Es gibt kein Recht auf staatliche bezahlte Faulheit. Guido Westerwelle

„Wir unterschätzen die Macht der Mode“

Joachim Schirrmacher ist ein international gefragter Mode-Experte. Im Gespräch mit Julia Korbik verrät er, wie man sich für den Erfolg anzieht und warum Deutsche ein Problem mit Inszenierung haben.

The European: Herr Schirrmacher, was muss Kleidung für Politiker und Politikerinnen leisten?
Schirrmacher: Ihre Kleidung ist Teil ihrer Kommunikation und Rhetorik. Sie signalisiert Zugehörigkeit zu bestimmten Wertesystemen. Und Kleidung kann Kompetenz, Vertrauen, Respekt, Modernität oder Glaubwürdigkeit vermitteln. Sie muss aber auch praktische Anforderungen erfüllen. Die Arbeitstage von Politikern sind oft lang, ihre Kleidung muss stets gut sitzen – auch nach den Brüsseler Gipfeltreffen, wenn man frühmorgens vor die Fernsehkameras tritt. Die Kleider müssen auch fernsehtauglich sein. Bestimmte Farben oder Muster funktionieren im TV nicht.

The European: Das klingt doch ganz machbar und unkompliziert.
Schirrmacher: Ja, aber Politikerkleidung sollte auch nicht als anbiedernd empfunden werden. Wenn Alexander Dobrindt mit goldenen Sneakern auftritt, wirkt das inszeniert. Die modischen Grenzen sind für Politiker also relativ eng. Politikerinnen allerdings haben noch das Spielfeld der Abendmode. Hier wünsche ich mir mehr Mut und Modernität.­ ­Weniger traditioneller Cinderella-Stil, mehr junge­ Berliner Designer wie Michael Sontag, Perret Schaad oder Dawid Tomaszewski.

The European: Gerade weil der modische Spielraum für ­Politiker so klein ist, passieren immer mal wieder ­Fashion- Fauxpas. Hillary Clinton scherzte, sie hätte ihre Autobiografie „Entscheidungen“ auch „Die Haargummi-Chronik. 112 Länder, aber immer ging es nur um meine Haare“ nennen können. In Deutschland gilt die stets farbenfrohe Claudia Roth als modisches Desaster.
Schirrmacher: Auch im 21. Jahrhundert ist es, wie Hillary ­Clinton sagte: The hair matters! Ich würde Politikerinnen raten: „Bleiben Sie gelassen bei den Ratschlägen der Modeexperten.“ Politik braucht die Legitimation­ vieler. Die breite Masse muss nicht mögen, was der Berliner Hipster toll findet. Insofern funktioniert natürlich auch eine Strategie wie bei Claudia Roth. Man kann sie mögen oder auch nicht, sie tritt authentisch auf.

„Das postmoderne Gebot lautet, möglichst gut auszusehen"

The European: Authentizität spielt auch beim Branding eine wichtige Rolle. Was kann ein Politiker oder eine Politikerin in modischer Hinsicht tun, um sich als Marke zu etablieren?
Schirrmacher: Das Potenzial, über sein Äußeres als Marke wahrgenommen zu werden, ist begrenzt. Wenn wir an beliebte Politiker wie einst Richard von ­Weizsäcker oder heute Joachim Gauck denken, zählt vor allem ihre Persönlichkeit. Mode kann diese ­Persönlichkeit unterstreichen. Wer ­seinen Stil konsequent über Jahre trägt, schafft damit eine Markenverpackung. Zudem gilt, dass Kommunikation heute weitgehend über Sympathie und Emotionen, über die Macht der Bilder funktioniert. ­Einige Theoretiker behaupten sogar, Bilder hätten die Politik ersetzt. Ich hingegen glaube nach wie vor, dass langfristig das Produkt entscheidend ist: Überzeugungen und politische Maßnahmen, die uns als Bürger eine gute Zukunft ermöglichen. In Deutschland haben wir nach dem Missbrauch durch die Nationalsozialisten ein distanziertes Verhältnis zur Macht von Bildern. Trotzdem spielen Bilder eine wichtige Rolle, denn unsere Sehgewohnheiten haben sich verändert.

The European: Inwiefern?
Schirrmacher: Durch das Primat des Bildes haben wir in unserer Gesellschaft eine umfassende Ästhetisierung ­erfahren. Das zeigt sich auch auf der Straße. Studien zeigen, dass der normale Mensch, ob in ­Berlin oder Bielefeld, sich recht modisch kleidet. Das postmoderne Gebot lautet, möglichst gut auszusehen. Die Wissenschaftlerin Catherin Hakim spricht daher von „erotischem Kapital“. Noch vor Gerhard Schröder war Mode der Inbegriff des Eitlen, Oberflächlichen, Frivolen. Mit ihm rückte die Kleidung von Politikern in den Fokus des öffentlichen Interesses. Wie sehr, wurde deutlich, als Volker Bouffier hessischer Ministerpräsident wurde. Er musste viel Kritik dafür einstecken, dass er nicht so elegant aussah wie Alfred Dregger. Die Folge: Er beschritt vorsichtig einen Pfad der modischen Erneuerung, ähnlich wie Angela Merkel vor ihrer Kanzlerschaft.

