Sie können keine Gesundheitsreform machen, ohne dass alle die Katastrophe beschwören. Ulla Schmidt

Friedensengel in Uniform

Deutschland vergisst seine Soldaten. Während der Einsatz für Frieden und Vaterland anderorts hoch honoriert wird, kultiviert der brave Michel das Bild des schießwütigen Analphabeten und schwelgt beseelt im Pazifismus.

Weihnachten soll ja nicht nur das Fest der Familie, der Nächstenliebe und der Besinnlichkeit, sondern auch das des Friedens sein. Zumindest wenn man hört, dass sich große und kleine Kinder nicht nur eine neue Bohrmaschine, Chanel No. 5 oder Lego, sondern zudem plötzlich nichts Geringeres als Frieden auf Erden wünschen. Das ist freilich nobel, zweifellos, und gerade zu Weihnachten bieten sich dem saisonalen Pazifisten ungeheuer viele Möglichkeiten, die zur Rettung des Weltfriedens vom heimischen Sofa aus durchaus dienlich erscheinen. Dabei zählt zumeist nicht wirklich was, sondern dass gemacht wird. Und zur Not befriedet man eben nicht die Welt, sondern nur das eigene Gewissen.

Saisonaler Friedenstaumel

Jedoch ist das natürlich kein Wunder, denn schließlich ist das mit dem Frieden auf Erden auch keineswegs so einfach. Im Gegensatz zum Fulltime-Friedensaktivisten, dessen Sitzblockaden und Lichterketten noch keinen (vermeintlichen) Kriegstreiber sonderlich beeindrucken konnten, handelt das saisonal auftretende Friedenstäubchen deutlich klüger: Es spendet. Für Schulen in Brasilien, HIV-Impfungen in Botswana, Lebensraum im Amazonasgebiet und Brot für die Welt. Das verdient zweifellos Anerkennung und mag dem Frieden tatsächlich dienen. Wer hingegen nicht spendet, der kann immer noch beten. Zum Beispiel mit Margot Käßmann. Unter Umständen für die Taliban. Das hätte zwar dann mit Frieden ungefähr genauso viel gemein wie eine Partie Gummitwist mit einem Atomkrieg, würde in Deutschland aber vermutlich dennoch toleriert werden. Zumindest, seitdem die Bestseller-Autorin mit Expertise für rote Ampeln verkündete, dass in Afghanistan ohnehin „nichts gut“ sei und damit nahezu die gesamte Nation in einen rational nicht erklärbaren Friedenstaumel und Zustimmungsrausch versetzte.

Dass vielen Deutschen somit die Sicht auf die Dinge, die in Afghanistan tatsächlich gut sind, völlig vernebelt wurde, ist insofern nur konsequent. Dabei gäbe es da zum Beispiel Mädchenschulen, weniger Terrorcamps, mehr Stabilität und nicht zuletzt Truppen, denen all das zu verdanken ist. Dazu gehören übrigens auch Soldaten der Bundeswehr, was allerdings kaum jemanden interessiert, weil am Hindukusch ja eh nichts gut sein soll und die Politik selbst nach zehn Jahren immer noch nicht so genau weiß, ob dort nun Krieg stattfindet oder nicht. Da kennt das pazifistische Gemüt keine Ausnahme, auch nicht an Weihnachten. Und während die Amerikaner sich nun in puncto „Support our troops“ täglich selbst überbieten und die Israelis eifrig Chanukka-Partys für IDF-Einheiten sponsern, bekommen deutsche Soldaten am Hindukusch lediglich Besuch von Thomas de Maizière und Päckchen von öffentlichkeitsarmen Veteranenverbänden. Das ist zwar nett, zeigt jedoch, dass Deutschland im internationalen Vergleich auch bezüglich Anstand und Moral mal wieder gnadenlos versagt.

Kein Anstand, keine Moral

Nun wird ein Land, das sich „Nie wieder Krieg“ auf die Fahnen geschrieben hat, freilich auch in puncto Solidarität keine Meisterleistung zustande bringen. Denn wer einerseits die Bundeswehr bewerben, andererseits jedoch deren Existenz lieber verschleiern und zudem zarte pazifistische Seelchen nicht mit der militärischen Realität konfrontieren will, von dem kann man natürlich auch keine Aufmerksamkeit für weltweit verstreute Truppen erwarten. Insofern werden auch die Soldaten selbst eher geflissentlich ignoriert, wenngleich sie natürlich nichts für das verkorkste Denken der zuständigen Eliten können, denen sie die flächendeckende Missachtung größtenteils verdanken.

Und so breitet sich das Bild vom Soldaten als schießwütigem Analphabeten selbstverständlich nicht nur im linken Spektrum, sondern auch in großen Teilen des Mainstreams munter aus. Deshalb kämpfen die saisonal auftretenden Friedenstäubchen auch nicht gegen posttraumatische Belastungsstörungen, sondern vielmehr für Brunnen in Afrika. Letzteres ist natürlich edel, zweifellos. Nur sollte man zuweilen nicht vergessen, wer sich eigentlich dafür einsetzt, dass der Durchschnittsdeutsche auch weiterhin in Frieden und vom Sofa aus für Brunnen, Schulen und Kindergärten in Dritte-Welt-Ländern eintreten darf. Das sind, man höre und staune, nämlich tatsächlich Soldaten, die entgegen aller Annahmen nicht wahllos um sich ballern, sondern sich aktiv für Freiheit, Frieden (jawohl!), Sicherheit und westliche Werte einsetzen. Werte, die keineswegs selbstverständlich sind, sondern errungen und verteidigt werden müssen. Auch, wenn man dafür sein Leben aufs Spiel setzt oder, wie es aktuell bei 8.000 Bundeswehrsoldaten der Fall ist, Weihnachten im staubigen Feldlager und nicht unter der Nordmanntanne verbringt. Und genau jenen sei gesagt:

Thanks for your service, take care and have a merry joyful Christmas.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Marcel Weißenfels – 24.12.2011 - 10:56

    Danke!

