Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen, nicht die Gerichte. Ernst Ulrich von Weizsäcker

New York, Old York

Das Fernsehen: Auweia! In Tokio seltsamer Softporn. Im Kosovo Wackelkulissen. In Rio wüste Reality. In Teheran Religionseiferer. In Rom Glitzermädels oder Schwarz-weiß-Dokus. In Kairo Hallmuezzins. Aber Wegweisendes in die Zukunft? Geschieht im Netz.

Der Horror für Kulturpessimisten und Reisemanager. Angekommen im Hotel schalte ich erst mal den Fernseher ein. Parallel zum Netbook. Atme das Land, das ich kenne, das ich nicht kenne, durch sein TV-Programm. Auweia! In Tokio seltsamer Softporn. Im Kosovo Wackelkulissen. In Rio wüste Reality. In Teheran Religionseiferer. In Rom Glitzermädels oder Schwarz-weiß-Dokus. In Kairo Hallmuezzins. In der Südsee, wirklich, Touritänze, oder waren’s doch die Einheimischen? Ultimativ war’s immer in New York. 1978 Sid Vicious auf Undergroundstationen. Und witzige Werbung en masse.

Alle seltsam verstaubt, müde, charismalos

1986 campy Kinderprogramm mit Peewee Herman, schon vorher MTV. Letterman, “Sex in the City” in den 90ern. Grandiose TV-Opi in den Nullern, “Six Feet Under”, “Damages”. “Sopranos” sowieso. Die echten Geschichten, die Stadt da draußen jenseits der Fenster, hatten es schwer. Bin gerade zurück aus dem Apple, ein neues Bild, ein sehr altes Bild. Das Zehnerjahrzehnt beginnt mit dem Niedergang. Zum ersten Mal kein Kick vor dem Bildschirm. Die üblichen Lokalspots mit Amateuren, die Talks, die “lustigen” Wetteranchors. Alle seltsam verstaubt, müde, charismalos. Selbst die Nachrichtenmorde sind nicht mehr das, was sie mal waren in New York. Klar, HBO & Co. Sind immer noch toll. HDTV auch. Aber der Aha-Effekt bleibt aus. TV ist nicht tot. Doch es definiert nicht mehr die Kultur.

Viele weitere Indikatoren belegen binnen Stunden die Verlagerung der Referenzpunkte für Lebensstil und mediale Kunst. Aus der ehemals tonangebenden Kapitale in die virtuelle Welt. Virgin Megastore am Times Square: Verschwunden. Nix CDs, DVDs, Books Galore. Downloading rules. New York Times Sunday Edition: Jetzt fünf (!) Dollar. Vom Massenblatt zur Teuerlektüre von Ostküstenconnaisseurs. Online fast gratis für alle. Selbst der Apple Store wirkt prä-iPad seltsam anachronistisch. Und Palm ist eh pleite. Doch der iPad und seine Vorläufer/Epigonen, Kindle, E-Reader, werden Print noch weiter zurückdrängen. Die Kreativität ist immer noch da. In den Köpfen, kaum sichtbar in den Spuren. Sie setzt die Impulse in der physischen Welt der Cafés des Meatpacking District oder von Williamsburg. Berlin schneidet dabei im Vergleich nicht schlecht ab. Auch wenn es nicht das neue New York ist, gar nicht sein sollte. Denn die Kreativität ist ähnlich hoch, deren Ausprägung und Formen anders. Wir erleben zugleich, dass nach fast 20 Jahren großer Träume über eine virtuelle Welt die reale ihre signifikanten Strukturen verliert. Jedenfalls in der Gestaltung von Räumen und analoger Kommunikation.

Das TV-Programm ist das beste der Welt

Architektur erschreckend banal in der kalten, nicht-wirklich-hippen South Street Area nahe der Brooklyn Bridge. Retroschön im Park auf den stillgelegten Gleisen der Hochbahn am Meatpacking. Remix und bauliche Samples. Virtuelle Trends werden zu Stein, Beton und Stahl. Und zu Natur. Aber Wegweisendes in die Zukunft? Geschieht im Netz. Weniger in der realen Stadt. Jedenfalls wenig in New York. Old York! Doch … Als vorgestellter Tourist zurück in Berlin. Den Fernseher sofort wieder an. Das TV-Programm ist das beste der Welt. Punkt. Vielleicht auch, weil wir online noch sehr weit hinter den USA zurückliegen. In der Kreativität möglicherweise. Im Verhalten allemal. Denn die neueste D21-Studie zeigt: Gerade mal 25 Prozent der Deutschen sind umfassend kompetente Web-Nutzer, fast ein Drittel sind’s so gut wie gar nicht. Noch ein Segen vielleicht für Traditionsmedien. Keiner aber für Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Mehr dazu ab April hier mit einer Online-Kolumne. Ich mache was anderes Neues. Danke schon mal theeuropean.de und den Lesern.

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