The European: Generell scheint das Interesse an Politiker-­Mode in Deutschland aber eher gering zu sein. In Frankreich hingegen löste Präsident François ­Hollande eine Debatte aus, weil seine neue ­Brille von einem dänischen Hersteller stammt und nicht von einem französischen.
Schirrmacher: Eine ähnliche Diskussion gab es ja bei Michelle­ Obama, als sie Alexander McQueen trug. Angela­ Merkels Garderobe stammt, soweit man es weiß, von der Hamburgerin Bettina Schoenbach. ­Dennoch wird in Deutschland die Macht und das Potenzial der Mode unterschätzt. Die Gründe liegen in unserer Geschichte. Erstens haben wir nach wie vor Schwierigkeiten mit unserer Identität. Erst seit der Wiedervereinigung entstand wieder deutsche Mode: Die Berliner Fashion Week wird inzwischen von Berliner Designern statt von großen Marken dominiert.

The European: Und zweitens?
Schirrmacher: Wir Deutschen mögen zu offensichtliche Inszenierungen nicht. Inszenierung im Alltag ist ja nur dann gut, wenn man sie nicht bemerkt. Deswegen wurden Journalisten, die über Merkels Visagistin berichteten, abgestraft.

„Der klassische Anzug hat an Glaubwürdigkeit verloren"

The European: Gerade im Beruf gehört Inszenierung doch dazu.
Schirrmacher: Es soll aber bitte keiner merken. Und wir haben in Deutschland einen eigenen, sehr lässigen Mode­stil entwickelt. Laut der angesprochenen Straßen­studie wird selbst bei wichtigen Terminen zu über 90 Prozent Sport- und Streetwear getragen. Ich war mit Kunden in Tim Raues Restaurant essen, und wir trugen als Einzige Sakkos. Das empfand ich als etwas respektlos gegenüber Raues Kochkunst. International besteht der Dresscode immer noch aus Anzug und Krawatte. Dieses dress for success funktioniert nach wie vor.

The European: Anziehen für den Erfolg. Aber was genau bedeutet das?
Schirrmacher: Sich zeitgemäß, aber typgerecht zu kleiden. Wichtig sind auch Konventionen – die sind in einem Start-up natürlich anders als auf dem internationalen Parkett. Heutzutage steht ja in jedem Karriere­ratgeber: Wer gut aussieht, ist erfolgreicher und bekommt mehr Gehalt.

The European: Und da funktioniert die klassische Uniform
immer noch am besten?

Schirrmacher: Ja, obwohl der klassische Business-Aufzug gerade bei Männern durch die Bankenkrise an Glaubwürdigkeit verloren hat. Ein Outfit aus ausgewählten teuren Sneakern und Streetwear funktioniert hingegen noch nicht so gut, weil der Code noch nicht so ­gelernt ist wie die klassische Formel.

The European: Die Literaturwissenschaftlerin und Modehistorikerin Barbara Vinken sagt: Im Businesslook und im öffentlichen Erscheinungsbild von Frauen deutet sich eine Kehrtwende an – Frauen kleiden sich nun betont weiblich, statt im Unisex-Look. Trifft das auch auf Politikerinnen zu?
Schirrmacher: Im normalen Berufsalltag stimmt Vinkens ­Beobachtung. Der Erfolg der Mode aus Skandinavien belegt dies eindrucksvoll. Geht es um Führungspositionen, ist immer noch ein Fragezeichen ­dahinter zu setzen. Frauen haben einen anderen Körperbau als Männer. Sie sind insgesamt rundlicher, weshalb der Blazer bei ihnen so beliebt ist: Er macht eine Schulter, zeigt Kante. Frauen haben zwar modisch mehr Möglichkeiten als Männer – aber damit auch viel mehr Möglichkeiten, etwas falsch zu machen.

„Der Körper ist definitiv zum Instrument der Mode geworden"

The European: Welche modischen Möglichkeiten hat das politische Personal denn überhaupt?
Schirrmacher: Politiker sind ja gewählt, was bedeutet, dass sie eine große Bevölkerungszahl vertreten. Von diesen Repräsentanten wird erwartet, nicht formlos aufzutreten. Politiker spielen, wenn man so will, ein Theaterstück: Die Rollen sind festgeschrieben. Erst in jüngerer Zeit gibt einen gewissen Interpretationsspielraum. Zum Beispiel die Krawatte beim Mann: Die kann inzwischen auch mal durch ein Einstecktuch ersetzt werden. Junge Politiker kombinieren auch einen leichten Schal zum Anzug.

