Manches Unternehmen würde dem Staat am meisten helfen, wenn es gemäß den Regeln vom Markt verschwindet. Stefan Quandt

Brücken in Potemkinsche Dörfer

Über viele Brücken musst du gehen – dass denkt auch Herr Jarzombek, wenn er Internetsperren als Brückentechnologie durchsetzen will. Doch die Technik nützt weder etwas, noch verhindert sie effektiv Kindesmissbrauch. Über diese Brücke müssen wir also in keinem Fall gehen.

Wem nützen Internetsperren? Jedenfalls nicht den immer wieder dafür ungefragt herangezogenen Missbrauchsopfern. Einige von ihnen sind im Verein MOGIS, "Missbrauchsopfer gegen Internetsperren“. Die Verfechter von Internetsperren wissen es offenbar besser, wessen Interessen sie vertreten, sie möchten das Wegschauen institutionalisieren und perfektionieren, das Problem unter den Teppich kehren, statt es anzugehen. Sie sind sich nicht zu schade, das Totschlagargument Kinderpornografie so oft im Munde zu führen, dass man schon den Eindruck bekommen muss, sie wären besessen davon – oder sie führten anderes im Schilde.

Kindesmissbrauch findet überwiegend in Familien statt

Dabei hat das Problem des Kindesmissbrauchs und der Kinderpornografie nur unwesentlich mit dem Internet zu tun. Kindesmissbrauch findet nach wie vor zum überwiegenden Teil im familiären Umfeld statt, ganz ohne Medien. Nur ein Prozent aller missbrauchten Kinder wird beim Missbrauch fotografiert oder gefilmt. Wer sich gegen Kindesmissbrauch engagiert, muss es hier tun – aber das ist natürlich nicht so simpel und medienwirksam, und es hilft einem nicht dabei, eine Zensurinfrastruktur aufzubauen. Wer der entrüsteten Wähler- bzw. Abgeordnetenschaft die Vergewaltigung eines Kindes vorspielt, wie es Frau v. d. Leyen letztes Jahr getan hat, kann im Anschluss auch Lynchjustiz fordern, man wird dem spontan zustimmen. Ich persönlich finde das widerlich.

Dokumente von Kindesmissbrauch, Fotos oder Videos etwa, können mit der Post verschickt werden, früher wie heute. Es werden auch nicht etwa Teile des Telefonnetzes gesperrt. Das Internet hingegen besteht aus verschiedenen Diensten wie etwa E-Mail oder Webseiten (WWW). Internetsperren würden genau das Austauschen von solchen kinderpornografischen Dokumenten untereinander oder in einer entsprechenden Gruppe überhaupt nicht beeinträchtigen.

Internetsperren sind gleichermaßen nutzlos und zensierend

Sie sind nicht nur in dieser Hinsicht nutzlos. Jeder 12-Jährige kann sie in zwei Minuten umgehen. Lohnt es sich dann wirklich, dafür überhaupt Geld auszugeben?

Internetsperren sind gleichermaßen nutzlos und zensierend. Dieser scheinbare Widerspruch lässt sich leicht auflösen: Für diejenigen, die sich solches Material beschaffen wollen, sind Internetsperren leicht zu überwinden, und der Austausch von solchem Material wird erst gar nicht durch diese Sperren eingeschränkt. Für den normalen Bürger hingegen sind diese Sperren zensierend, das zeigt die gängige Praxis der Länder, in denen es schon Sperren gibt. Dort sind weit mehr als die Hälfte der gesperrten Webseiten völlig ohne verbotene Inhalte und werden trotzdem ausgeblendet. Den Schaden hat also der normale Bürger, den Nutzen hat niemand. Wer nicht nach Kinderpornografie sucht, der wird auch keine finden, mit oder ohne Sperren.

Die Effektivität von Netzsperren ist nicht begrenzt, wie Herr Jarzombek meint, sie ist überhaupt nicht vorhanden, wie uns oft genug der Arbeitskreis Zensur bewiesen hat. Netzsperren sind auch keine Brückentechnologie, es sei denn, man will die jetzt endlich aufgetauchten unangenehmen Zahlen über die Arbeit des BKA an dieser Front überbrücken. Denn die zeigen ganz eindeutig, dass es nicht an Netzsperren fehlt, sondern an normaler Polizeiarbeit. Sie zeigen außerdem, dass das so mühsam aufgebaute Lügengebäude vom Milliardenmarkt und von den angeblichen Schurkenstaaten bei Licht betrachtet jämmerlich in sich zusammenfällt. Einen Schengen-Raum im Internet wünschen sich nur diejenigen, die Angst vor fremden Informationen haben oder diese schüren wollen.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    – 04.11.2010 - 11:40

    Komisch ist doch, dass diese klar verständlichen Argumente frei zugänglich sind und von jedem Menschen auch nachgeprüft werden können, aber trotzdem werden sie in der Politik nicht verwendet, sondern immer wieder das Märchen vom weltumspannenden Internet-Kipo-Milliarden-Unternehmen gesponnen.

    Wieso kann man die verantwortlichen Personen nicht zwingen, sich zu den Argumenten deutlich zu äußern? Die stellen sich wie immer taub und sitzen es aus.

    Viele Grüße
    Thomas

Aus der Debatte

Enquete-Kommission

Netzsperren untauglich

22205084_f71eb5e51f_o

Das Plädoyer von Thomas Jarzombek für “Netzsperren als Brückentechnologie” löste heftige Reaktionen aus. Einige stimmten ihm zu, aber überwiegend war das Echo weiter...

Jimmy-schulz1
von Jimmy Schulz
05.11.2010

Reizthema Netzsperren

Mixy 14

Netzsperren sind nicht perfekt, ihre Effektivität ist begrenzt. Doch sie sind eine ideale Brückentechnologie auf dem Weg zu internationalen Abkommen. Ziel muss es sein, auch ausländische Provider zum Löschen von pornographischen Inhalten zu bringen.

Jarzombek-thomas
von Thomas Jarzombek
29.10.2010

Medienkompetenz als Chance

Miss_karen 4

Das Internet bietet viele Chancen – doch nur der aufgeklärte Bürger kann sie wahrnehmen. Medienkompetenz ist der Schlüssel für diese Aufklärung. In der Enquete-K weiter...

4709536022_63cac7c683_z
von Christian Scholz
17.09.2010

Mehr zum Thema: Enquete-kommission, Netzsperre, Thomas-jarzombek

Debatte

Urheberrecht im Netz

Ieshraq

Urheberrecht im Netz

Das bisherige Urheberrecht ist vom technischen Fortschritt überholt worden. Die Frage ist: Was kommt jetzt? Sicher ist, dass der Schaffende weiterhin im Mittelpunkt stehen muss. Die Frage nach geis... weiterlesen

Sebastian_blumenthal
von Sebastian Blumenthal
06.07.2011

Debatte

Liquid Democracy und Parlamentarismus

110128778

Liquid Democracy und Parlamentarismus

Der technologische Fortschritt hat neue Möglichkeiten zur politischen Partizipation geschaffen. Jetzt wollen die Menschen mitreden. Partizipative Ansätze bieten die Möglichkeit, den Parlamentarismu... weiterlesen

Frederick_wegener
von Frederik Wegener
27.03.2011

Kolumne

Presseschauer
von Der Presseschauer
30.01.2011
meistgelesen / meistkommentiert