Alles, was gegen die Natur ist, hat auf Dauer keinen Bestand. Charles Darwin

Selektiver Opferkult

Die Deutschen bewerten einen Anschlag wie den von Lüttich nach der Motivation des Täters. Dabei sollten alle antidemokratischen Tendenzen gleich ernst genommen werden.

Man kann den Deutschen ja wirklich allerhand nachsagen: zu viel Bürokratie, zu wenig Humor oder zu schlechtes Essen – zumindest im internationalen Vergleich. Doch eines, das können sie wirklich gut: differenzieren. Zum Beispiel zwischen Bio- und Ökokost, zwischen gemäßigten und weniger gemäßigten Taliban, zwischen relevanter und irrelevanter Gewalt sowie zwischen interessanten und weniger interessanten Opfern.

Deutsche Differenzierungselite

Relevante Gewalt, oder in diesem Fall eher ein relevantes Blutbad, fand beispielsweise im Sommer dieses Jahres in Oslo sowie auf der Insel Utøya statt. „Blond, blauäugig und skrupellos“ soll der Täter „Spiegel Online“ zufolge gewesen sein, zudem auch noch rechtsextrem, rassistisch, christlich und nationalistisch gepolt. Anders B. Breivik hatte damals noch nicht mal seine Zelle in der JVA bezogen, da wusste man sogar schon, welche Bücher er gern las und wer ihn angeblich von Deutschland aus zu seinen Taten inspiriert haben soll. Doch abgesehen davon stand schnell fest, dass einzig Breivik, und niemand sonst, für das Blutbad verantwortlich war und den Opfern sowie deren Angehörigen vollstes Mitgefühl gilt. Etwas also, was zwar völlig logisch ist, in Deutschland jedoch Seltenheitswert hat.

Im Gegensatz dazu erscheint das Attentat von Lüttich vergleichsweise irrelevant. Klar, es war blutig, kostete bislang fünf Menschen das Leben und zog 125 Verletzte nach sich. Aber das scheint irgendwie noch nicht genug Leid zu sein, um den bundesdeutschen Betroffenheitsbürger vom moralischen Hocker zu hauen. Nunmehr vier Tage nach der Tat wurde der Amokläufer noch nicht mal mit einem Wikipedia-Artikel bedacht, was vermutlich auch daran liegt, dass man kaum etwas über ihn weiß. „Waffennarr“ soll er gewesen sein, zudem männlich, marokkanischen Ursprungs und irgendwie auch ein bisschen vorbestraft. Welche Lektüre auf seinem Nachtkästchen lag, ist ebenso unbekannt wie der Background der Opfer, die Amrani auf dem Gewissen hat. Das waren einfach nur normale Weihnachtsmarktbesucher, die jedoch dummerweise das Pech hatten, nicht einem rassistisch motivierten Täter, sondern schlichtweg einem ganz normalen Irren zum Opfer gefallen zu sein. Deshalb fallen sie auch durch das sauber durchdifferenzierte Raster deutscher Qualitätsmedien und Bildungsbürger.

Sollte sich nun jedoch herausstellen, dass der Irre von Lüttich tatsächlich islamistisch motiviert gewesen ist, so würde auch das freilich keineswegs etwas an der Relevanz, sondern höchstens an der Interpretation der Tat ändern. Sodann käme die deutsche Differenzierungselite zum Einsatz, die uns dann im „ARD Brennpunkt“ erklärt, dass der Täter eine schwere Kindheit hatte und von seiner Umwelt nicht genügend Beachtung erhielt, weshalb ihm in letzter Konsequenz quasi nichts anderes übrig blieb, als drei Granaten zu zünden und wahllos um sich zu ballern. In dem Fall wäre dann nicht mal der Täter, sondern vielmehr die „Gesellschaft“ schuld, zu denen ja vielleicht auch die Weihnachtsmarktbesucher in Lüttich gehören. Hinsichtlich der Schuldfähigkeit des Täters müsse hier säuberlich differenziert werden.