The European: Es tut sich also doch was!
Schirrmacher: Die Grenzen weichen auf. Tatsächlich ist Mode aber viel langsamer, als sie in den Medien dargestellt wird, das sagt selbst die Chefdesignerin von H&M, Ann-Sofie Johansson. In der Mode gibt es ungefähr siebenjährige Grundströmungen – ist die Kleidung eher eng, weit, bunt oder schlicht? Was heute entscheidend für einen modernen Look ist: der Körper. Was früher vollschlank war, wirkt heute dick, was einst ein Spargeltarzan war, ­erscheint heute als normal. Man sieht es auch bei Managern: Ludwig Erhard war der Inbegriff eines deutschen Wirtschaftsbosses – heute gibt es solche Figuren fast nicht mehr. Manager sehen alle aus, als ob sie nach der Vorstandssitzung noch einen Marathon laufen.

The European: Auch Politiker sind also immer mehr bestimmten Körpernormen unterworfen?
Schirrmacher: Der Körper ist definitiv zum Instrument der Mode geworden. Da spielt mit hinein, dass wir ein völlig neues Männerbild haben. Es ist nicht mehr egal, wie der Mann aussieht: Er muss attraktiv erscheinen im Kampf um Partnerschaft und Karriere. Karl Lagerfeld hat es vorgemacht.

The European: Okay, der Körper zählt. Aber das Outfit genauso. Wie kleide ich mich für den Erfolg?
Schirrmacher: Man muss gucken: Wie bin ich als Persönlichkeit? Wie ist meine Körpersprache? Bin ich eher der ernste Typ oder der Charmeur? Eher tänzelnd oder handfest? All das spielt eine Rolle. Dann würde ich bei jüngeren Designern schauen, welches Teil ich so in meine Garderobe aufnehmen kann, dass es zu mir passt. Bei Männern hilft Maßkonfektion­ sehr, ob Hemd oder Anzug. Das betrifft nicht nur Spitzenpolitiker, die wir jeden Tag im Fernsehen sehen, sondern auch die sogenannten Hinterbänkler und die Mitarbeiter der Ministerien. Eben alle, die das politische Bild in Berlin-Mitte prägen.

„Die Politik könnte Mode gut nutzen, um ein modernes Deutschlandbild zu vermitteln"

The European: Sie würden deutschen Politikern also raten, zu deutschen Modedesignern zu greifen?
Schirrmacher: Selbstverständlich! Die Deutschen sind in der Mode viel besser, als die Branche selber glaubt. Die Ausbildung der deutschen Modedesigner ist fantastisch und international absolut konkurrenzfähig – nur die deutsche Bekleidungsindustrie selber glaubt nicht daran, es fehlt an Öffentlichkeits­arbeit, es gibt keine deutsche Modekammer. Dabei könnte die Politik Mode sehr gut nutzen, um ein modernes Deutschlandbild zu vermitteln.

The European: Nämlich wie?
Schirrmacher: Mode als modernster, dynamischster Teil unserer Kultur verfügt über eine internationale Sprache und funktioniert wie Musik ohne Worte. Frank-Walter Steinmeier zum Beispiel hat in seiner ersten Amtsperiode als Außenminister sehr stark auf Kultur und auch auf Mode gesetzt. Ich habe ­Besucherreisen für Journalisten aus aller Welt verantwortet und mit ihnen Modeateliers besucht. Oder bei einem Workshop habe ich über die Bedeutung der Mode für die strategische Außenkommunikation Deutschlands gesprochen. Es gibt wirklich Handlungsbedarf! Die französische und ­italienische Regierung fördert die Mode mit hohen Millionenbeträgen, in England empfängt Queen ­Elisabeth Modedesigner. Auch in Belgien, Dänemark, Österreich, Schweiz, Türkei, in ­Kanada, ­Indien, Südkorea oder Thailand – überall fördern Regierungen Modeschaffende. Die deutsche Regierung tut sich noch sehr schwer, das kulturelle und wirtschaftliche Potenzial zu erkennen, trotz ihrer ­Initiative Kultur- und Kreativ-Wirtschaft.

The European: Sie verantworten den European Fashion Award FASH, der Modeschüler fördert. Welcher von ­Ihren Schützlingen wäre denn besonders geeignet, Angela­ Merkel ein Abendkleid zu schneidern?
Schirrmacher: Tim Labenda, auf jeden Fall. Er hat das Handwerk als Schneider gelernt, sein schlichter Stil ist nicht zu weit von Merkel entfernt, und er ist intelligent genug, die Kanzlerin zu beraten und ihr nicht seinen Look aufzudrängen. Zudem versteht er viel von Inszenierung. Und die ist ja in der Politik nicht unwichtig. Es muss nur selbstverständlich wirken.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Thomas Piketty: „Der Mythos staatlicher Souveränität hilft Unternehmen, uns zu bescheißen“

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2014.

Darin geht es u.a. um Hitler: Wir haben den größten Verbrecher aller Zeiten zur Popfigur gemacht. Was dieses „Hitlertainment“ über uns verrät, debattieren u.a. Timur Vermes und Ernst Nolte. In weiteren Debatten geht es um den gerechten Krieg (u.a. mit Egon Bahr) und das Ende der Globalisierung (u.a. mit Thomas Piketty).

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von Florian Guckelsberger
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