  • Theeuropean-placeholder
    Arne Dominik Ant – 24.12.2011 - 13:46

    Danke von einem Mietglied der “öffentlichkeitsarmen Veteranenverbänden” und wir arbeiten daran bald nicht mehr so offenlichkeitsarm zu sein! Frohe Weihnachten!

  • Theeuropean-placeholder
    Bertha von Suttner – 25.12.2011 - 06:27

    Wie soll den Begeisterung aufkommen bei einem sinnlosen und bereits heute verlorenen Krieg? Nathalie schafft es das schlimmste Problem dieses Wahnsinns auf den Punkt zu bringen. Wofür kämpfen und sterben unsere Soldaten? Für westliche Werte? Fur den Krieg gegen Terror?, Für das durch und durch korrupte Karzai-Regime. In zwei oder drei Jahren werden die Allierten Truppen abgezogen und wir hintelassen den Afghanen, ein zweites Vietnam, ein zweites Irak. Schon jetzt ist klar, dass die Taliban wieder die Macht übernehmen und es stellt sich die Frage, “Wofür mußten all diese Menschen sterben?”. Meine Gefühle sind mit den afghanischen, russischen und allierten Opfern dieses seit 1980 auf dem Rücken von friedlichen Menschen geführten “Stellvertreterkrieges”. Insbesondere mit der Familie eines Jugendfreundes, der heute in Kabul eingesetzt ist und dessen Mutter, das nicht erzählt werden darf, da sie ansonsten Psychopharmaka benötigt, um nicht vor Angst um ihren Sohn verrückt zu werden.

  • Theeuropean-placeholder
    Soldat Schwejk – 02.01.2012 - 17:03

    Die arme Frau Mama hätte ihrem Sohn bei der Berufswahl mal lieber etwas besser auf die Fingerchen geschaut, als nun durch Tablettenschmeissen die KV zu belasten.

  • Theeuropean-placeholder
    Joe Weishaupt – 25.12.2011 - 07:20

    Wir sollten auch nicht Begeisterung aufkommen lassen, auch die vielen Opfer und Gefallenen des Krieges sollten nicht vergessen werden.
    Aber vielleicht sollten wir einfach mal Danke sagen, eine Kerze ins Fenster stellen und ein wenig Solidarität, mit den Einzigen die wirklich aktiv für eine bessere Zukunft eintreten, zeigen.
    Thank you for your service – Danke an unsere Jungs und Mädels in den Einsatzgebieten. Kommt gesund nach Hause!
    .

  • Theeuropean-placeholder
    Hoba Riot – 25.12.2011 - 13:39

    Die Dame kann nicht schreiben, zweifellos. Und dieses ich-und-ein-paar-wenige-andere-kämpfen-hier-mit-unserer-Meinung-ganz-alleine-gegen-den-Mainstream-Gehabe ist nicht erst seit Sarrazin falsch und dummes Gewäsch und unerträglich. Wenn der Mainstream hierzulande tatsächlich pazifistisch wäre, wäre die Bundeswehr schon längst nicht mehr am Hindukusch oder sonstwo, sondern abgeschafft. (Der Deutsche freut sich eben immer noch wie ein Herr Kauder, wenn wieder Deusch gesprochen wird in der Welt.)
    Über unsere Solidarität und ein kleines Kerzlein im Fenster, wie Joe Weishaupt schreibt, werden sich die posttraumatisierten Jungs allerdings sicher ein Loch in den Bauch freuen. Ich stell sogar noch eins für die hungernden Negerlein daneben. Und dann gibts Gänsebraten gegen den Rechts- und Linksterrorismus.
    Frohes Fest!

Aus der Kolumne

Neues aus Meschuggestan

Fatwas gegen Shahin Najafi

Shahin_najafi_2 4

Der Umgang mit den Todesfatwas gegen den iranischen Rapper Shahin Najafi zeigt anschaulich, wie selektive Empörung in Deutschland funktioniert.

Jennifer_pyka
von Jennifer Nathalie Pyka
19.05.2012

Über den Unsinn des Karikaturenverbots

144027110 24

Das geplante Karikaturenverbot basiert nicht nur auf skurriler Logik, sondern ist gleichzeitig zutiefst antidemokratisch.

Jennifer_pyka
von Jennifer Nathalie Pyka
12.05.2012

Über das Wesen der Antisemitismus-Keule II

Photocase4dkfwxc453510021 61

Zu den Vorzügen der Antisemitismus-Keulen-Debatte gehört nicht nur, dass sie herrlich vom subtilen Judenhass ablenkt, sondern auch der Opferbonus, den sie dem vermeintlichen Zielobjekt verschafft.

Jennifer_pyka
von Jennifer Nathalie Pyka
05.05.2012

Mehr zum Thema: Militarismus, Afghanistaneinsatz, Pazifismus

Debatte

Zivilgesellschaft und Militär in Israel

Soldat_jerusalem

Zivilgesellschaft und Militär in Israel

Durch Soziale und politische Bewegungen wird die Gesellschaft in den Fokus internationaler Beziehungen gestellt und die Machtposition des Staates neu verhandelt. Auch in Israel grenzen sich unabhän... weiterlesen

Uri-ben-elizier-kopf
von Uri Ben Eliezer
20.11.2009
meistgelesen / meistkommentiert