bau eines Offshor-Windparks. Daher werden die Gelder primär nach UK fließen. Von der Photovoltaik lassen sie fast völlig die Finger, obwohl im Rahmen der Gebäudeeffizienzoffensive man ein attraktives Produkt (Anlagenleasing) anbieten könnte. Das ist aber zu klein-klein (kW statt GW) und entspricht daher nicht dem üblichen Projektgeschäft im GigaEuro-Maßstab.

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    Bernd Frieboese – 20.09.2010 - 21:04

    “fepma” hat vorhin diese eigenartige Behauptung geschrieben:

    “Eon, EnBW, RWE, Vattenfall sind übrigens die Einzigen, die in Richtung EE forschen, schon aus eigenem wirtschaftlichen Interesse, von den EE-Gläubigen selbst kommt NICHTS.”

    Komisch, ob “fepma” wohl nicht bemerkt hat dass die heutigen Windturbinenhersteller mittelständische Firmen sind die von Leuten gegründet wurden, die irgendwann in den 80er Jahren die ersten Windrädchen an irgendwelche Dynamos gebastelt haben?
    Und glaubt “fepma” wirklich, dass die mittelständischen Firmen, die die Produktion von PV-Modulen immerhin soweit rationalisiert haben, dass sie noch einigermaßen mit den Lohnkostenvorteilen ihrer fernöstlichen Konkurrenz mithalten, E-ON oder RWE heißen?

  • Theeuropean-placeholder
    fepma – 21.09.2010 - 05:54

    Die Windradhersteller basteln in der Tat, von Forschung läßt sich da kaum sprechen..
    Das trifft noch mehr zu auf die deutschen PV-Hersteller, abgesehen von Schott, aber Schott ist nicht Mittelstand.
    Die fernöstlichen Hersteller geben technologisch den Ton an.
    Forschung in Richtung Infrastruktur, Stromnetze, Verteilung des dezentral erzeugten Stroms, ist erforderlich, aber da kommt von den Anhängern der EE-Religion auch nichts außer Geschwurbel über “Smart Grid”, Netzparity, und andere Schlagworte, die von den Gläubigen aber nicht verstanden werden!

  • Theeuropean-placeholder
    SCHWARZ-GELD – 19.09.2010 - 11:16

    Die Verantwortlichen gehören ins EXIL – Begründung HOCHVERRAT – Angriff auf Deutschland.

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