Der Mensch kann nicht in einem einzelnen Lebensbereich recht tun, während er in irgend einem anderen unrecht tut. Mahatma Gandhi

Frisch, fromm, fröhlich, frei: Jamaika komm herbei!

Wer will bestreiten, dass die Jamaika-Koalition nach ihrem Zusammenschmieden dem Volk mit Fröhlichkeit und Frische zu demonstrieren hat, was sie Gutes erreichen will!? Da mögen die Skeptiker ihr Süppchen kochen und da mag das ganz normale Pokern der Koalitionäre Fragen aufwerfen. Aber all jene, die sich hier nun konstruktiv zu tummeln haben, wissen, dass sie zum Erfolg verdammt sind.

Für ein Land, das seit 2015 von den sogenannten Rettern des Abendlandes und ihren teilweise skurrilen Gefolgsleuten durchaus mächtig durcheinander gerüttelt wurde, für ein Land, das allen Unkenrufen zum Trotz seine braunen Schattenseiten längst aufgearbeitet hat (rechtsradikale Umtriebe überlassen wir der Strafverfolgung!), für ein Land, das demnach mit Stolz auf so Vieles in seiner Geschichte zurückblicken kann, darunter auch auf die für die Überwindung der Kleinstaaterei und die Freiheitsrechte in Deutschland so wichtigen studentischen Bewegungen, für dieses stolze Land darf der Leitspruch des legendären Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn „Frisch, fromm, fröhlich, frei“ nun in historischer Perspektive neue Strahlkraft erlangen.

Damit wären wir mittendrin in jenem gigantischen Kraftfeld, aus dem heraus unser Staat seine Rechtfertigung und Motivation erhält: Jenem Kraftfeld, das vor dem Hintergrund der Aufklärung und des Versagens in der Zeit des Nationalsozialismus nun auf dem Fundament des Grundgesetzes eine Orientierung bietet, die uns Frieden, Freiheit, Wohlstand und soziale Gerechtigkeit bescheren möchte. Der Begriff „fromm“ (mittelhochdeutsch „frum“) in des Turnvaters Losung hat übrigens von seiner Entstehung her nichts mit Frömmigkeit zu tun, sondern meint etymologisch hier „fleißig“. Wer will bestreiten, dass die Bewerkstelligung der Jamaika-Koalition großen Fleiß erfordert!? Wer will bestreiten, dass sie im Geiste politischer Freiheit zu entstehen hat, die sich die abendländische Kultur über Jahrhunderte sukzessive errungen hat? Ja, wer will bestreiten, dass die Jamaika-Koalition nach ihrem Zusammenschmieden dem Volk mit Fröhlichkeit und Frische zu demonstrieren hat, was sie Gutes erreichen will!? Da mögen die Skeptiker ihr Süppchen kochen und da mag das ganz normale Pokern der Koalitionäre Fragen aufwerfen. Aber all jene, die sich hier nun konstruktiv zu tummeln haben, wissen, dass sie zum Erfolg verdammt sind. Im Kern geht es darum, der Öffentlichkeit zu demonstrieren, wie Demokraten Sorge dafür tragen, dass dieses Gemeinwesen weiter blüht, so wie es seit Jahrzehnten blüht.

Blühende Landschaften

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands ist – für alle erkennbar – auch der Osten dieser Republik weithin zum Blühen gebracht worden. Die Erfolge auf dieser Strecke sind sehr einfach mit zwei Blickrichtungen nachweisbar: Mit dem Blick zurück in die kollabierende DDR und mit dem Blick über den Tellerrand der Nation. Mit gesundem Menschenverstand wird dann deutlich, welch unsäglichen Einfluss notorische Nörgler und undankbares Gesindel haben können. Es muss mal ausgesprochen werden: Es ist schon kurios, dass viele Menschen derzeit auf Konfrontationskurs zu den Regierenden sind, denen es dank der Regierenden so gut geht wie niemals zuvor. Zugleich will ich deutlich machen, dass man den Verweigerern durchaus Verständnis entgegenbringen sollte, soweit sie nicht verfassungsfeindlich abdriften.

