Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie. Erich Kästner

Den kenn ich doch …

Nicht jeder Schauspieler kann einen Oscar bekommen. Das Gros der TV-Menschen muss sich mit der Verkündung des Wetters und anderen Widrigkeiten herumärgern. Die kennen Sie doch, die Schattensterne ...

Nicht alle Nebendarsteller erstrahlen wie Christoph Waltz, gerade oscargekrönt. Film und Fernsehen sind bevölkert von Myriaden derer, die uns zutiefst vertraut sind. Und doch kennen wir nicht ihre Namen, suchen wir bei der unwahrscheinlichen Begegnung auf der Straße die Einordnung des Gesichts. Traf ich ihn/sie im Restaurant, bei einem Kongress, während des Familientreffens? Hatten wir gar schon mal was miteinander? Oder entstammt der Mensch doch dem audiovisuellen Universum. Ein Loblied also auf die Schattensterne. Irgendwie prominent. Namensbekannt nicht unbedingt.

Da erfreut die Gartenexpertin des ARD-belieferten Morgenmagazins. Vermeintlich und vermutlich tatsächlich harmlos. Doch mit Pummeligkeit, Freundlichmimik, hoher Mädchenstimme und Gartenschere auch vorstellbar als Frau mit dem anderen Gesicht. Nachts unschuldigen Männern auflauernd und ihnen scherenbewehrt den Garaus machend. Im Stil von Kathy Bates’ “Misery” und einem gefangen gehaltenen James Caan als Schriftsteller.

That’s what they call talking head

Oder Katja H., die uns das Wetter im ZDF einfühlsam und mit Märchenerzählerstimme so beruhigend nahebringt, als sei das Publikum ein Haufen gefährlicher Wahnsinniger, die jederzeit unkontrolliert Amok laufen könnten. Ob des schlechten Wetters oder einfach nur so. Da scheinen dem Film “Wall Street” Börsenexperten entstiegen, die Mick K. oder Ellen F. heißen. Blond mit Roboterstimme Kurse runterrasseln. That’s what they call talking head. Kahl rasiert und yuppiesk den Straightoe mit Revolvertimbre spielen. Da machen Aktien auch noch fallend Spaß.

Oder Nachrichtenmoderatoren, die den Eindruck machen, schon fast verzweifelt lieber im Schatten bleiben zu wollen. Gegen die Prominenz von Vorgänger und Amt. Mit Nettigkeit und immerhin öffentlicher Spekulation über Haarersatz. Apropos Haare. Nervig die austauschbar Unverwechselbaren, die mit glatter Schönheit in schlecht gemachter Werbung immer gut sitzende Wetterfrisuren preisen.

Seltsam gefärbte Haarschnitte, karierte Schals, Behindertenzutaten

Apropos Aussehen. Wunderlich, dass blöde kleine Accessoires ganz schnell aus dem Schatten in das Licht der Aufmerksamkeit befördern können. Seltsam gefärbte Haarschnitte, karierte Schals, Behindertenzutaten. Unverdient namenlos den meisten jedoch die, die nicht agentenbewehrt mehr Energie auf Privatstorys, Werbeverträge und Begleitpublicity als auf Leistung legen.

Nebendarsteller in der Öffentlichkeit. Hauptdarsteller in der Kunst. Schauspieler, die à la Waltz ob des schieren Könnens den Atem stocken lassen. Nina Kunzendorf in “Hurenkinder” oder “Polizeiruf 110”. Bis zur Oscarnominierung auch Burghart Klaußner aus “Das weiße Band”. Und unzähligen Produktionen zuvor. Selbst ein Sepp Bierbichler. Sie sind kein Insider, kennen die nicht? Dann dringend einschalten, wenn einer dieser Namen in der Besetzung auftaucht. Ihnen verdanken wir zusammen mit Regisseuren wie Dominik Graf oder Matti Geschonneck und guten Redakteuren und Produzenten, dass Fernsehen, auch deutsches, das Kulturgut Buch sogar übertreffen kann.

Auch die, die wir kennen, werden zu medialen Schattenmenschen

Die Kakofonie laut-aufdringlicher Auf- und Abfallprominenter allerdings überlagert schnell deren Leistung. Und unsere Gehirnkapazität lässt nur eine endliche Anzahl uns gut Bekannter zu. Genau deshalb entsteht die Schattenwelt der Halbbekannten. Genau sie demonstrieren, dass wir mental nicht säuberlich nach persönlicher und medialer Erfahrung, nach Realität und Fiktion unterscheiden.

Auch die, die wir kennen, werden zu medialen Schattenmenschen. Nämlich dann, wenn wir noch anderes Sinnvolles treiben als fernsehen. Websurfen, bügeln, lesen. Und der Apparat läuft im Hintergrund. Wir sind scheinbar nicht allein und nehmen doch nicht wahr oder blenden aus, was da passiert. Alle Fernsehfiguren machen wir dann zu Nebendarstellern unseres Lebens.

Übrigens müssten Sie die eine Frisurenfrau, die Ihnen in nahezu jeder Werbung irgendwie bekannt vorkommt, tatsächlich kennen. Sie ist es wirklich. Heidi Klum. Oder wie man sich durch Dauerpräsenz wieder unsichtbar macht.

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