Den ungerechtesten Frieden finde ich immer noch besser als den gerechtesten Krieg. Marcus Tullius Cicero

Gut kopiert ist halb gewonnen

Der Erhalt des Copyrights pervertiert den gesamten Kreislauf von Kultur und Wissen. Ursprünglich diente das Copyright dem Erhalt eines starken Wirtschaftsmonopols, heute dient es der Gewinnmaximierung. Zeit, daran etwas zu ändern.

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Schüler, die aus Wikipedia abschreiben, Verteidigungsminister, die ihre Dissertation zusammenkopieren, mächtige Internetkonzerne, die einfach ohne Erlaubnis Bücher zugänglich machen, schrankenlose Kommunikation mit fremden Ländern – das Internetzeitalter scheint jegliche Kontrolle über Informationen unmöglich zu machen. Blogger, die ungestraft ihre furchtbar falsche Meinung schreiben, Twitterer, die permanent Banalitäten in die Welt senden, Filesharer, die alles und jedes, was eine Datei ist, an alle und jeden verteilen – wie kann man dem noch etwas Positives abgewinnen?

Wirtschaftsmonopol

Das Chaos lichtet sich, wenn man zwei Dinge versteht. Zum einen ist das Internet im Wesentlichen „kondensierte Kommunikation“: Das Internet macht nicht dumm, es macht Dummheit nur sichtbar, so ein geflügeltes Wort. Wer mal an einem Tag seine sämtlichen Gespräche mit seiner Familie, seinen Kollegen, am Telefon und in der U-Bahn daraufhin beleuchtet, wie sie auf einer Web-Seite wirken würden, dem wird dies zweifellos klar.

Zum zweiten eröffnet das Internet die mediale read-write-Kultur, ein Begriff des Harvard-Professors Lawrence Lessig, dem Initiator der Creative Commons-Lizenzen. Diese Lizenzen sind bemerkenswerterweise bisher der einzig erfolgreiche Versuch, die neue Realität von Kultur im Internet abzubilden. Laut seiner eigenen Aussage will der Rechtsprofessor das Urheberrecht massiv reformieren – um es zu erhalten. Denn in der aktuellen Situation ist es ein pervertiertes Relikt.

Ein Relikt, das nach Erfindung des Buchdrucks ganz unverbrämt die Kontrolle über die Verbreitung und Reproduktion von Büchern für die Machthabenden sicherte. Ein staatlich gewährtes, wirtschaftliches Monopol, dessen Dauer in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter verlängert wurde, weil die heutigen Akteure überwiegend große Unternehmen sind, für die solche Monopole am liebsten ewig laufen sollten. Damit aber pervertiert man den gesamten Kreislauf von Kultur und Wissen und setzt anstelle des gesellschaftlich gewünschten Zieles eine Gewinnmaximierung für wenige – ganz im Zeitgeist von Börsenspekulationen und Konsumismus.

Reform zum Erhalt

Dem Copyright kommt heutzutage eine völlig unangemessen große Bedeutung gerade im Netz zu. Niemand macht sich auf der Straße Gedanken, wenn er „Happy Birthday“ singt. Übertragen auf das Internet drohten ihm dafür empfindliche Strafen, obwohl dies für den normalen Bürger keineswegs einleuchtend ist. Das Urheberrecht ist in Teilen schon zum Allzweckmesser der Kontrolle geworden, die Rechtsunsicherheit in diesem Bereich fördert lukrative Abmahnwellen und ermöglicht willkürliche Hausdurchsuchungen, ja, wird sogar zur Geheimhaltung bestimmter Schriftstücke missbraucht.

Aber die wirtschaftliche Betrachtung bietet uns auch einen Ausweg aus der anhaltend unbefriedigenden Situation: „Copyright is commercial“ – das Urheberrecht regelt nur kommerzielle Aktivitäten, heißt es in der gemeinsamen Uppsala-Erklärung der europäischen Piratenparteien von 2009. Eine zugegebenermaßen weitgehende Forderung, die aber meiner Meinung nach der Informationsgesellschaft wahrhaft angemessen ist und den öffentlichen Raum Internet nicht den Rechtsabteilungen der globalen Konzerne überlässt. Wir müssen uns nur irgendwann einmal entscheiden: Sind uns die Vorteile des Internets wichtig, oder wollen wir mit Gewalt versuchen, einige davon zu unterbinden? Ich denke, es gibt keinen Grund, das Letztere zu tun.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Till Kreutzer, Peter Ganea, Volker Kauder.

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