Meine Freude am Abend der Bundestagswahl war euphorisch. Bedeutet Jamaika für mich als Mann der Mitte doch das Zusammenspiel jener Parteien, die ich als Mitglied erleben durfte. Als „Jamaikaner“ weiß ich aus Erfahrung, dass das Erkennen der gediegenen gemeinsamen Schnittmenge zwischen CDU/CSU, FDP und Grünen ein emotionales Erleben ist, das den meisten bisher verborgen war. Dies ist nicht kritikwürdig, weil es in einer Demokratie zum politischen Ritual gehört, dass Parteien sich voneinander absetzen, um eine bestimmte Klientel zu erobern. Zur Erklärung meines eigenen Erlebens: In meiner Jugend wurde ich durch die Friedens- und Umweltbewegung politisiert. Als Fan des vormaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Herbert Gruhl, der Ende der 70er-Jahre Mitbegründer der Grünen war, wurde ich 1979 Grünen-Mitglied in NRW, nach knapp zweijähriger Mitgliedschaft war ich anschließend 21 Jahre lang friedens- und umweltbewegtes CDU-Mitglied und schließlich zehn Jahre Mitglied der FDP Sachsen. Dabei blieb ich permanent meinen Grundsätzen treu: Sozial, ökologisch, friedensbewegt, sicherheitsbewusst und ökumenisch. Zu meinem Freundeskreis gehören auch Wähler ganz anderer Parteien.

Ich weiß aus eigener Anschauung und Erfahrung, dass diejenigen, die diesmal aus Protest AfD gewählt haben, zumeist nur ihre Ruhe haben wollen. Einige machen jedoch in aggressiver Weise Stress, der mit unserer abendländischen Kultur nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Beide Strömungen eint jedoch, die Angst vor dem Flüchtlingszustrom und vor wirtschaftlichen Nöten. Darauf gilt es zu reagieren, indem man die Menschen dort abholt, wo sie stehen. Es gilt, die Menschen einzuladen, sich im politischen System einzubringen. Diejenigen, die zukünftig für die AfD in den Parlamenten sitzen, haben sich ihr Ticket zum Mitmachen bereits selbst besorgt. Nun folgt die Bewährungsprobe im politischen Geschäft. Wir dürfen uns auf spannende Debatten freuen.

In meiner Jugend hieß es noch, dass man für eine parteipolitische Karriere die sogenannte Ochsentour durchleben müsse. Die Parteienforschung beschreibt damit den seinerzeit üblichen und oft mühseligen Verlauf einer Politikerlaufbahn von unten nach oben. Wie frisch, fromm, fröhlich und frei hat die Wiedervereinigung Deutschlands diesen bis dato gültigen Grundsatz gesprengt! Unzählige Politiker erschienen als Quereinsteiger auf der Bühne. Und das war gut so! JEDER war eingeladen mitzumachen. Die Politiker aller Ebenen sind diejenigen, die die Richtlinienkompetenz wahrzunehmen haben. Und die Verwaltung ist der Apparat, der für die Umsetzung zu sorgen hat. Warum dann heute wieder solches Jammern über die angebliche Dominanz westdeutscher Führungskräfte in Ostdeutschland?

Stolz und Vorurteil… oder?

Zweifellos hat der Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung, Thomas Krüger, mit seiner Kritik an der Bevorzugung von Westdeutschen bei der Besetzung von Führungspositionen in Ostdeutschland den Nerv jener getroffen, die im Osten rechtspopulistischen Bewegungen anhängen. Die Grundsätzlichkeit seiner Rede muss jedoch beklagt werden. Denn hier wird völlig unnötig eine bereits abgehetzte Sau durchs Dorf getrieben. Herrn Krüger beschert dies die Beachtung der Medien. Aber mal ehrlich: Auch Herr Krüger weiß, dass es nach der Wende in vielen Verwaltungsbereichen jener Fachkräfte aus dem Westen bedurfte, die sich heute im Lichte der nun vorgebrachten Kritik zuweilen mit dem Rücken an der Wand stehen sehen. Nur jene ostdeutschen Führungskräfte mussten nach der Wiedervereinigung Deutschlands gehen, die der SED als ideologisches Rückgrat dienten. Fachkräfte unterschiedlichster Bereiche, sogar solche, die bei der NVA Führungspositionen innehatten, durften in den neuen Strukturen des demokratischen Deutschland bleiben. Lieber Herr Krüger, bitte besänftigen Sie die Geister, indem Sie kommunikative Brücken bauen. Mit ihrer Behauptung eines „kulturellen Kolonialismus“ haben Sie leider unnötigerweise Öl ins Feuer einer Diskussion von vorgestern gegossen. Denn mit dem Beitritt der neuen Bundesländer zum Bundesgebiet galt es systemimmanent, die Rechtssysteme gänzlich neu zu organisieren. Da haben zigtausende Fachkräfte aus den alten Bundesländern engagiert Pate gestanden und zugleich Verantwortung übernommen, aber keinen Kolonialismus betrieben. Sie sollten mit diesem Grundverständnis einer der engagiertesten Integratoren sein. Auf dieser Strecke hat Ihre Behörde in Kooperation mit den Landeszentralen für Politische Bildung Wichtiges geleistet. Weiter so!