Dieses Schema lässt sich aber auch anderweitig anwenden. Es greift ebenso bei pyromanisch veranlagten Autonomen, die in ihrer Freizeit gerne Luxuskarossen in Berlin in Brand setzen. Die sind nämlich nur partiell schuldfähig, da sie, zumindest dem Berliner Innensenator Körting zufolge, schließlich auch pausenlos „provozierend parkenden“ Luxuskarossen ausgesetzt seien. Schuld trüge also der Porsche-Besitzer, der nicht nur medial und öffentlich uninteressant ist, sondern auch maßgeblich zur Eskalation beigetragen haben soll. Gleiches gilt für vier US-amerikanische Soldaten, deren schiere Anwesenheit den Frankfurter Arid U. offenbar derart provoziert haben muss, dass dieser keinen anderen Ausweg sah, als im März dieses Jahres wild um sich zu schießen, dabei zwei jener „Kreuzzügler“ gezielt zu töten, zwei weitere zu verletzen und so das erste gelungene, islamistisch motivierte Attentat in Deutschland zu begehen. Hier wurden wohl ebenfalls religiöse Gefühle verletzt, weshalb nicht nur differenziert, sondern langfristig auch ignoriert werden muss – oder wissen Sie, was Arid U. gerade so treibt, wie seine Strafe aussehen wird und wie es den dabei verletzten Soldaten oder den Angehörigen der Toten ergangen ist?

Deckmantel der moralischen Hoheit

Nein? Macht nix. Arid U., linksradikale Autonome sowie der Attentäter von Lüttich sind vielleicht irre, aber nicht rechtsextrem. Deshalb sind deren Opfer lange nicht so viel wert wie die Opfer Breiviks, und auch Blutbäder sind nicht gleich Blutbäder. Auf die richtige, beziehungsweise eben falsche, Gesinnung des Täters kommt es an, und wenn die nicht vorhanden ist, so muss man eben differenzieren. So lange, bis niemandem mehr auffällt, welch perfide Gesinnung sich unter dem Deckmäntelchen der vermeintlich moralischen Hoheit verbirgt. Es geht nicht darum, Rechtsextremismus zu verharmlosen und indes zugleich islamistischen Attentaten mehr Beachtung zu zollen. Es geht einzig darum, jede Art von Gewalt sowie antidemokratische Tendenzen generell ernst zu nehmen. Unabhängig davon, ob die Täter links, rechts, muslimisch, christlich oder einfach nur irre sind.

Leserbriefe

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    markus – 17.12.2011 - 16:50

    Es geht nicht darum, Rechtsextremismus zu verharmlosen und indes zugleich islamistischen Attentaten mehr Beachtung zu zollen. Es geht einzig darum, jede Art von Gewalt sowie antidemokratische Tendenzen generell ernst zu nehmen. Unabhängig davon, ob die Täter links, rechts, muslimisch, christlich oder einfach nur irre sind.

    Genauso! und nicht anders ist es. Danke für’s klare Formulieren!

  • Theeuropean-placeholder
    Piet – 17.12.2011 - 20:26

    Wobei zwischen brennenden Autos (sind die wirklich in der Masse Autonomen zuzuschreiben? Oder bescheuerten Hohlköppen?) und brennenden Menschen schon ein Unterschied besteht, soweit möchte ich dann doch differenzieren. Ansonsten sehr schön geschrieben.

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    Markus – 17.12.2011 - 20:40

    Linker Terror erschöpft sich nicht in brennenden Autos – siehe Ackermann, siehe RAF, siehe Stalin, …

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    Piet – 17.12.2011 - 21:01

    Da sind wir auch einer Meinung. ;)

    Als linke Gewalt wird aber auch gewertet, wenn Steine geworfen werden, um das Anlegen eines Bootes voll mit Rechtsradikalen zu verhindern. Die gleiche Stufe wie ein Rechtsradikaler, der den Kopf eines Obdachlosen gegen den Kannstein tritt?

    Will sagen: So sehr ich der Grundaussage von JNP zustimme (ich lese sie auch sonst mit Interesse), ist ein Mindestmaß an Differenziertheit (auch bzgl. notwendiger Gewalt: Notwehr, z.B.) durchaus angeraten.

