Die große Mehrheit der Menschen steht hinter der Occupy-Bewegung. Joseph Stiglitz

Mehr Schein als Sein

Der Sieg über die Pinscher steht kurz bevor, denn KT reagiert lässig auf die Anklagen. Er bedient damit tief sitzende Ressentiments in der Bevölkerung, die weder Politikern noch der oft beschworenen Intelligenzia so richtig vertraut.

Dr. Mabuse: unberechenbar, eiskalt, wahnsinnig. Der gefährliche Wissenschaftler ist ein Leitmotiv der deutschen Kultur. Und sein Antipode der pingelige, umständliche, besserwisserische. Fast erleichtert scheinen die Verteidiger zu Guttenbergs zu sein, dass er, der strahlende, entscheidungsstarke ‚Souverän‘ doch nicht zu einer dieser Kategorien zählt. Vielmehr hat er es denen lässig gezeigt, mit List das ‚Kleinkarierte‘ umsegelt, dem großen Ganzen, dem Eigentlichen verpflichtet. Jetzt gilt es noch, endgültig den Sieg über die ‚Pinscher‘, wie sie FJS weiland nannte, davonzutragen und kampfesgestärkt und schlachtengenarbt die letzte Probe vor dem ganz Großen zu bestehen.

Eine Petitesse halt

Hierzulande nimmt man einem Mann nicht wirklich übel, wenn er bei etwas trickst, was man selbst nicht schätzt oder undurchsichtig, klugscheißerhaft, weltfremd findet. Eine Petitesse halt, eh, eine Kleinigkeit. Merkel, die es eigentlich besser wissen müsste, das zeigt ihr leidenschaftsloser, die Wissenschaftlerin auszeichnender Stil: ‚Habe keinen Assistenten eingestellt.‘ Genau das ist nämlich die Wahrnehmung vieler. Schröder geriet ‚der Professor‘ mit Erfolg gar zum Schimpfwort im Wahlkampf. Nein, Achtung hat man in diesem Lande eher nicht vor der intellektuellen Leistung. Klar, ein Dr. vor dem Namen schmückt, aber, dass es was mit Leistung zu tun hat, wirklich gesellschaftlich zählt: Tendenz nein. Anders als in Frankreich, wo das Intellektuelle spielerisch sein, auch mit Glamour einhergehen kann. Deutsche Akademiker sind grosso modo misstrauisch gegenüber öffentlichem Strahlen. Von schlecht sitzenden Anzügen ganz zu schweigen. Academia hat zudem mit den freiwillig nach 1968 abgeworfenen Talaren und buchhalterisch-schulisch organisierten Massenuniversitäten beim öffentlichen Ansehen gründlich die eigene Selbstdemontage betrieben.

Entsprechend hat sich Guttenberg trotz hoher intellektueller Kapazität einem anderen Wertesystem verschrieben. Da zählt nicht so sehr der akademische Comment, da geht es um höhere Berufungen. Anders ist der mangelnde Stolz, der mangelnde Respekt vor sich selbst nicht zu erklären, mit dem, es muss wiederholt werden, selbst eine Einleitung abgekupfert und nicht mal selbst Korrektur gelesen wird. Mangelnde Erinnerung an diese Details ist nur durch deren Geringschätzung zu erklären, will man immer noch nicht an die bewusste Täuschung glauben. In ‚Kreisen‘ delegiert man niedere Aufgaben. Das hat höfische Tradition. Der König und sein Narr.

Aura als Funktion des Politischen

Da trifft die Intellektuellenskepsis auf das sehnsüchtige Festhalten vieler an der einen einzigen Lichtgestalt der Politik. Denn: Hat Politik in der Publikumswahrnehmung überhaupt noch viele Handlungsspielräume? Sind nicht Aura und Entschlossenheit heute ihre eigentliche Funktion? Genauer: des einzelnen führenden Politikers? Dass politische Entscheidungsfindung vor allem mit Kärrnerarbeit, Kompromissfindung und, ja, ernsthafter Sachauseinandersetzung zu tun hat, wird kein naher Beobachter des Politbetriebs ernsthaft bestreiten wollen. Nur: Das alles vermittelt sich medial nicht annähernd so griffig wie der Slogan und der Auftritt.

Deutsche Durchschnittspolitik und deutsche Intelligenzia sind sich letztlich sehr ähnlich: Grau. Bloß nicht glänzen, das ist die Moral der Askese, das Erbe preußisch-protestantischer Disziplin; die Angst vor Größe ist durchaus nachvollziehbar nach dem Größenwahn des letzten ‚Reiches‘. Nur ist ,leider‘ die Sehnsucht nach dem Strahlen, dem Idol, dem Menschen zu eigen. Guttenberg bedient(e) es. Sollten wir ihn jetzt verlieren, gibt’s im April ja immer noch William und Kate …

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Mark Kayser, Kai Wegrich, Ernst Elitz.

Leserbriefe

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