Zur Ehrenrettung von Herrn Krüger will ich anmerken, dass er zuweilen in seiner eigenen Behörde nur ein Spielball höherer politischer Kräfte ist. Mir ist bekannt, dass er einst selbst zuschauen musste, wie zwischen einem früheren Bundesinnenminister und einem früheren Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ein Abteilungsleiterposten in seiner Bundeszentrale zugunsten eines West-Bewerbers verschachert wurde und das Ausschreibungsverfahren des Bundesinnenministeriums somit als Farce enttarnt war. Der Fall ist beim Amtsgericht Bonn aktenkundig. Also, Herr Krüger, ich komme nicht umhin, Ihnen insoweit doch ein Stück weit Recht zu geben.

Die Streitkultur und die sächsischen Verhältnisse

Angesichts der oft vergifteten Atmosphäre in den sozialen Netzwerken, die unerbittlich den Riss in unserer Gesellschaft offenbart, muss es als die wichtigste Losung der Zukunft begriffen werden, mit einer ebenso engagierten wie kreativen Streitkultur wieder für sozialen Frieden zu sorgen. Es gilt, kommunikative Brücken zu bauen und mit der Identifikation neuer gemeinsamer Schnittstellen blockierenden Profilneurosen und blankem Hass ebenso diplomatisch wie machtvoll Paroli zu bieten. In den letzten Jahren ist so viel Porzellan zerschlagen worden. Der Ausgang der Bundestagswahl ist keine Tragik, auch wenn es viele so empfinden mussten. Die Herrschenden haben einen Schuss vor den Bug bekommen und manche wurden auch politisch versenkt.

Im Freistaat Sachsen taucht nun infolge des Abdankens von Ministerpräsident Tillich nun der von ihm empfohlene Michael Kretschmar auf – und zwar wie Phönix aus der Asche seines desaströsen Wahlergebnisses in Görlitz, wo ihn seinerseits ein AfD-Neuling mit einem Erststimmentriumph aus dem Bundestag gefegt hat. Damit weiß niemand besser als Herr Kretschmer, dass dieses Durchstarten eine besondere Sensibilität erfordert. Die Personaldecke ist dünn, die Verantwortlichen sind dünnhäutig und demütig, aber auch entschlossen, aus dem Erlittenen zu lernen – dies sind die besten Voraussetzungen für neue Erfolge. Die alten Systeme, insbesondere diejenigen der CDU, haben Rost angesetzt. Zwar hat sich die CDU stets als innovativer Motor verstanden, aber in der Selbstgefälligkeit vieler Politiker und ihrer Apparate wurde dies von vielen Wählern als Worthülse entlarvt.

Als wegweisend mögen die Worte des Preisträgers für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Jahr 2015, Navid Kermani, dienen: „Die Liebe zum Eigenen – zur eigenen Kultur wie zum eigenen Land und genauso zur eigenen Person erweist sich in der Selbstkritik… Die Selbstliebe hingegen muss, damit sie nicht der Gefahr des Narzissmus, des Selbstlobs, der Selbstgefälligkeit unterliegt, eine hadernde, zweifelnde, stets fragende sein.“
Parteien, die in diesem Sinne mit kreativer Streitkultur überzeugende Konzepte für die Wahrnehmung politischer Verantwortung vorlegen, dürfen hoffen, von den Menschen neues Vertrauen geschenkt zu bekommen. Es soll der Republik gut tun, wenn die Jamaika-Koalition auf diesem Weg frisch, fromm, fröhlich und frei erfolgreich ist. Und in vier Jahren heißt es dann wieder: Neues Spiel, neues Glück!

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Joachim Brockpähler : „Lust statt Frust!“

Leserbriefe

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