  • Theeuropean-placeholder
    Will Tanner – 17.12.2011 - 23:34

    In den genannten Beispielen differenziert das Strafgesetzbuch nach dem Tatbild (versuchte ev. schwere Körperverletzung oder versuchter Mord) und das ist gut so.

    Was JNP meiner Ansicht nach zu Recht sagt, ist, dass bei allen Extremisten der gleiche über Leichen gehende, menschenverachtende Fanatismus vorhanden ist und es eher taktischen als humanitären Erwägungen geschuldet ist, wenn Linksextreme sich derzeit noch mit dem Abfackeln von Autos oder dem Steine werfen begnügen.

    Linksextremismus ist heute in der Gesellschaft, vor allem unter den Eliten und Meinungsführern (Akademiker, Pfarrer, Journalisten, Lehrer usw.) akzeptiert und en vogue. Kaum einer ist noch da, der NICHT nach dem starken Staat ruft, der das Gute notfalls durch Zwang durchsetzen soll oder der NICHT “gegen Rechts”, gegen Atomkraft, für “Klimaschutz”, gegen den Kapitalismus, gegen die USA, gegen Israel, gegen die Bundeswehr usw. agitieren würde. Auf diese Weise rückt die Gesellschaft immer weiter nach links, ohne dass man diese Entwicklung herbeibomben müsste. Durch Mordanschläge oder Entführungen von Arbeitgeberverbandschefs o.ä. würde man die für den Linksextremismus günstige Stimmung unter diesen Multiplikatoren sogar gefährden und das wissen die meist aus der intellektuellen Oberschicht stammenden Linksextremisten. Deshalb halten sie sich derzeit eher zurück.

    Sobald sie das Sagen haben oder sich die Entwicklung zu ihren Ungunsten ändern sollte, regiert auch ihrerseits wieder die nackte Gewalt.

  • Theeuropean-placeholder
    thomas ex gotha – 18.12.2011 - 13:05

    Ein unfassbar ahnungsloser Artikel voller unwahrer Behauptungen und Unterstellungen, nur noch überboten von den Kommentatoren. Frau Pyka meint, es gebe in der BRD eine Unterscheidung zwischen den Opfern linker bzw. islamistischer und denen rechter Gewalt. Aus Mangel an Opfern von links wird dann auf brennende Porscheautos eingegangen, die Morde des “NSU” aber erwähnt sie nicht einmal, denn dann müsste sie eingestehen, dass man hierzulande rechten Terror so sehr ignoriert, dass man ihn bei der Ermittlung nicht einmal in Erwägung zieht.
    Zu den Kommentatoren:
    1.) “Markus” schreibt: “Linker Terror erschöpft sich nicht in brennenden Autos – siehe Ackermann, siehe RAF, siehe Stalin, …” und ist damit einer der weltweit ersten, der Josef Ackermann einen linken Terroristen nennt. Glückwunsch!
    2.) “Will Tanner” schreibt, Linksextremismus sei unter Akademikern, Pfarrern, Journalisten und Lehrern akzeptiert. Er kennt offenbar keinen einzigen Vertreter dieser Bevölkerungsgruppe persönlich.
    Mit der folgenden Aussage aber hat sich Herr Tanner zumindest eine Fußnote in der Geschichte paranoiden Denkens verdient: “Durch Mordanschläge oder Entführungen von Arbeitgeberverbandschefs o.ä. würde man die für den Linksextremismus günstige Stimmung unter diesen Multiplikatoren sogar gefährden und das wissen die meist aus der intellektuellen Oberschicht stammenden Linksextremisten. Deshalb halten sie sich derzeit eher zurück.” Genau so ist es. Auch zu dieser intellektuellen Leistung meinen Glückwunsch.

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name ... – 18.12.2011 - 13:16

    @thomas ex gotha
    Ahnungsloser! Ackermann ist nicht linker Täter, sondern Opfer linker Terroristen geworden. Aber ich denke, das wissen Sie, Sie lieben es – wie viele Linke – Spott zu treiben – anstatt die Fakten zu betrachten.

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